Mord an Mirco

Einblick in die Abgründe des Angeklagten Olaf H.

Der Mord an Mirco ist unentschuldbar – deshalb schweigt Olaf H. bei seinem Prozess. Zeugen und Anwälte geben Einblick in die Abgründe des mutmaßlichen Täters.

Die ersten finden sich schon um 7.30 Uhr am Nordwall in Krefeld ein. Einschüchternd wirkt das Gerichtsgebäude, ein klassizistisches Monstrum aus Gründerzeiten, vor der Tür gibt es Absperrungen, ein Justizbeamter versucht den Überblick zu behalten, wer nun Schaulustiger ist, wer zur Presse gehört und wer ein Beteiligter dieses größten Prozesses der Stadt in den vergangenen 25 Jahren ist, wie es in einer Pressemitteilung heißt.

Der Mirco-Prozess beginnt an seinem ersten Tag verspätet wegen der Sicherheitsmaßnahmen doch vor allem wegen des großen Andrangs. Es geht um die Tötung eines Zehnjährigen und um die Verurteilung eines Mörders, denn dass Olaf H., der Angeklagte, der Mörder von Mirco aus Grefrath ist, daran besteht kein Zweifel.

Zwei Rentnerinnen sind aus Kempen, zehn Kilometer entfernt von Grefrath, wo Mircos Familie lebt, gekommen. Es ist ihr erster Prozess, die Frauen sind aufgeregt. Es sei nicht die Neugier, die sie hierhin getrieben habe, sagen sie. Man habe ja auch Kinder und Enkelkinder, sie hätten mit Mirco gelitten und wollten nun dem Mann in die Auge sehen, der dafür verantwortlich sei. Die eine Frau läuft auf Krücken, sie wird nicht in den Saal gelassen werden. Es sind einfach zu viele Menschen, die das gleiche hertreibt: Ihn einmal sehen, diesen Mann. Es ist zu gefährlich auf Krücken dort.

Im ersten Stock, vor dem Gerichtssaal, steht Ingo Thiel, Leiter der Soko Mirco, die das Verschwinden des Jungen am 3. September vergangenen Jahres aufklären sollte. Thiel, der inzwischen zu einer Art Held mutiert ist, weil er nach 150 Tagen Olaf H. doch noch fasste, lächelt. Er ist ein anderer geworden im vergangenen Jahr, soviel sieht man. Mircos Eltern, die im Prozess als Nebenkläger auftreten, werden heute von ihrer Anwältin vertreten.

Seine Mutter soll im Laufe des Prozesses, der mit 15 Verhandlungstagen noch bis Ende September gehen soll, als Zeugin aussagen. Allerdings kommen die meisten Zeugen aus dem Umfeld von Olaf H. Es geht in solchen Prozessen nie um die Opfer, immer um den Täter, denn das Schwurgericht unter dem Vorsitz von Richter Herbert Luczak muss über die Schuld des Angeklagten befinden.

Im Fall von Olaf H., der vorher nie strafrechtlich aufgefallen war, geht es um lebenslänglich mit „besonderer Schwere der Schuld“. „Lebenslänglich“ bedeutet in Deutschland statistisch gesehen 17 bis 20 Jahre Haft, bei „besonderer Schwere der Schuld“ 23 bis 25 Jahre. Wenn die Richter Olaf H. auch in Zukunft als gefährlich einstufen, kann es sein, dass eine anschließende Sicherungsverwahrung angeordnet wird, was bedeuten würde, dass Olaf H. möglicherweise niemals mehr frei kommt.

Es geht also um einiges für den Mann, der unter Raunen und Blitzlichtgewitter den Gerichtsaal betritt und neben seinem Anwalt Gerd Meister Platz nimmt. Olaf H. trägt einen dunklen Anzug, ein schlammfarbenes Hemd und Krawatte, sein Gesicht versucht er mit einer Baseballkappe, einer Sonnenbrille und einem Hefter vor den Fotografen zu verbergen.

Er wird in der Verhandlung, auch nachdem die Fotografen aus dem Saal gegangen sind, nicht zugänglicher. Im Gegenteil. Nach Verlesung der 26 Seiten langen Anklageschrift räumt sein Anwalt die Vorwürfe ein. „Es wurde fair ermittelt. Die Beweislage ist vernichtend“, sagt Meister.

Ja, Olaf H. habe Mirco entführt und ihn mit einer Schnur erdrosselt. Doch Nein, er sei nicht noch einmal zur Leiche zurückgekehrt und auch habe er seinem Opfer kein Messer in den Hals gerammt. Dennoch werde das Verfahren gegen seinen Mandanten „ Einblicke in Abgründe “ gewähren, sagt Meister. Nein, das Motiv der Tat sei nicht Wut darüber gewesen, dass er keine Erektion bekommen habe, als er versuchte das Kind zu missbrauchen. „Ich habe ihn getötet, damit er mich nicht verraten kann“, hatte er einmal zu Protokoll gegeben.

Olaf H. wird im Prozess schweigen, verkündet sein Anwalt, er werde sich nicht bei Mircos Eltern entschuldigen, weil die Tat eben unentschuldbar sei.

Es ist noch nicht alles klar im Fall Mirco. Den Rest des Tages arbeiten sich die Richter durch die Verhörprotokolle der Polizei, gehen die einzelnen Versionen durch, mit denen H. verzweifelt versucht hat, seinen Kopf doch noch aus der Schlinge zu ziehen: Dass er den sterbenden Jungen nur auf einem Parkplatz fand, dass es ein Unfall war, dass er nur mit ihm reden wollte, dass Mirco sich selbst ausgezogen habe…So arbeitet sich unter gelegentlichem Raunen des Publikums das Gericht durch diesen Wahnsinn, den die Soko zu ermitteln hatte.

Die Angst des Jungen vor ihm ist allerdings ein immer wiederkehrendes Motiv. Olaf H. erkannte die Angst des Jungen, das sagte er auch in den Vernehmungen.

Wächsern starrt der Angeklagte in diesen Momenten vor sich hin. Er ist dreifacher Vater, liebt seine Kinder, spielte gern mit ihnen im Garten. Nun hat er keinen Kontakt mehr zu seiner Familie, sie hat das gemeinsame Haus in einem Neubaugebiet im niederrheinischen Schwalmtal inzwischen verlassen, und lebt mit neuer Identität irgendwo in Bayern, heißt es. Bis auf ein, zwei „Ja“ hat Olaf H. noch nichts gesagt an diesem ersten Tag. Er sei nicht in der Lage dazu, sagt sein Anwalt für ihn.

H. ist als Häftling dreimal verlegt worden, weil ihn seine Mitinsassen verprügelt haben sollen. Sein Mandant sei suizidgefährdet, sagt Meister schließlich noch.