Beschädigte Reaktoren

Ungekühlte Brennstäbe lassen Lage in AKW eskalieren

Die Reparaturversuche in dem japanischen Unglücks-Reaktor scheinen aussichtslos. Fachleute befürchten, dass die Brennstäbe komplett freiliegen.

Japan zwischen Hoffen und Bangen: Techniker des havarierten japanischen Atomkraftwerks Fukushima wollen versuchen, die defekte Stromversorgung wiederherzustellen. Sicherheitskräfte planen zudem einen Wasserwerfereinsatz, um die Brennstäbe zu kühlen. Internationale Fachleute beurteilen die Lage aber äußerst kritisch: Laut der US-Atomregulierungsbehörde NRC liegen die Brennstäbe in Reaktor 4 wahrscheinlich komplett frei.

Unterdessen hat die Temperatur in den Abklingbecken der abgebrannten Brennelemente im japanischen Atomkraftwerk Fukushima dramatisch hohe Werte erreicht. Im Reaktor 4 wurden schon am Montag und Dienstag 84 Grad Celsius gemessen, wie die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) unter Berufung auf Angaben aus Japan mitteilte. Demnach lagen für Mittwoch keine Daten vor. Laut IAEA wird die Temperatur in den Aufbewahrungsbecken unter normalen Umständen unter 25 Grad Celsius gehalten. Für die Abklingbecken in den noch als weitgehend intakt geltenden Reaktoren 5 und 6 meldete die IAEA für Mittwoch 6.00 Uhr deutscher Zeit 62,7 beziehungsweise 60 Grad Celsius. Daten für die Reaktoren 1 bis 3 wurden nicht genannt.

In den Abklingbecken lagern die bereits verbrauchten, abgebrannten Brennelemente, die aber ohne entsprechende Kühlung ähnlich gefährlich sind wie die aktiven Elemente im Reaktorkern. Im Reaktor 4 des AKW Fukushima liegt das Abklingbecken außerhalb des besser geschützten Sicherheitsbereiches – daher ist die Gefahr besonders groß. Das Kühlsystem benötigt für das Umwälzen des Wassers konstante Stromversorgung, was in dem havarierten AKW nicht mehr der Fall ist. „Falls die Brennelemente nicht mehr länger von Wasser umschlossen sind oder die Wassertemperatur den Siedepunkt erreicht, (...) können die Brennstäbe das Risiko radioaktiver Verstrahlung bergen“, schreibt die IAEA.

Die US-Atomregulierungsbehörde NRC geht dagegen davon aus, dass das Abklingbecken im Reaktor 4 defekt und das Wasser abgelaufen ist. Damit lägen die Brennstäbe wahrscheinlich komplett frei, sagte NRC-Direktor Gregory Jaczko laut „New York Times“ in einer Anhörung vor einem Kongress-Ausschuss. „Wir glauben, dass die Strahlenbelastung extrem hoch ist“, sagte Jaczko.

Nach Einschätzung des französischen Instituts für Strahlenschutz und Nuklearsicherheit (IRSN) ist mit einer nuklearen Verseuchung größeren Ausmaßes für den Fall zu rechnen, dass die Kühlung der abgebrannten Brennelemente nicht wieder in Gang kommt. „In den nächsten 48 Stunden entscheidet es sich“, sagte IRSN-Direktor Thierry Charles nach Angaben der Agentur AFP. Spätestens an diesem Freitag droht demnach eine großflächige nukleare Verseuchung.

Die Evakuierung der Gegend um das japanische Atomkraftwerk Fukushima Eins wird laut dem Sender NHK jetzt ausgeweitet: Wegen der Gefahr radioaktiver Verstrahlung müssten weitere 28.000 Menschen in der Präfektur Fukushima ihre Häuser verlassen, meldete der Sender. Viele Notunterkünfte in der Region seien aber schon überfüllt und könnten keine neuen Flüchtlinge aufnehmen. Deshalb würden die Menschen jetzt auch auf umliegende Präfekturen verteilte.

Die US-Regierung machte klar, dass sie die von den japanischen Behörden verordnete Evakuierungszone für deutlich zu klein hält. Auf Anraten der NRC legte sie allen Amerikanern vor Ort nahe, das Gebiet im Umkreis von 80 Kilometern um Fukushima zu verlassen. Wer dies nicht könne, solle sich nicht im Freien aufhalten. Die Regierung in Tokio hatte zuletzt Gebiete im Umkreis von 20 Kilometern evakuiert.