Zum 100. Geburtstag

Heinz Erhardt, das Lachen des Wirtschaftswunders

| Lesedauer: 5 Minuten
Hellmuth Karasek

Heinz Erhardt war einzigartig. Über seine Witze lachte ganz Deutschland während des Wirtschaftswunders in den 50er-Jahren. Der dicke Mann mit der Hornbrille wurde häufig unterschätzt. Und doch schlug bei ihm das Kleinkarierte oft in schiere Größe um. Nun wäre der Komiker 100 Jahre alt geworden.

Sieht so ein Komiker aus, noch dazu ein so erfolgreicher und begnadeter wie Heinz Erhardt, über den sich sein Publikum schlapp- und weglachte, außer sich geriet – jedenfalls soweit es die Anstandsschranken der 50er- und 60er-Jahre erlaubten, in denen man selbst dem Sekt seine ausgelassene Laune mit dem Sektquirl austrieb?

Erhardt, der morgen 100 Jahre alt wäre, sah so aus, wie spätere Generationen sich den Spießer der 50er-Jahre vorstellen: grundsolide angezogen, im Anzug, der über dem Bauch etwas spannte, das rundliche Gesicht wie dafür geschaffen, durch die Hornbrille zusammengehalten zu werden, sah er in die Welt.


Ein Mann von dreist-verschmitzter Schüchternheit, als könne er kein Wässerchen trüben, keiner Fliege was zuleide tun. Er hätte das und hat das wahrscheinlich umgedreht – die Fliege getrübt, dem Wässerchen ein Leid getan. Dazu saß ihm noch, fürchterlicherweise, der Schalk im Nacken und das spärlich werdende Haupthaar hatte er sich quergescheitelt über die drohende Glatze gekämmt.

Ja, so sieht ein Komiker aus, der wie ein aus dem Münchner Tal ins Hamburger Wellingsbüttel sprachlich verpflanzter Karl Valentin wirkt, der missing link zwischen Ringelnatz und Robert Gernhardt – oder, um ganz hoch zu greifen, aber nicht zu hoch, der Wilhelm Busch der Adenauer-, vor allem aber der Ludwig-Erhard-Ära.

Wie Busch sprengte er die bürgerliche Restauration seiner Zeit, indem er sie scheinbar servil erfüllte. Wie Busch wusste er, dass, was Sorgen hat (und gute Laune verbreiten will) auch Likör hat. Mit Doornkaat munitionierte sich Erhardt für seine Tourneen, zu denen er unermüdlich mit seinem Mercedes fuhr.

Wie Busch wuchs er meist nicht bei den Eltern – Erhardts Eltern hatten sich getrennt – sondern bei entfernten Verwandten auf. Vor allem aber: Wie bei Busch war sein durchschlagender Erfolg nicht das ursprüngliche Ziel, nicht der Künstlerwunsch, den es zur hehren Kunst zog.

Wollte Busch Maler holländischer Schule, Dichter mit der „Poesie des Herzens“ werden, so beklagte sich Erhardt im Rückblick auf seine Jugend: „Damals wusste ich noch nicht, ob ich Dichter oder Musiker werden sollte“.

Sein Resümee: Ich habe beides nicht erreicht. Und noch im Alter stellte er sein hell und komisch flackerndes Licht unter den Scheffel: „Oh wär’ ich / der Kästner Erich! / Auch wär’ ich gern/ Christian Morgenstern / Und hätt’ ich nur einen Satz / Von Ringelnatz! / Doch nichts davon – zu aller Not / hab ich auch nichts von Busch und Roth / Drum bleib ich, wenn es mir auch schwer ward/ nur der Heinz Erhardt.“

"Nur" ist gut: das ist schreiendes, reines Unterstatement. Wie überhaupt Erhardts Komik und Größe aus der Schere zwischen größenwahnsinniger Künstler-Attitüde des Dilettanten und Möchtegern-Genies und dem Kleinmut des sich dauernd Blamierenden („Noch’n Gedicht“) resultiert. Einmal, in einer Stand-up-Suade, hat er einem anderen bewundernd bescheinigt, was für ein „Hundertsassa“ der sei.

Hundertsassa, das genau ist es: Einer, der vorgibt, danach zu streben, ein Zehntausendsassa zu sein und sich wie geprügelt als Hundertsassa in ihn völlig überraschenden Beifall windet – das ergibt den wahren Tausendsassa des Humors, dafür hatte er zahllose Lebenseinsichten, etwa die, dass eine Stumme im Bett besser sei als die Taube auf dem Dach. (Ja, sein Olymp liegt in Kalau, und als kalauernder Pianist hat er mit steinerweichenden Sprüchen und Wortspielen die Sprache für sich spielen, blödeln und brillieren lassen.)


In seinem zu Recht berühmtesten Gedicht, dem von der Made, eine Ballade von der verwaisten Madenmutter, hat er das tragische Gefälle von Königsthronen auf eine der niedrigsten Tierarten transponiert und in ein Furioso der Reime und Binnenreime getrieben: denn „der Gatte / den sie hatte / fiel vom Blatte“, so dass sie mit ihrem „Kinde“ allein hinter eines „Baumes Rinde“ lebt. Die Kleine hört nicht auf die Mutter, und „das war schlecht!“ Denn schon kam ein bunter Specht und verschlang die „kleine fade Made ohne Gnade / schade!“

Man darf sicher annehmen, dass sich für Erhardt in der kleinen Made, rein sprachlich, als Assoziation das noch kleinere Mädchen versteckte, also eine Frauentragödie. Wie auch er, wie eine Made im Speck, sich in den Plottenfilmen der 50er-Jahre verkroch und kunstvollste Löcher in den Käse fraß.

Er war ein einsamer Meister des Zeugmas, jener rhetorischen Figur, mit der er zeigte, was die Sprache, hilft man ihr auf die Sprünge, anrichten und hinrichten kann. Für mich ist das Gedicht „Anhänglichkeit“, ein einziges Zeugma, eines der größten Gedichte deutscher Sprache.

„Das Kind hängt an der Mutter / der Bauer an dem Land / der Protestant an Luther / das Ölbild an der Wand / Der Weinberg hängt voll Reben / der Hund an Herrchens Blick / der eine hängt am Leben / der andere am Strick."

Ein Moment, in dem das Kleinkarierte in die schiere Größe umschlägt.

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