Eigentlich ist Paul Compton Hitze gewohnt – immerhin ist er gebürtiger Australier. Doch als Compton am Sonntag den ICE 1105 um 14.06 Uhr von Hamburg nach Berlin besteigt, gerät er so stark ins Schwitzen, dass er es mit der Angst bekommt. Der Zug ist überfüllt, rund 60 Menschen, schätzt er, finden keine Sitzplätze. Die gesamte Fahrt über gibt es seitens des Personals keine Information darüber, warum sich manche Abteile immer stärker aufheizen. Die vier- und sechsjährigen Söhne, die der 38 Jahre alte Übersetzer zur Mutter nach Berlin bringen will, fragen nach Getränken. Compton fragt den Zugbegleiter nach der Temperatur. „Die Klimaanlage funktioniert nur teilweise“, sagt der, mehr weiß er auch nicht. Freigetränke für die Kinder gibt es nicht.

Der ICE von Hamburg nach Berlin war am Sonntag kein Einzelfall. Nach Informationen von Morgenpost Online hatten bis zum Sonntagabend mindestens 17 Fernzüge der Deutschen Bahn Probleme mit ihren Klimaanlagen. Betroffen war auch ein ICE nach München. Bei hochsommerlichen Außentemperaturen von 30 Grad konnten drei Waggons nicht ausreichend gekühlt werden. In Jena mussten die Reisenden sich Plätze in anderen Abteilen suchen, aussteigen oder auf den nächsten Zug warten. Nach Angaben von Reisenden gab es in Jena erheblichen Unmut beim Räumen der Waggons. „Es ist nachvollziehbar, dass es auf Unverständnis stößt“, sagte dazu eine Bahn-Sprecherin.

Die betroffenen ICEs seien mit Verspätungen zwischen von 30 Minuten und einer Stunde weitergefahren. Wenn Klimaanlagen defekt sind, sei das Bordpersonal angehalten, die Reisenden zu bitten, andere Plätze einzunehmen. Wenn die Züge sehr voll sind, wie dieses Wochenende, müssten Passagiere im Extremfall auch aussteigen.

Bei einem ICE von Dresden nach Wiesbaden mussten in Eisenach rund 50 Reisende den Zug verlassen. Auch in diesem Fall war die Klimaanlage defekt. Unter den ICEs mit Problemen waren mindestens zwei Züge von beziehungsweise nach Berlin – pikanterweise auch ein Zug von der Hauptstadt nach Köln, der von der Bahn ausgerechnet in Bielefeld gestoppt wurde. In Bielefeld waren Anfang Juli vergangenen Jahres 27 Schüler in einem ICE kollabiert, nachdem sich der Zug in Folge kaputter Klimaanlagen massiv aufgeheizt hatte. Damals herrschten allerdings Außentemperaturen von rund 40 Grad. Für die Entscheidung, den Hitze-Zug weiterfahren zu lassen, war die Deutsche Bahn damals massiv kritisiert worden.

Bahn evakuiert einen ganzen Zug

Diesmal wollte die Bahn es offenbar besser machen. Sie ließ den Zug in der westfälischen Stadt komplett evakuieren, die Reisenden wurden zum Teil auf andere Züge verteilt. An Techniker, der an Bord mitgefahren war, machte sich an die Reparatur der Klimaanlage. Nach 48 Minuten konnte der Zug seine Reise fortsetzen.

Die Deutsche Bahn reagierte am Sonntag in mehreren anderen Fällen ähnlich: Züge mit zu stark aufgeheizten Abteilen wurden gestoppt, die Anlagen – wenn möglich – repariert. „Die Folge war, dass die betroffenen Züge im Durchschnitt eine Verspätung von einer halben Stunde hatten“, sagte die Sprecherin.

Schon im vergangenen Sommer hatten defekte ICE-Klimaanlagen bei großer Hitze vielfach für Ärger gesorgt. Bei der Bahn hatte es große Probleme mit überhitzten Zügen gegeben. Anfang Juli 2010 war binnen weniger Tage die Kühlung in gut 50 Fernzügen ausgefallen – teils komplett, teils in einzelnen Wagen. Daraufhin hat die Deutsche Bahn Programm gestartet, das den Check und die Erneuerung der Klimaanlagen vorsieht. In einem ersten Schritt waren die Geräte gewartet und gereinigt worden, zudem wurden störanfällige Teile ausgetauscht. Die Arbeiten sind allerdings noch nicht abgeschlossen und werden bei den besonders anfälligen Klimaanlagen des ICE2 wohl bis zum Abschluss der Überholung der Flotte bis Mitte 2013 andauern. Noch aus steht unter anderem die Anpassung der Software. „Bei allen Maßnahmen und möglichst guter Wartung wird es sich nicht vermeiden lassen, dass rund zwei Prozent der Anlagen zeitweise ausfallen“, sagte die Sprecherin. Die Bahn hat in ihren Fernzügen rund 3300 Klimaanlagen in Betrieb.

Die Bahn-Sprecherin verspricht, dass Reisenden, die unter den Folgen des Klimaanlagenausfalls zu leiden hatten, entschädigt werden. Paul Compton wurde vom Schaffner an das Reisezentrum verwiesen. Eine Mitarbeiterin gab ihm die Nummer einer Bahn-Hotline. Doch dort blieb er in der Warteschleife hängen. Dass er von der Bahn wirklich entschädigt wird, damit rechnet Compton nicht mehr.