Vier Fäuste

Von Dunstkiepen und Sargbegonien

Sonntagmittag, nichts zu tun. Die Fernbedienung liegt in Reichweite. Faul wälzt man sich auf dem Sofa rum, zappt durch das Programm. Und bleibt bei ein paar alten Bekannten hängen. Puff, Bäng, Bum – der Tag ist gerettet, Bud und Terence sind da.

Auf eine Sache kann man sich im deutschen Fernsehen verlassen. Schaltet man an einem Sonn- oder Feiertag die Kiste an, läuft auf jeden Fall irgendwo ein Film mit Bud Spencer und Terence Hill. Und das ist auch gut so. Die Helden der Generation Golf oder X oder Thirtysomethings dürfen nicht aussterben. Ja, das waren die wirklichen Heroen der Kinderzimmer. Löwenzahn, pah, Biene Maja, oh Gott! Und Thomas Gottschalk konnten damals schon nur die wenigsten ertragen. Kinderseelen sind empfindlich.

Vergessen Sie Ernie und Bert, Sonny und Crocket oder Simon und Simon. Die deutsche Jugend hatte lange Zeit andere Vorbilder in Sachen Coolness als diese Langweiler. „Ne Harfe ist ein Gartenzaun, wo man reingrapscht“ - so einfach ist die Welt zu erklären, und das haben Bud Spencer und Terence Hill immer verlässlich getan. Auch Sätze wie „Mach die Denkmurmel zu“ können einem bei aufsässigen Kollegen auf dem Pausenhof schon mal ein paar wichtige Sekunden verschaffen, bevor es was auf selbige Denkmurmel gibt.

Da fällt einem doch glatt die Qualle aus dem Drömel

Da wurde einem dann schon mal der „Gesichtserker“ eingeklappt und man sorgte besser dafür, dass dem Gegner „die Qualle aus dem Drömel“ fiel. Oder nahm die Beine in die Hand. In den frühen 80er Jahren, als die Zuschauer an einem Samstagabend noch die Wahl zwischen Heinz Schencks „Blauem Bock“ oder Hans Joachim Kuhlenkampfs „Einer wird gewinnen“ hatte, waren die beiden Italiener der Lichtblick im Abendprogramm.

Mama und Papa hatten ihren freien Abend und gingen aus in die nächste Disco, wahlweise ins „Romantica“ oder „Haus Waldesruh“, und die Kinder hatten sturmfreie Bude. Ein echtes Fest, wenn „Die rechte und die linke Hand des Teufels“ oder „Vier Fäuste für ein Halleluja“ um 20.15 Uhr auf dem ZDF lief. Babysitter und Omas hatten selten etwas dagegen, wenn „Der kleine und der müde Joe“ die Kinder unterhielten.

Die einen schauten gerne mit (auch Erwachsene können sich dem Charme der beiden Haudegen nur schwer entziehen) oder sie empfanden die Unterhaltung als absolut harmlos. (Was im Grunde genommen stimmt. Jetzt kommen Sie mir nicht mit gewaltfreiem Kinderzimmer, Ihre armen Kinder durften wahrscheinlich auch nicht Räuber und Gendarmen spielen.)

Die Sprüche sind das Sahnehäubchen

Je älter man wird, um so mehr kommen natürlich die Feinheiten der Dialoge zum Tragen. An Eleganz kaum zu überbieten, ist dieses Gespräch aus dem Film „Vier Fäuste für ein Halleluja“. Ein Mitstreiter liegt k.o. in der Ecke und rührt sich nicht und schnauft vor sich hin:

Terence: Was hat er? Zieht er Nebenluft, hat er offene Socken?

Riccardo: Nein, er hat kürzlich was vor die Birne gekriegt, das ist ihm nicht bekommen.

Terence: Aha. Von wem denn?

Riccardo: Ist mit 'ner Wildsau zusammengestoßen.

Terence: Mh, hat er so richtig was am Scheitel eingefangen, ja?

Riccardo: Mhm. (nickt)

Gut, das hat wenig mit französischen Filmen aus dem Programmkino gemeinsam. Auch ist der kasachische Problemfilm über das Leben eines Grashalms in der Steppe ohne Zweifel mit besseren Metaphern ausgestattet. Aber Filme mit Bud Spencer und Terrence Hill machen einfach Spaß.

