Banons Buch über DSK

"Das Schwein hat mir mein Leben gestohlen"

Die Ermittlungen gegen Dominique Strauss-Kahn sind eingestellt. Dennoch gibt Tristane Banon nicht auf: In einem Buch erhebt sie schwere Vorwürfe.

Ist sie ein verstörtes Opfer, das ungerecht behandelt wird? Oder eine psychisch instabile Lügnerin, die mit allen Mitteln die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und Kasse machen will? Sie hat ein engelsgleiches Gesicht – und doch spaltet Tristane Banon wie derzeit kaum eine andere Persönlichkeit die Gemüter Frankreichs.

Abgesehen vielleicht nur von den Kandidaten für die Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr. Und dem von Dominique Strauss-Kahn, dem ehemaligen Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), dem die junge Schriftstellerin versuchte Vergewaltigung vorwirft.

Obwohl die französische Justiz die Vorermittlungen gegen den Politiker gerade einstellte, will sie nicht aufgeben und Zivilklage gegen ihn einreichen. Erst dann, wenn ein Prozess stattgefunden habe, könne ein Opfer ein neues Leben beginnen, sagt Banon.

"Vor acht Jahren hat mir das Schwein mein Leben gestohlen", schreibt sie im Vorwort zu ihrem neuen Buch "Le Bal des Hypocrites" ("Der Ball der Heuchler"), das nur wenige Stunden vor der Einstellung der Ermittlungen erschien. Auf 126 Seiten schildert die 32-Jährige die Affäre Strauss-Kahn aus ihrer Sicht, wie sie die Verhaftung des 62-Jährigen im Mai an ihren eigenen Fall erinnert habe.

Banons Klage zum Zeitpunkt der Zimmermädchen-Affäre

Tatsächlich hat der Zeitpunkt ihrer Klage viele Rätsel aufgegeben. Denn Banon erstattete just in dem Moment Anzeige gegen Strauss-Kahn, als in den US-Medien durchsickerte, dass das Strafverfahren gegen ihn wegen versuchter Vergewaltigung eines New Yorker Zimmermädchens eingestellt werden solle.

Banon wirft dem Ex-Chef des IWF vor, er habe 2003 versucht, sie zu vergewaltigen, als sie ihn für ihr Erstlingswerk "Eingestandene Irrtümer – von Männern" interviewte. Strauss-Kahn dagegen sagte gegenüber der Polizei aus, er habe versucht, die junge Frau zu küssen. Als sie ihn zurückgestoßen habe, habe er nicht weiter insistiert, und sie sei wütend davongegangen.

Bereits 2007 hatte Banon während einer Fernsehdiskussion erzählt, der Politiker sei damals wie "ein brünftiger Schimpanse" über sie hergefallen. Allerdings wirkte sie dabei alles andere als verstört. Der Name Strauss-Kahns wurde durch einen Piep-Ton überdeckt.

In "Der Ball der Heuchler" geht Banon weder auf den Angriff vor acht Jahren ein, noch nennt sie Strauss-Kahn bei seinem Namen. Sie spricht nur von dem "Schwein" oder dem "Pavian". Denn sonst würden ihr in Frankreich Verleumdungsklagen drohen.

"Da war auch diese Sendung, das war vor vier Jahren, und der Alkohol hatte mich hemmungslos gemacht", schreibt sie in ihrem Buch. "Ich habe endlich geredet, aber ich habe dabei zu viel gelächelt. Ich hätte schluchzen müssen, damit man die Schäden, die diese Sache anrichtet, versteht."

Wie Molière habe sie über das, was sie zum Weinen brachte, lachen wollen. Außerdem habe die Debatte in Form eines Dinners stattgefunden. "Niemand hätte die aufgezwungene Psychositzung einer noch nicht komplett geheilten jungen Frau geschätzt."

Nach der Sendung hätten ihr die anderen Teilnehmer angedeutet, dass sie um Strauss-Kahns Ruf wüssten. "Aber man sollte keine Wellen schlagen, nichts zum Volk durchdringen lassen. Nur die Elite durfte es wissen, nur die Elite konnte ihren Mund halten."

"Fragen Sie mich nie mehr, warum ich Anzeige erstattet habe"

Später, als das New Yorker Zimmermädchen Anklage gegen den einstigen Hoffnungsträger der Sozialisten erhob, erklärte der frühere Kulturminister Jack Lang, es sei doch niemand zu Tode gekommen. "Nein, es ist niemand zu Tode gekommen, es sind nur ein paar Leben zerstört worden", schreibt Banon.

