Legalisierung

823 Homopaare geben sich in New York das Jawort

In Manhatten gaben sich 823 gleichgeschlechtliche Paare das Jawort. New York ist der sechste und größte Bundesstaat, der damit die Homoehe legalisiert hat.

Kitty Lambert und Cheryle Rudd konnten es nicht abwarten: Die beiden Damen haben schon Schlag zwölf in der Nacht von Samstag auf Sonntag geheiratet – ganz oben in Norden, wo der Bundesstaat New York mit Kanada zusammentrifft.

Ein Foto zeigt das fröhliche Brautpaar vor dem Hintergrund der Niagarafälle, die extra regenbogenbunt angestrahlt wurden. Als Gäste waren auch Abgeordnete der Legislative von New York zur Hochzeit erschienen, die schon vor ein paar Wochen für die gleichgeschlechtliche Ehe gestimmt hatten.

Jene, die nicht ganz so ungeduldig waren, standen um acht Uhr vor den Standesämtern Schlange. In Manhattan war es ein bunter Haufen, der sich einmal um den Häuserblock wickelte. 823 gleichgeschlechtliche Paare, so hatten wir auf dem Weg zum Standesamt in der Zeitung gelesen, hatten sich für diesen Tag eine Heiratslizenz gezogen, es konnte also lustig werden. Großes Medientamtam: mehrere Übertragungswagen, Fotokameras, gezückte Notizblöcke.

Wir sahen ein Rollschuhpaar: die eine Braut weiß, die andere dunkelhäutig, beide sehr jung und sehr hübsch, beide in Netzstrümpfen, beide strahlend. Wir sahen ein älteres schwules Paar, beide sehr bürgerlich in frisch gebügelten weißen Hemden, aber ohne Jacketts (auf New York liegt die Hitze dieser Tage wie ein feuchter Albdruck).

Wir sahen einen Chassiden, also einen frommen Juden mit Hut im schwarzen Anzug, der ein Schild mit der Aufschrift „Bad Idea“ hochhielt und sich freundlich, ohne jemanden anzurempeln, seinen Weg durch die Menge bahnte. Wir sahen eine Chuppa, einen jüdischen Traubaldachin in den Farben des Regenbogens, der auf der anderen Straßenseite gegenüber dem Eingang zum Standesamt aufgespannt worden war. Eine Rabbinerin mit kurzgeschorenem Haar und Kippa auf dem Kopf wartete unter ihm auf Kundschaft.

Vor ziemlich genau einem Monat, nämlich am 25. Juni, hatten wir vor dem „Stonewall Inn“ in der Christopher Street gestanden und den Jubel erlebt, als Andrew Cuomo, der Gouverneur von New York, nach allerhand parlamentarischem Hin und Her das Gesetz über die gleichgeschlechtliche Ehe ratifizierte.

Lassen wir kurz die Geschichte Revue passieren: 1969 hatten sich Schwule im „Stonewall Inn“ bei einer Razzia nicht mehr einfach so von der Polizei abführen lassen wollen, es kam zum berühmten Aufruhr in der Christopher Street – das war der Anfang der Schwulen- und Lesbenbewegung in Amerika und der gesamten zivilisierten Welt.

Heute, an diesem Sonntag, werden in New York die ersten schwulen und lesbischen Pärchen getraut. Ein Kreis hat sich geschlossen. Naturgemäß war zu diesem Anlass auch eine Abordnung der „Westboro Baptist Church“ erschienen.

Bei jener Baptistengemeinde handelt es sich um eine Kirche in Kansas die im Wesentlichen aus Fred Phelps und seiner Familie besteht und regelmäßig Begräbnisse von Soldaten stört: Tote amerikanische Soldaten sind gemäß der Theologie der „Westboro Baptist Church“ Gottes gerechte Strafe für die Homosexualität.

Und einen kurzen Augenblick lang fuhr uns an diesem Sonntagmorgen der Schreck in die Glieder: Was, wenn jemand, der sich vom Gedankengut dieser unchristlichen Christen hat infizieren lassen, nun plötzlich das Feuer eröffnet? Es wäre ja so einfach.

Aber die Familie Phelps begnügt sich damit, Schilder hochzuhalten; eine hoch aufgeschossene Frau brüllt: „God hates fags“ (Gott hasst Tunten). Und immer wieder: „God hates fags.“ Ein junger Mann auf der anderen Straßenseite gibt ihr eine stumme Antwort, er hält ein Pappschild hoch, auf dem steht geschrieben: „Gott liebt alle Menschen“ und „Gott liebt unsere Soldaten“.

Nun zählt jemand laut von zehn rückwärts. Als er bei „null“ angelangt ist, schwingen die goldenen Türen des Standesamtes nach innen auf, ein kleiner Schrei der Befriedigung steigt zum Himmel hoch, und die ersten Paare stürmen die Marmorhallen, die hinter den goldenen Türen liegen.

Endlich. Es ist vollbracht. Im Iran werden Schwule an Baukränen aufgehängt; in Uganda riskieren sie lebenslange Haftstrafen, weil Homosexualität „antiafrikanisch und antichristlich“ sei. In der Karibik rufen populäre Reggae-Songs zum Lynchmord an Schwulen auf. Doch daran denkt hier in New York in diesem Augenblick kein Mensch.

Das letzte Wort wollen wir deshalb einem älteren Herren lassen, der beinahe geschäftsmäßig aussah – wie jemand, der gleich mit der U-Bahn zum Büro fahren wird. Auf dem Stück Pappe, das dieser Herr hochhielt, stand, von vielen kitschroten Herzen umkränzt, eine ewige Weisheit: „All you need is love.“