Ja, es ist lustig zu sehen, wie die beiden in den vielen Western in ihren dreckigen T-Shirts die bösen Buben verdreschen und dabei immer die Oberhand behalten. Egal ob in Rio, am Nil oder in in einer der vielen namenlosen Städte im Wilden Westen. Die Sprüche sind dabei das Sahnehäubchen.

Bohnen essen ist ein großes Vergnügen

Sätze wie: „Frisch wie die Frühlingsfee beim Kohleklau“ vergisst man einfach nicht so leicht. Und nur echte Kenner wissen was eine „Sargbegonie“ ist. Mal ehrlich, können Sie sich noch an einen Dialog aus dem Film „Das Piano“ erinnern? Na, also.

Auch politische Statements waren in den Streifen durchaus zu finden. So sagt Terence in dem Film „Vier Fäuste gegen Rio“ als mit Getöse ein Hubschrauber angeflogen kommt: „Kommt da was gefläucht oder hast du nur wieder deine Ostuhr um?“. Nicht gerade politisch korrekt, aber ein Satz, der in die Zeit passt, in der für den Westen das Böse im Osten wohnte.

Besonders beliebt: Die Bohnenesser-Szene. Bud und Terence befinden sich in irgendeiner alten Kaschemme und bestellen Bohneneintopf. Und dann hauen die beiden rein, mampfen die Bohnen mit einer Wonne aus der Pfanne oder Holzschale, die kaum zu überbieten ist. Man kriegt garantiert sofort Hunger, egal ob man vorher gegessen hat oder nicht.

Der wuchtige Italiener mit dem Gemüt eines Elefanten

Das beruhigende an dem Filmen war immer, dass niemand verletzt wurde. Modernes Wrestling in den 70ern eben. Dazu passt auch, dass sich Schauspieler Bud Spencer in seinem Leben genau zwei Mal geschlagen hat. Der Mann, der „La Bomba“ und die Kopfnuss erfunden hat, genießt nach wie vor große Bewunderung. Und besitzt überdies viele Talente. Unter anderem kann er zwölf Patente sein eigen nennen. Zum Beispiel für so wichtige Dinge wie die Einwegzahnbürste mit eingebauter Zahnpasta oder den Spazierstock, der gleichzeitig ein Stuhl ist.

Sich selbst beschreibt der wuchtige Italiener als Dilettant mit Talent. Mittlerweile ist es um den über 70-Jährigen etwas ruhiger geworden. Er betreibt eine Stiftung, die benachteiligten Kindern hilft und ist in Rente, dreht also keine Filme mehr.

Wenn man die insgesamt über 15 gemeinsamen Streifen der beiden sieht, kann man auch verstehen, warum Terence Hill seinen beiden Kindern lange seine Arbeit vorenthielt und dann immer wieder beteuern musste, er habe bestimmt keine Superkräfte.

Terence mit den eisblauen Augen und den blonden Haaren war klar der Favorit der weiblichen Klientel. Schon 1965 zierte er das Titelblatt der Bravo, damals noch unter dem Namen Mario Girotii. Seine Mutter stammte aus Dresden, was auch sein Auftauchen in einigen deutschen Heimatfilmen der 60er Jahre erklärt. Dort spielt er meistens den smarten Gastarbeiter, der den deutschen Frauen den Kopf verdreht. Und sich, schon ganz in Bud Spencer- und Terence Hill-Manier, ganz schön viel Ärger einhandelt.

Übrigens waren die Filme nirgendwo in Europa so erfolgreich wie in Deutschland. Das liegt nicht zuletzt an der Synchronisierung. Ganze Dialoge wurden umgeschrieben und erhielten so ihren ganz besonderen Bud-und-Terence-Stil.

Den Sonntag kann der müde Partygänger, geschaffte Arbeitnehmer oder die angestrengte Mutter immer noch gut mit den albernen alten Filmchen verbringen. Wohlig kichert man in sich hinein, freut sich über die sinnfreien Dialoge und die sichere Überlegenheit der beiden Helden. Und im Zweifel kann man sogar noch etwas lernen. Das Wort zum Sonntag ist die alte sizilianische Bauernweisheit: Steht um zwölf Besuch ins Haus, ruh zunächst im Park dich aus. Hilft garantiert.

Ach ja, noch schnell für die Unwissenden: Eine Dunstkiepe ist ein Hut und mit einer Sargbegonie ist eine Pistole gemeint.