"Und ich, ich habe nachgerechnet. Innerhalb von acht Jahren? Drei pro Woche? Zwölf pro Monat? 144 pro Jahr? 1152 seit mir? (…) Aber fragen Sie mich nie mehr, warum ich Anzeige erstattet habe. Schauen Sie sich selbst an, und antworten Sie an meiner Stelle."

Banon berichtet in ihrem Buch auch über die Reaktionen auf ihre Klage. Denn während sie von vielen Seiten Unterstützung erfuhr, schlug ihr auch viel Misstrauen entgegen, da ihre Persönlichkeit viele Rätsel aufgab und -gibt. "Ich stelle fest, dass Madame Banon als Leitartiklerin für die Internetseite Atlantico arbeitet, eine Seite, die politisch der Regierungspartei UMP nahesteht", erklärte der Strauss-Kahn nahestehende Abgeordnete Jean-Marie Le Guen damals.

Tatsächlich wird die erst im Frühjahr lancierte Seite von Arnaud Dassier geleitet, der 2007 im Internet den Wahlkampf für Staatspräsident Nicolas Sarkozy organisierte. Mittlerweile scheint Banon jedoch nicht mehr für das Portal zu schreiben.

Obwohl sich Tristane Banon selbst auch als Journalistin bezeichnet, hat sie sich in der Zunft bisher keinen großen Namen gemacht. Nach dem Abschluss einer Journalistenschule in Paris vor elf Jahren machte sie zunächst ein Praktikum bei der Zeitschrift "Paris Match" und arbeitete dann kurz als freie Mitarbeiterin für die der Regierung nahestehende Tageszeitung "Le Figaro".

"Seit acht Jahren ist mein Gefühlsleben ein Chaos"

Sie sei eine zerbrechliche Persönlichkeit, die seit ihrer Kindheit traumatisiert sei, verlautete es aus der Pariser Literaturszene, als sie Anzeige gegen Strauss-Kahn erstattete. So erzählte Banon, die mit richtigem Vornamen Anne-Caroline heißt, einmal in einem Interview, sie habe ihren Vater, den Ökonomen Gabriel Banon, nie kennengelernt.

Eine Aussage, die er gerade in einem Interview dementierte. Ihre Mutter, die sozialistische Politikerin Anne Mansouret, berichtete die Schriftstellerin früher, habe sie einer marokkanischen Kinderfrau überlassen, die sie misshandelt habe. Zudem seien bei ihrer Mutter ständig Männer ein- und ausgegangen, und ein Freund der Familie habe sie unsittlich berührt.

"Seit acht Jahren ist mein Gefühlsleben ein Chaos. Eines Tages werden sie darin herumwühlen, nachgraben. Dann werden sie die überzähligen entdecken, die zu alten, die zu jungen", erklärt sie in Bezug auf die Gerüchte über ihre Affären.

Doch bis zu dem "Unfall" mit Strauss-Kahn sei sie anders gewesen und habe sogar den Ruf einer langweiligen Spießerin gehabt. Der Vorfall habe jedoch alles verändert. Sie habe gelernt, Körper und Gefühle zu trennen, weil es die einzige Möglichkeit gewesen sei, das Geschehen zu ertragen und zu genesen.

"Der Ball der Heuchler" ist nun ein neuer Versuch, alles zu verarbeiten. Es ist nicht das erste Mal, dass Banon in einem Buch mit ihrer Vergangenheit abrechnet. Auch frühere Bücher tragen autobiografische Züge. Dichtung und Wahrheit sind schwer zu unterscheiden. Das zeigt auch der Fall Strauss-Kahn. Denn zunächst bezeichnete sich Tristane Banon als Freundin von Camille, der Tochter des Politikers aus der Ehe mit Brigitte Guillemette, ihrer Patentante.

Guillemette jedoch widerspricht – zumindest teilweise – und reichte im Sommer eine Diffamierungsklage ein. Weder sie noch ihre Tochter Camille seien mit Banon und ihrer Mutter Anne Mansouret eng befreundet gewesen, erklärte sie. Sie habe Mansouret beruflich gekannt.

Mit 18 Jahren habe Tristane Banon einen streng katholischgläubigen jungen Mann heiraten wollen, sei aber nicht getauft gewesen. Mansouret habe sie deshalb gebeten, die Patin zu werden, da sie praktizierende Katholikin sei, sagt die Ex-Frau von Strauss-Kahn.

Tristane Banon gibt weiter Rätsel auf. "Ich bin anscheinend kein ,gutes‘ Opfer", sagt sie selber über sich. "Aber was ist ein gutes Opfer?"