Fukushima

Die Angst, dass Japan der Fisch ausgeht

Die Strahlenwerte von Lebensmitteln aus Fukushima sind hoch. Spinat aus der Region darf nicht mehr verkauft werden. Experten befürchten jahrhundertelange Umweltschäden.

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Lächelnde Bauerngesichter grüßen den Besucher der Gemüse- und Obstabteilungen japanischer Supermärkte – die Bilder auf den Erdbeer-, Karotten- und Zwiebelschachteln informieren die Verbraucher über die Herkunft der Frischprodukte: Woher stammen sie, wer sie geerntet hat. Auch viele Fleisch- und Milchprodukte sind auf diese Weise beschriftet, und in diesen Tagen schauen viele Japaner noch genauer hin.

Schuld ist die Reaktorkatastrophe von Fukushima. Doch auch beim Essen zeigen sich die Japaner bislang gelassen. Wer durch die Supermärkte der Hauptstadt Tokio streift, erlebt regen Betrieb. Die Regale sind gut gefüllt, als hätte es die Katastrophe nie gegeben.

Masayoshi und Haruko Yoshikawa beliefern Haushalte im Zentrum der Stadt mit Milch. Angst vor einer Strahlenbelastung haben sie nicht. Sie vertrauen auf die Kontrollen der japanischen Behörden. Das Fernsehen zeige doch, wie sogar Milch aus Regionen weggegossen werde, wo gar keine erhöhten Strahlenwerte nachgewiesen worden seien.

„Die ‚Nur für den Fall‘-Mentalität der Japaner ist so stark, dass wir bei Sicherheitskontrollen normalerweise übertreiben. Daher sind wir sicher, dass die Milch im Laden hundert Prozent sicher ist“, sagen die Yoshikawas.

Auch der Sushi-Meister Tatsuo Ichikawa ist unbesorgt über die Qualität seines Fisches. Japan habe die strengsten Lebensmittelkontrollen der Welt. „Ich glaube, sogar Bundeskanzlerin Merkel hat das einmal angemerkt“, sagt er. Die Verkäufer auf den Fischmärkten seien wohl eher besorgt, dass der Nachschub ausbleibe. „Wir hoffen, dass die Fischer in der Katastrophenregion möglichst bald wieder zu arbeiten anfangen können.“

Viele Tonnen Wasser aus dem Pazifik werden derzeit eingesetzt, um die überhitzten Reaktoren in dem Atomkomplex Fukushima direkt an der Küste zu kühlen. Zudem steigt immer wieder Rauch aus einzelnen Anlagen auf. Experten fürchten daher, dass radioaktive Partikel in den Pazifik gelangen könnten. Nach Messungen des Kraftwerksbetreibers Tepco ist das Meerwasser in der Nähe Fukushimas schon stark radioaktiv belastet.

Bei Jod-131 sei ein Wert gemessen worden, der die gesetzliche Obergrenze um den Faktor 126,7 übersteige, berichtete das japanische Fernsehen. Bei Cäsium-134 sei die Verstrahlung 24,8 Mal so hoch wie zulässig. Tepco plant weitere Tests vor der Ostküste der Hauptinsel Honshu, und auch die Behörden begannen eineinhalb Wochen nach dem Tsunami damit, die Strahlenbelastung des Meerwassers rund um das Atomkraftwerk zu messen.

Experten befürchten jahrhundertelange Schäden

In der Umgebung von Fukushima ist der Verkauf und Export bestimmter Lebensmittel bereits gestoppt worden. Bei den belasteten Produkten handelte es sich um Spinat und das japanische Blattgemüse Kakina aus vier Präfekturen sowie um Milch aus Fukushima.

Experten befürchten jahrhundertelange Umweltschäden. Wenn Menschen mit radioaktiven Stoffen in Berührung kommen, kann es zu Krämpfen, ungewollten Muskelkontraktionen und sogar zum Verlust der Gehfähigkeit kommen. Langfristig kann Krebs entstehen. Die Strahlung verteilt sich über winzige Partikel in der Luft, kann eingeatmet werden und mithilfe von Regen ins Meer oder in den Boden gespült werden.

Einige Experten rechnen aber vor, dass kein Grund zur Panik bestehe: So wurde in japanischem Spinat eine Caesium-137-Belastung von 350 Becquerel je Kilogramm gemessen. In der EU liegt der Grenzwert bei 1000 Becquerel für Milchprodukte und 1250 Becquerel für andere Nahrungsmittel.

Anders sieht die Belastung mit Jod-131 aus. Dieses Isotop übertraf in Japan die in der EU gültigen Grenzwerte. Was aber den Schrecken von Jod-131 etwas nimmt: Die Halbwertzeit beträgt gerade mal acht Tage.

Das Bundesamt für Strahlenschutz erwartet, dass die Atomkatastrophe in Japan „allenfalls geringfügige Auswirkungen“ auf die radioaktive Belastung in Europa haben wird. Bisher sei kein Anstieg gemessen worden. Die Überwachung in Deutschland erfolge durch eine Vielzahl amtlicher Messstationen.

Dem Bundesamt zufolge werden die in die Atmosphäre gelangten radioaktiven Stoffe mit dem Wind verteilt. Die Konzentration der Partikel in der Luft nehme aber mit wachsender Entfernung vom Unfallort kontinuierlich ab.

Auch das Auswaschen der radioaktiven Teilchen aus der Atmosphäre bei jedem Niederschlag trage dazu bei und verringere die Menge an Radioaktivität, die mit einer sogenannten radioaktiven Wolke nach Europa transportiert werden könnte.

Menschen, die aus Japan zurückkehren, können beim Bundesamt herausfinden, ob sie während ihres Aufenthalts Radioaktivität aufgenommen haben und sich am ganzen Körper messen lassen.

Aus dem Englischen von Nicholas Brautlecht