Zweifel am Geständnis

Was verbirgt Olaf H. im Fall Mirco?

Im Fall Mirco schweigt der Angeklagte beharrlich. Seine Aussagen werden nach und nach von Zeugen widerlegt. Was stimmt nicht an seiner Geschichte?

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Im Strafprozess geht es eigentlich nicht um die Tat, es geht um den Angeklagten. Es geht darum, seine Schuld zu ermessen, sie ist der Maßstab für das Strafmaß, das dieser Schuld entsprechen muss unter Berücksichtigung der Persönlichkeit des Täters. Natürlich ist die Tat dabei von Belang, aber auch das Verhalten des Täters danach: Zeigt er Reue, kooperiert er bei der Aufklärung der Tatumstände, zeigt er sich einsichtig.

Auch für Olaf H., der vor dem Landgericht Krefeld des Mordes an Mirco S. aus Grefrath angeklagt ist, ist dieser Umstand von Belang. Dabei geht es in seinem Prozess nicht darum festzustellen, ob er die ihm zu Last gelegte Tat begangen hat, es geht darum, ob er für den Rest seines Lebens hinter Gittern muss, oder ob er eventuell, nach langer Zeit die Chance erhält, frei zu kommen. Im Moment, nach dem dritten Prozesstag, zu dem wieder viele Schaulustige nach Krefeld kamen, sieht es nicht danach aus. Ein Umstand, den die meisten der Zuschauer des Prozesses gegen den 45-Jährigen begrüßen würden.

Herbert Luczak, der Vorsitzende Richter, fand klare Worte an diesem Freitag, und er richtete sie an Olaf H., der wie an den vorherigen Terminen eher in sich gekehrt wirkte, eher teilnahmslos resignierend als kalt und berechnend, wie einige Beobachter meinten festzustellen. "Lebenslang kann tatsächlich lebenslang sein. Glauben Sie nicht, lebenslang sind nur 15 Jahre – das ist falsch", sagte Luczak. Doch Olaf H. schwieg weiter, auch nachdem ihm noch einmal vor Augen geführt wurde, wie lückenhaft, wie unzureichend sein Geständnis ist.

Es geht darum festzustellen, was Olaf H. dem Jungen angetan hat , und warum der ehemalige Telekom-Mitarbeiter und Familienvater Mirco S. am 3. September 2010 auf dem Nachhauseweg entführte und tötete, zumal er bis dahin nie strafrechtlich in Erscheinung getreten war, nichts darauf hingedeutet hatte, dass dieser unscheinbare Mann ein solch furchtbares Verbrechen begehen könnte. Niemand weiß, was in Olaf H. vorging an diesem Tag, fest steht lediglich, dass alle Erklärungen, die Olaf H. in seinen Vernehmungen bei der Polizei gemacht hatte, falsch oder unzureichend sind.

So hat H. in seiner Vernehmung ausgesagt, dass ein Gespräch mit seinem Chef, der ihn "zusammengefaltet" habe, der Auslöser für die Tat gewesen sein soll. Das Gespräch hingegen hat nach bisherigen Erkenntnissen gar nicht stattgefunden.

Ein Beamter, der Olaf H. damals verhörte, sagte als Zeuge vor Gericht: "Es ist der Eindruck geblieben, dass nicht alles gesagt wurde." Olaf H. habe bei der Vernehmung oft minutenlang nachgedacht, bevor er eine Antwort gegeben habe. Er sei meist emotionslos, distanziert und seltsam gewesen.

So auch, als er die Ermittler der Soko Mirco zur Leiche des Jungen geführt habe, die nachdem sie monatelang im Freien gelegen hatte, der Rechtsmedizin wenig Aufschluss über die Umstände der Ermordung des Jungen geben konnte. Umso wichtiger sind die Aussagen des Angeklagten, umso mehr Bedeutung bekommen die "ernsthaften Zweifel, ob das alles war, was es zu gestehen gibt", von denen Richter Luczak am Freitag, dem 29.Juli sprach.

Zuvor hatte eine Zeugin bereits die Angaben von Olaf H. widerlegt. Schon mehr als zwei Stunden vor der Entführung von Mirco parkte ein Kombi an der Stelle, an der der Junge entführt wurde. H. hatte gesagt, er habe sich spontan zu der Tat entschlossen, nachdem er stundenlang über Landstraßen der Region gefahren sei.. Mirco wäre mit seinem Fahrrad gerade in dem Moment vorbeigefahren, als H. habe austreten müssen.

Auch Mircos Eltern waren erneut in den Gerichtssaal gekommen und folgten dem Verhandlungstag. Sie sahen sich auch einen Videofilm an, mit dem die Polizei die Fahrstrecke des mutmaßlichen Kindermörders und damit den letzten Weg ihres Sohnes rekonstruierte. Ein Helikopter hatte die Eskorte begleitet und die Strecke auch aus der Luft gefilmt.

Demzufolge war der 45-Jährige nach der Entführung 24 Minuten im Auto mit dem Kind unterwegs, bis er zu dem Waldstück kam, in der er den Jungen ermordet haben soll und in dem fünf Monate später die Leiche entdeckt wurde. "Wenn da noch was ist, sollten sie überlegen, es zu sagen", sagte Richter Luczak in Richtung des Angeklagten. Und fügte hinzu: "Wenn es etwas gibt, das zu therapieren ist, sollten sie sich im eigenen Interesse dazu bekennen", Olaf H. hat nun bis zum 12. August Zeit, sich Gedanken darüber zu machen. Dann wird der Prozess fortgesetzt.