New York

Trendviertel Harlem – raus aus der Schmuddelecke

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Patricia Engelhorn

Es ist noch gar nicht so lange her, da hörte das weiße und sichere Manhattan auf Höhe der 96. Straße in New York auf. Was nördlich lag, war die Hölle, ein "No go"-Land, gefährlich, verwahrlost und kriminell. Doch das ist vorbei: Inzwischen entwickelt sich der Stadtteil immer mehr zum eleganten Trendviertel.

"No way“, sagt Razia Said. Nein, niemals würde die Sängerin nach Downtown, also in den südlichen Teil Manhattans, ziehen. „Haben Sie die Wohnungen dort gesehen?“, fragt sie und antwortet gleich selbst: „Sie sind winzig und kosten ein Vermögen.“ Razia Said hingegen lebt dort, wo derzeit viele Künstler und Intellektuelle gern wohnen würden – in West Harlem, nur einen Steinwurf von der Lenox Avenue entfernt und auf der „richtigen“ Höhe, nämlich zwischen der 116. und 125. Straße.

Zusammen mit Mann und Tochter bewohnt sie ein schönes fünfstöckiges Brownstone-Haus. Es ist lang und schmal und hat hinten einen großen Garten. Ein Idyll, das sie an Touristen vermietet. Mit Erfolg, Razia Said ist auf Monate im Voraus ausgebucht.

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, da hörte das anständige, das weiße, das sichere Manhattan auf Höhe der 96. Straße auf. Was nördlich lag, war die Hölle, ein „No go“-Land, gefährlich, verwahrlost, kriminell. Und noch immer gibt es Menschen, die in Harlem um ihr Leben oder zumindest um ihre Geldbörse fürchten. Was Opern-Star Lauren Flanigan nur mit einem Wort kommentiert: „Blödsinn“. Die weizenblonde Dame lebt seit über zehn Jahren hier. „Natürlich gibt es auch in Harlem Ecken, die ich meide, aber die gibt es in Downtown genauso“, sagt sie.

Die Sopranistin wohnt nur ein paar Häuser von Razia Said entfernt. Beide Frauen sagen übereinstimmend: „Hier kennt jeder jeden, und man achtet aufeinander.“ Abends gehen beide oft zu Fuß auf der Lenox Avenue zum „Native“, einem Restaurant, das vor neun Jahren eröffnet wurde und seither jeden Abend Weiße und Schwarze gleichermaßen anzieht.

Nur die Nachbarn aus der 116. Straße verirren sich kaum hierher. Dort tragen Männer knielange Kutten, und die Frauen sind in die traditionell bunten Tücher Westafrikas gehüllt. Rhythmischer Rap dröhnt aus Läden, in denen Kosmetikartikel für krauses Haar angeboten werden. In Lebensmittelgeschäften duftet es wie im Morgenland, und die Modeboutiquen sind so farbenprächtig wie sonst in ganz New York nicht. Wobei in Harlem auch wirklich Mode gemacht wird. Die maßangefertigten Hüte von Rodney Keenan etwa werden von Brad Pitt, Justin Timberland und Jay Kay, Sänger der Funk-Band Jamiroquai, getragen, und bei „Barney's“ und „Paul Smith“ zu Preisen um 2000 Dollar verkauft.

Rodney Keenan stammt aus Kansas, er ist groß und blond und war sicher sehr auffällig, als er vor rund 20 Jahren nach Harlem zog. Anfangs wohnte er zur Miete, doch dann kaufte er sich ein Brownstone-Haus für 500.000 Dollar. „Alle haben mich für verrückt erklärt“, sagt er, „doch ich fühlte mich hier sicher und wusste, dass ich in ganz New York niemals so viel Platz für so wenig Geld bekommen würde.“

Damals war gut die Hälfte der Häuser in Harlem verlassen, verwahrlost oder verfallen. Die Stadtverwaltung startete ein Projekt, das die Zustände verbessern sollte: Sie verkaufte die Häuser zu günstigen Konditionen an Privatleute, allerdings mit der Auflage, die Ruinen instand zu setzen. Einer, der zugriff, war Bill Clinton. Im Sommer 2001 zog er mit seinem ganzen Büro an die 125. Straße und machte Harlem damit gesellschaftsfähig.

Für die musikalische Wiederbelebung des Stadtteils sorgten bald der renovierte Art-déco-Jazzclub „Lenox Lounge“ und die „Paris Blues Bar & Lounge“. Sogar das legendäre „Apollo Theater“, wo früher Stars wie James Brown, Aretha Franklin oder Diana Ross auftraten, versucht zaghaft einen Neubeginn und veranstaltet jeden Mittwoch „Amateurs Nights“ mit Sing- und Tanzwettbewerben.

Doch nach wie vor sind es vor allem die Sonntagsgottesdienste in den Kirchen, die Einheimische und Touristen scharenweise nach Harlem locken. Die Gospeltradition hat nichts von ihrer Faszination verloren, und wer einmal bei einem „sunday service“ dabei war, versteht, weshalb sich hier niemand um die Zukunft der unzähligen Gotteshäuser sorgt.

Ganz gleich, ob man die prächtige und meist überfüllte First Corinthian Baptist Church am Adam Clayton Powell Boulevard besucht oder die schlichtere und noch touristenfreie Canaan Baptist Church an der 116. Straße in West Harlem – wenn der Priester loslegt und die Gemeinde sich erhebt und mitsingt, ist die Stimmung unbeschreiblich.

Für das Dinner danach gibt es eine feine Auswahl an Restaurants und Cafés wie das „Settepani“ an der Lenox Avenue. „Die Infrastruktur ist in den letzten Jahren sehr viel besser geworden“, sagt Katrin Zimmermann, die vor acht Jahren nach Harlem gezogen ist. Die deutsche Schmuckdesignerin, zu deren Kunden Kate Moss und Halle Berry gehören, freut sich, dass neue Gourmet-Shops wie das „Citarella“ in der 125. Straße eröffnet haben. Zusammen mit ihrem Mann organisiert sie „Poetry Readings“, Lesungen, die mit Harlem und dessen Kultur zu tun haben. Die Veranstaltungen finden bei ihr zu Hause oder in der Nachbarschaft statt. „Hier wohnen inzwischen wieder viele Künstler und Designer“, sagt sie.

Das war schon einmal so. An der Strivers Row und in der 138. und 139. Straße sind noch jene prächtigen Terrassenhäuser zu sehen, die von Stanford White, New Yorks Star-Architekten der vorletzten Jahrhundertwende, errichtet wurden und denen E.L. Doctorow in seinem Buch „Ragtime“ ein Denkmal setzte. Berühmt ist das Morris Jumel Mansion an der Jumel Terrace, eines der ältesten Gebäude Manhattans aus dem 18. Jahrhundert mit Säulenterrasse und Park. Nicht minder imposant ist das City College im St.Nicholas Park, eine neogotische Anlage. Nach einer solchen Tour kann man Razia Said nur recht geben, wenn sie sagt: „Zieht bequeme Schuhe an und vergesst eure Ängste, denn Harlem muss man zu Fuß erkunden.“