Münster

Glaubenskrieg um schwulen Schützenkönig

In Münster tobt ein Glaubenskrieg wegen eines schwulen Schützenkönigs. Dirk Winter qualifizierte sich für das Bundesschießen – und soll disqualifiziert werden.

Foto: dpa / dpa/DPA

Das Schützenfest der Bruderschaft St.-Wilhelmini-Kinderhaus hätte kaum besser sein können. Vor allem über das Wetter an diesem 3. Juni freuten sich die Schützen aus dem Vorort von Münster. Es gab Bier, man feierte einen „harmonischen Schützenball“ mit „großer Tombola“. Bis in den Morgen ließ die Bruderschaft nun auch ihren neuen Schützenkönig hochleben: Dirk Winter, seit 16 Jahren im Verein, hatte den Vogel mit dem 366. Treffer abgeschossen. Ein Jahr soll der 44-jährige Unternehmer nun regieren. An seiner Seite: Oliver Hermsdorf, sein „Königsgemahl“ wie auf der Homepage des Vereins zu lesen ist. Ohne Anführungszeichen.

Es gibt ein offizielles Foto vom Hofstaat des Schützenkönigs Dirk Winter: Da steht also der offen schwule König mit seiner Kette in der grünen Uniform, neben ihm sein Freund, der Königsgemahl im Anzug, und die Ehrenddamen in festlichen Kleidern. Das Foto zeigt außerdem die Königsbegleiter sowie die Schülerprinzen.

Dirk Winter ist keine Schwulenikone

Es ist ein Foto wie in den vorherigen Jahren auch, und man könnte es als Beleg dafür nehmen, wie selbstverständlich selbst in konservativen Kreisen in Deutschland mit Homosexualität umgegangen wird. Eigentlich ist es ein Foto, auf das man stolz sein könnte: ein schwuler Schützenkönig. Doch nicht alle sind stolz darauf.

Dirk Winter eignet sich nicht als Schwulenikone. Und bisher ist er auch nicht sonderlich aufgefallen als Kämpfer für die Rechte Homosexueller. Seit 16 Jahren ist er bereits Mitglied in der Schützenbruderschaft, „und ich habe nie ein Problem gehabt“, sagt er. „Mir ist gar nicht in den Sinn gekommen, dass das ein Problem werden könnte“, fügt er hinzu. Es gab auch schon schwule Schützenkönige, allein in Nordrhein-Westfalen mindestens zwei.

Der Eklat begann erst, als Dirk Winter eine Schützenkönigin bestimmen musste. „Ich wollte eigentlich erst jemand anderen fragen“, hat er kürzlich noch gesagt. Dann hätten ihn Freunde im Verein ermutigt: „Mach doch den Olli zur Königin.“ Oliver ist seit 15 Jahren sein Partner.

Vor ungefähr zehn Jahren war er in einem anderen Verein schon einmal Schützenkönig geworden, hatte sich damals allerdings eine Bekannte zur Königin gewählt. Auch diesmal wollte sich Winter, wie er sagt, „nicht als Tabubrecher hervortun“.

Gemahl Oliver durfte beim Umzug die grüne Schärpe nicht tragen

Doch dann schaltete sich der Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften (BHDS) ein. Und der Ärger begann. Zunächst ging es um eine Protokollfrage: So gab es eine Verfügung des BHDS, dass Winter und sein Königsgemahl beim Umzug des Landesbezirkskönigsschießens am vergangenen Sonntag hintereinander statt nebeneinander gehen sollten.

Man fand einen Kompromiss: Winter und sein Partner zogen zwar nebeneinander durch die Altstadt von Horstmar, doch der Königsgemahl trug die grüne Schärpe der Königin nicht. Da Oliver Hermsdorf nicht mit den Insignien einer Königin ausgestattet war, wurde den am katholischen Glauben angelegten Statuten genüge getan, befand der BHDS.

Allerdings gewann Winter auch dieses Schießen und hat sich für den wichtigsten deutschen Wettbewerb, dem Bundesschießen in Harsewinkel, qualifiziert, was dem Verband dann doch zu weit ging. Man prüfe nun, ob ihm der Titel des Bezirksmeisters aberkannt wird, heißt es nun beim BHDS, deren Würdenträger schließlich in der Verpflichtung stünden, für die katholischen Glaubensgrundsätze einzutreten.

Laut Verband fehlt es Winter Sitte

Winter habe vor dem erfolgreichen Schuss gegen Regeln verstoßen. „Er hatte vorher in einem Fragebogen unterschrieben, dass er sich christlichen Werten verpflichtet fühlt und nach dem Motto ‚Für Glaube, Sitte und Heimat‘ lebt“, sagt BHDS-Sprecher Rolf Nieborg. Der schwule König müsse respektieren, wofür ein Schützenverein stehe. Nämlich für ein Weltbild, in dem die Familie große Bedeutung habe. „Das ist doch wie beim lateinamerikanischen Tanz.“ Dazu gehörten auch Mann und Frau.

Deutschlands Lesben- und Schwulenverband wirft dem Dachverband und den christlichen Würdenträgern im Vorstand „Scheinheiligkeit und Realitätsverleugnung“ vor.

Dirk Winter sagt, dass er „schon ein bisschen stinkig“ gewesen sei, als er von seiner möglichen Disqualifikation erfahren habe. Allerdings warte er nun erst einmal ab, dann wolle der Bundesverband seine endgültige Entscheidung bekannt geben. „Solange sage ich erstmal nichts dazu.“