Summer in the City

Wenn sich New York fast wie Hawaii anfühlt

| Lesedauer: 11 Minuten
Hannes Stein

Foto: Getty Images

Mit Salzwasser, Sonnenöl und Ukulele: Am Strand von Far Rockaway in Queens fühlt man sich glatt wie am fernen Pazifik.

Hawaii, Leute, ich bin auf Hawaii! Gleißend heller Strand, blaues Meer, Südseesonne, alles da und wie bestellt. Den passenden Soundtrack zum Ferienidyll liefert mir Israel Kamakawiwo'ole in meinem Kopf. Israel, wer bitte? Kamakawiwo'ole. Das war ein furchtbar netter, furchtbar dicker, furchtbar depressiver und furchtbar fröhlicher Hawaiianer, der leider nicht mehr unter uns weilt (1959-1997).

Weil ich Kopfhörer über den Ohren trage, die in mein iPhone eingestöpselt sind, zirpt in meinem Gehörgang laut seine kleine Ukulele. Kamakawiwo'oles schöne, manchmal beinahe mädchenhaft hohe Stimme gibt meinen bloßfüßigen Schritten im Sand den Rhythmus vor: " Somewhere over the rainbow blue birds fly ... Dreams really do come true ... Where troubles melt like lemon drops high above the chimney tops - that's where you'll find me. " Ja, Leute, ich bin auf Hawaii.

Will sagen, in Far Rockaway. Ganz falscher Ozean: Atlantik. Ganz falsche Gegend: Queens, New York. Nach Hawaii hätte ich in Newark den Flieger nehmen müssen. Sechs Stunden später wäre ich auch schon da gewesen. Stattdessen nahm ich - keine Zeit, hélas! und noch weniger Geld - lieber die U-Bahn, erst die 6 bis Grand Central, dann den Shuttle zum Times Square, dort stieg ich tief unter der Erde verschwitzt in den A-Train.

Warum nur ist es auf New Yorker U-Bahnhöfen so unerträglich heiß und wird es umso heißer, je tiefer man die Stahltreppen zu den Gleisen hinabsteigt? Spüren wir hier in der Neuen Welt etwa schon vulkanische Gluten aus dem Erdinneren aufsteigen? Oder liegt es eher daran, dass der Amerikaner, der ja welthistorisch noch nicht so recht als Klempner hervorgetreten ist, nicht weiß, wie man Rohre isoliert? Sodass also alles Warmwasser, das ständig durch die Eingeweide der Stadt gepumpt wird, mir da unten das Baumwollshirt auf der Haut kleben lässt?

Jedenfalls bin ich heilfroh, als endlich der Zug kommt: Klimaanlage! Tür auf, Kälteschwall, schnell rein. Hinsetzen, Buch aufklappen. Ich habe mir richtige Strandlektüre mitgenommen: eine dicke Schwarte über den europäischen Krieg von 1793 bis 1815. Schließlich muss ich erst mal eine Stunde Zugfahrt überbrücken. Wussten Sie schon, dass dieser Dreckskerl Napoleon ein richtiger, nun ja, eben Dreckskerl war?

Eigentlich wollte ich einen Text darüber schreiben, dass man in New York überhaupt nicht in den Urlaub fahren muss. Dass der Mensch hier im Grunde alles findet, was sein süchtiges Herz begehrt: Theater, Kino, Konzert und eben auch Sandstrände, die jedem Katalog Ehre machen würden. Leider habe ich dann aber die falsche Abzweigung genommen: Ich fuhr mit dem A-Train nicht nach Far Rockaway Beach, sondern mitten ins Zentrum dieses Viertels. Da wuseln zwar schön bunt die Menschenmassen durcheinander, aber zum Atlantikstrand musste ich doch noch eine Stunde zu Fuß gehen. Und dann geriet ich erst mal auf die falsche, auf die Ostseite: Da liegt ein privater Club neben dem anderen, und Schilder verwehren dem Pack - also Leuten wie mir, die sich noch nicht mal einen Flug nach Hawaii leisten können - in Großbuchstaben den Zutritt: Privateigentum! Nichts da! Scher dich zum Teufel, du Hund!

Ich latschte noch eine verlorene Stunde lang eine öde Straße entlang, ehe sich mir endlich der Blick hinaus aufs Weite, aufs Blaue öffnete. Und ich zog meine Straßenschuhe und die Strümpfe aus und ließ die Seele baumeln.

Ja, hier unten sah es sehr nach Urlaub aus: Bikinischönheiten aalten sich unter Sonnenschirmen im Sand, weit hinten zogen Schiffe ihre Spur. Es roch auch verteufelt nach Urlaub: Salzwasser und Sonnenöl. Sollte mich das an etwas erinnern? Hatte ich etwas vergessen? Ich wurde beim Gehen sehr fröhlich, während mir die Sonne von hinten auf den Nacken und die Arme und die Schenkel knallte. (Beschämt muss ich gestehen: jawohl, kurze Hosen. Eigentlich bin ich fundamental dagegen, dass Männer kurze Hosen tragen, aber dies ist nun mal New York, da kann man nichts machen.)

Was hier am Atlantikstrand von Far Rockaway dermaßen weit weg war, dass es mir schon ganz unwirklich erschien: Manhattan. Irgendwo in nebelweiter Ferne lag also eine Insel mit Hochhaustürmen und Büros, mit Sechzehnstundentagen und einer Börse in der Wall Street, eine Insel, wo - im marxistischen Jargon zu sprechen - Mehrwert gescheffelt wurde. Davon war hier draußen, wo die Ferien nie aufhörten, rein gar nichts zu spüren. Darf man als orthodoxer Marxist poetisch werden und sagen, dass sich der Mehrwert am Strand sonnt? Und, pardon, wen interessiert das? Ach, New York kann ja so beschaulich sein.

