Fragt ein Junge den anderen: „Was wünschst du dir zum Geburtstag?“ – „Einen o.b.“ – „Was ist das denn?“ – „Weiß nicht, aber damit kann man Schwimmen, Reiten und Tennis spielen!“

Ähnlich wie der Tampon in diesem – zugegebenermaßen etwas angestaubten – Witz kommt einem dieser Tage die Pille vor. Alles kann man machen, seit es sie gibt. Die Welt soll sie verändert haben, so liest man, die ganze sexuelle Revolution überhaupt erst in Gang gesetzt haben. Ohne sie, so wissen die Historiker und Journalisten, wäre eine emanzipierte und selbstbewusste Weiblichkeit im Grunde gar nicht möglich. Keine Professorin, keine Konzernchefin, keine Hillary Clinton, und erst recht keine Lara Croft. Wow.

Da dachte man jahrelang, man schlucke Morgen für Morgen ein Mittel, das es Männern ermöglicht, sich komplett aus dem Thema Verhütung rauszuhalten und Frauen dazu zwingt, sich auf ein Medikament mit für sie nicht immer deutlich absehbaren Nebenwirkungen einzulassen.

Und später, wenn sie doch mal Kinder haben wollen, so dachte man, sind die Frauen gezwungen, sich bescheuerte Geschichte über Durchfall, Erbrechen und Vergessen auszudenken, denn der Zeitpunkt für ein Kind ist ja immer ungünstig. Und wer will schon seiner gleichermaßen total emanzipierten Freundin erklären, dass man gerade jetzt seine Karriere unterbricht, wo sie doch endlich losgeht.

Da dachte man, die Pille ermögliche es einem nicht nur, das Leben besser planbar zu machen, sondern sie würde einen auch genau dazu nötigen, eben alles sehr intensiv abzuwägen, nichts dem Schicksal überlassen und generalstabsmäßig zu entwerfen. Und dabei waren diese 21 kleinen Tabletten die ganze Zeit die totale Befreiung. Nur hat man es gar nicht gemerkt. So naiv kann man sein.

Das Pathos der Festreden zum Geburtstag der populärsten Verhütungsmethode muten Nachgeborene seltsam an. „Auf einmal war alles möglich“, erzählen Frauen, die dabei waren, als die Pille zum Massenstoff wurde. „Das war ein ganz anderes Lebensgefühl. Eine ganz neue Sexualität.“ Und die Generation der aktuell verhütenden Frauen beschleicht wieder die beklemmende Gewissheit, dass man Woodstock eben einfach verpasst hat. Die chemische Revolution muss unglaublich gewesen sein. Aber vielleicht ist es auch ein gutes Zeichen, wenn Nachgeborene die Schrecken der Vergangenheit gar nicht mehr so richtig nachempfinden können.

Nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung verhüten heute in Deutschland 55 Prozent der 20- bis 44-Jährigen mit der Pille, bei den 20- bis 29-Jährigen sind es sogar 72 Prozent. Die Gefühle eines einzigen großen Sommers der Liebe sind längst vorbei. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Pille, auch wenn sie das populärste Verhütungsmittel ist, bei weitem nicht das einzige ist. Die wenigsten erwachsenen Frauen fühlen sich wirklich komplett hilflos der Wahl ausgesetzt: Pille oder Paulchen? Und doch kann man es der Pille nicht absprechen: Sie ist das sicherste Verhütungsmittel.

Von einem Aufbruch kann allerdings längst nicht mehr die Rede sein. Die Pille ist Normalität zumindest in unserem Land. So normal, dass sie gerade für Jüngere auch genau das Gegenteil von Freiheit bedeuten kann. Und das nicht nur mit Blick auf die größere Ansteckungsgefahr, die durch sie gegeben ist.

Liest man die Äußerungen von Mädchen zwischen 15 und 18, die jetzt überall zitiert werden, dann wird schnell klar, dass einige die Pille auch deswegen nehmen, weil die Jungs, die Freundinnen oder vielleicht auch die Eltern das so von ihnen erwarten, weil es dazu gehört. Eine 20-Jährige erklärt, „die Pillenschachtel gehört in die Handtasche wie das Handy.“ Hormone als Accessoire? Das wäre ein seltsamer Begriff von Freiheit. Trotzdem übrigens schnellt weltweit die Zahl der schwangeren Teenager gerade in die Höhe.

Für die Männer war die Pille, glaubt man den Zeitungsartikeln der Zeit, übrigens auch alles andere als eine Befreiung. Gloria Steinem, Ikone der amerikanischen Feministinnen, fragte 1962 in ihrem ersten größeren Essay, ob es auch genug befreite Männer da draußen gäbe, die mit den neuen Frauen würden umgehen können. Eine Frage, die sie, wie sie jüngst in einem Fernsehinterview sagte, sich immer noch stellt. In ihrem gerade erschienen Buch „Liebe, Lust und Last“ beschreibt Eva-Maria Silies, wie viele Männer über einen Libidoverlust klagten, eben weil die Frauen selbstbewusster und fordernder wurden.

Ein Artikel berichtet von Männern, die ihre Frauen durch Privatdetektive beschatten ließen, wenn sie auf Dienstreise waren, weil sie Angst hatten, dass die Frauen sich nun Affären hingeben könnten, weil sie die Folgen einer unerwünschten Schwangerschaft nicht mehr zu fürchten brauchten. „Es ist schwer einzuschätzen, inwiefern solche Berichte tatsächlich die Meinung vieler Männer zur Pille widerspiegeln, aber darin zeigt sich zumindest eine Verunsicherung der Männer in der Gesellschaft der 60er, die nicht nur durch die Pille ausgelöst wurde, die aber durch die Pille sichtbar wurde“, so Silies. Also machte die Pille nicht nur neue Frauen, sondern auch neue Männer.

Viele Feministinnen standen der Pille kritisch gegenüber. Von Alice Schwarzer behauptet man, sie habe die Pille „eine mechanistische Männererfindung zur Instrumentalisierung der Frau“ genannt, ein Zitat, das Schwarzer übrigens von sich weist.

Heute aber, in ihren eigenem Gratulationsschreiben auf ihrem Blog nennt Schwarzer, die sonst eigentlich selten mit höheren Mächten in Verbindung gebracht wird, die Pille „ein Geschenk Gottes“. Die Pille bringt viele zusammen, von denen man es nicht erwartet hätte. Das können nicht viele Jubilare von sich sagen. Happy Birthcontrol Day!