Passanten porträtiert

Jason Palon will alle Einwohner New Yorks zeichnen

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Jason Palon ist auf einer kühnen Mission. Er will jeden einzelnen Einwohner New Yorks zeichnen. Insgesamt also fast neun Millionen Porträts.

Die Motive werden Jason Polan so bald nicht ausgehen. Ungefähr 14.000 Porträts hat der 28-Jährige schon mit flinken Handbewegungen zu Papier gebracht. Acht Millionen weitere sollen noch folgen. Denn der Illustrator aus New York hat sich auf eine kühne Mission begeben: Er will jeden einzelnen Einwohner der Riesenstadt New York zeichnen. Als stiller Beobachter postiert sich Polan an Bahnhöfen, am Straßenrand und in Parks und zeichnet Passanten, ohne dass die es merken. Eine Minute braucht er pro Bild.

Polan weiß selbst um die Unmöglichkeit seines Projekts. „Ich werde scheitern, ich werde wohl nicht alle zeichnen können, aber der Versuch macht mir Spaß“, sagt der Künstler. An diesem Tag steht er still in einer Ecke des New Yorker Bahnhofs Grand Central. Ganz unauffällig fügt er sich in die Menschenmasse ein, die ihn so fasziniert. Ein Mann mit einem Gipsbein, eine Frau mit einem Paket, ein Buckliger, ein Passant mit Hut – Polan zeichnet, ohne auch nur auf seinen Block zu schauen.

Es bleibt nur Zeit für einige wenige charakteristische Striche. Seine Motive eilen schnell vorbei. Jede Skizze muss sofort sitzen, Polan bessert die Zeichnungen später nicht nach. „Mir geht es vor allem um Natürlichkeit“, sagt er. Diese Natürlichkeit will er erreichen, indem er heimlich zeichnet und die Porträtierten gar nicht erst um Erlaubnis bittet. „Es ist eine Art Versteckspiel.“ Die Zeichnungen veröffentlicht er auf seiner Webseite www. everypersoninnewyork.blogspot.com.

Es ist eine Leidenschaft fürs Katalogisieren, die den Künstler treibt. Einmal kaufte Polan eine Tüte Popcorn und zeichnete jedes einzelne Stück Knabbermais aus der Packung. Zudem hat er jedes Kunstwerk in New Yorks riesigem Museum of Modern Art abgezeichnet. Nun sammelt er eben menschliche Gesichter, jedes einzelne datiert und mit Ortskennung versehen.

Zu den heimlich Porträtierten am Grand-Central-Bahnhof zählt die 43-jährige New Yorkerin Susan Dunlap. Während sie in einem Buch lesend auf den Zug wartete, wurde sie von Polan skizziert. „Cool“, entfährt es Dunlap, als sie ihr Porträt sieht. Dass Polan sie heimlich gezeichnet hat, stört sie nicht. „New York ist eben ein ziemlich schräger Ort“, sagt sie.

Auch der 75-jährige Passant Carlo Dioguardi ist ganz angetan von dem Projekt. „Ziemlich gut getroffen“, befindet er, als er die Skizze sieht. Sie zeigt ihn gedankenversunken mit der Hand am Kinn. Vor 50 Jahren sei er schon einmal in einem New Yorker Park heimlich von einem Künstler gezeichnet worden, erzählt er. Der Maler habe sich als Salvador Dalí entpuppt. „Ich werde diese Zeichnung gleich neben die von Dalí hängen“, sagt Dioguardi.

Über seine Internetseite vereinbart Polan ab und zu Blind-Date-Termine mit interessierten New Yorkern. Sie geben eine kurze Beschreibung von sich ab, vereinbaren, zu welchem Zeitpunkt sie wo sein wollen, und Polan wartet dann irgendwo versteckt und bringt möglichst schnell und unbemerkt seine Zeichnung aufs Blatt. Am Abend schon können sich die Porträtierten das Bild im Internet anschauen.

„Manchmal fühle ich mich allein, manchmal mag ich das aber auch“, sagt Polan. „Ich fühle mich isoliert, aber ich weiß, dass die Leute das dann auf meiner Internetseite nacherleben können.“ Bei allem zeichnerischen Eifer ist dem schüchternen Künstler eines sehr unangenehm – selbst zum Motiv zu werden. „Es macht mich nervös, fotografiert zu werden“, sagt er. „Es macht mich sogar nervös, wenn mich jemand zeichnet.“

( AFP/cd )