Am nächsten Morgen hatte ich einen Sonnenbrand. Zu Hause musste ich mir darum eine unglaublich vernünftige Strafpredigt anhören, anschließend schmierte Herzallerliebste mir Aloe Vera auf die krebsrot verbrannten Stellen. Und ich suchte das "Orchard Café" in der 59. Straße auf, um ein bisschen zu arbeiten. Bitte, ich bin ein Untertan seiner Kaiserlichen und Königlichen Apostolischen Majestät Franz Joseph (von Gottes Gnaden Kaiser von Österreich, König von Ungarn und Böhmen etc. pp.), ich kann also ohne Kaffeehäuser nicht leben, geschweige denn schreiben.

Im "Orchard Café" in der 59. Straße bekommt der Kunde gegen Überreichung von ein paar Dollar circa kübelgroße Plastikgefäße ausgehändigt, in denen vor allem Eiswürfel klimpern, dazwischen schwimmt pechschwarzer Kaffee von einer Stärke herum, dass sich die Fußnägel lustvoll kringeln. Die Black-and-White-Cookies - eine New Yorker Spezialität: kleine Wagenräder aus Biskuitteig, die halb mit Schokoladen- und halb mit Zuckerglasur überzogen wurden - sind aber auch sehr gesund.

All das zusammengenommen macht aber nicht den eigentlichen Charme dieses Cafés aus. Dieser besteht vielmehr darin, dass sich seine Betreiber nicht auf die Klimaanlage verlassen; sie haben außerdem verschiedene Ventilatoren aufgestellt, die den Gästen kühle Luft mitten ins Gesicht fächeln. Ich ergattere einen Tisch genau vor einem solchen Ungetüm. Und so gelingt es mir dann tatsächlich, meine Pflicht zu tun. Was man halt so arbeiten nennt: Eine E-Mail an diesen, eine E-Mail an jenen. Googeln. Termine in den elektronischen Kalender eintragen. Soll ich mir "Dantons Tod" auf Englisch eintragen? Werden die Amerikaner den großen Georg Büchner verhunzen, werden sie ihn als das erkennen, was er in Wirklichkeit ist, nämlich: der deutsche Shakespeare?

Eigentlich wollte ich einen Text darüber schreiben, dass es in New York ungefähr zwischen Juni und September völlig unmöglich ist, ohne Klimaanlage zu überleben, außerdem wollte ich zart darauf hinweisen, dass die Dinger gelegentlich ausfallen. Dies hätte mir die Gelegenheit verschafft, einen Absatz lang wortreich darüber zu weinen, was das jedes Mal für ein Notstand ist, Erdbeben rein gar nichts dagegen. Indessen gibt es eine journalistische Sorgfaltspflicht. Hiermit sei also gemeldet: Nach einer guten halben Stunde im Kaffeehaus fing es draußen an zu regnen.

Aber was heißt hier schon "Regen": Es pladderte, es schüttete, es platschte Wasser in großen Schwällen auf den Asphalt, als hätte irgendein minderer Engel dort oben mal eben die Klospülung betätigt, das Wetter wurde zum Unwetter, und dieses garstige, blöde, graue Nichtwetter wollte überhaupt nicht mehr aufhören.

"Ich hätte nach Florida fliegen sollen", bemerkte der schwarze junge Mann am Nebentisch, der mir vorhin so freundlich geholfen hatte, meinen weißen Klappcomputer ins Stromnetz zu stöpseln. Er schaute verdrießlich zum Fenster hinaus. Warum er in New York geblieben sei, wollte ich von ihm wissen. "Ich lehre an der Columbia University", erklärte er mir. Aber sind dort nicht gerade Semesterferien? "Schon, aber ich muss mein nächstes Seminar vorbereiten." Was er denn lehre, wollte ich wissen. "Geschichte", sagte er. Wie interessant! Ob er dieses Buch hier kenne? Ich zog Robert Harveys Wälzer "The War of Wars: The Great European Conflict 1783-1815" aus der Tasche.

"Aber ja", sagte mein neuer Freund, während es draußen anfing zu blitzen und zu donnern. "Schamlose britische Propaganda. Harvey tut ja gerade so, als sei der Krieg gegen Napoleon das Vorspiel für den Anti-Hitler-Krieg gewesen." Mit Recht! Schließlich sei Napoleon ein totalitäres Scheusal gewesen, ein widerlicher kleiner Militärdiktator, der sich parvenühaft "Kaiser" nannte. "Aber, aber", wandte mein Gesprächspartner ein.

Unsere Diskussion wurde hitzig, während die Temperatur sich draußen abkühlte - das bemerkten wir jedes Mal, wenn die Tür aufging und fluchend ein neuer pudelnasser Kunde das Café betrat. Am Ende einigten mein neuer Freund Robert und ich uns darauf, dass der "Code Napoleon" überschätzt werde - schließlich musste unter diesem Rechtssystem ein Angeklagter seine Unschuld beweisen, während in England schon längst der Grundsatz "in dubio pro reo" galt.

Gegen Abend verebbte der Regen. Als es irgendwann nur noch sanft nieselte, verließ ich mein Stammcafé und spazierte die Third Avenue hinauf nach Hause. Ich hatte meine Kopfhörer auf, und Israel Kamakawiwo'ole - der furchtbar nette, furchtbar dicke, furchtbar depressive und furchtbar fröhliche Sänger - lag mir mit seinem Lied in den Ohren: " Where troubles melt like lemon drops high above the chimney tops - that's where you'll find me. " Wo die Sorgen dahinschmelzen wie Zitronendrops, hoch über den Kaminsimsen - dort werdet ihr mich finden.

Leute, ich bin auf Hawaii.