Late Night "Anne Will"

Das Ende des Gottesstaates

| Lesedauer: 4 Minuten
Sven Gantzkow

Foto: NDR/Wolfgang Borrs / NDR/Wolfgang Borrs/NDR Presse und Information

"Die jungen Leute glauben nicht mehr an den Gottesstaat": Bei Anne Will erklärt Hamed Abdel-Samad die Lage in Ägypten – und warum Mubarak 30 Jahre regierte.

Mit der Anwesenheit des Autors Hamed Abdel-Samad hat Anne Will einen kleinen Coup gelandet. Der gebürtige Ägypter, den man vor allem als Henryk M. Broders Sidekick in dessen Deutschland-Safari „Entweder Broder“ kennt, hatte in den vergangenen Tagen an den Kundgebungen auf dem Tahrir-Platz teilgenommen und war extra für die Sendung einen Tag in seine Wahlheimat Deutschland zurückgekehrt.

Aus der Mitte der Demonstranten heraus zeichnete er ein enthusiastisches Bild der Proteste: „Ganz Ägypten ist begeistert“, sagte er und ließ sich auch von Wills skeptischer Nachfrage „Ganz Ägypten?“ nicht beirren. „Das Volk will die Freiheit, das kann man in jeder Ecke in Ägypten förmlich riechen.“

Ängste, die islamistische Muslimbruderschaft könne Einfluss in einer neuen Regierung erhalten, ließ Abdel-Samad ebenfalls nicht gelten. Zwar seien ihre Anhänger teilweise noch antisemitisch und demokratiefeindlich, „aber sie glauben nicht mehr an die Vorstellung eines Gottesstaates“. Eine Gefahr gehe von ihnen nicht aus. „Die jungen 19-Jährigen sind anders als unsere Generation“, resümierte der 38-Jährige. Für ihn ist die Massenbewegung ein ideologiefreies Kollektiv mit dem einen, gemeinsamen Ziel: Freiheit. Selbst Egon Bahr, dem die Rolle des Bedenkenträgers zugedacht war, verharrte vor diesen Schilderungen in stiller Demut.

So sehr Abdel-Samad es auch schaffte, den Funken der Begeisterung überspringen zu lassen, so sehr nahm er mit seinem pragmatischen Optimismus dem Gesprächsverlauf den nötigen Drive, um so etwas wie eine Diskussion aufkommen zu lassen. In den ersten 20 Minuten begnügte sich Will ohnehin damit, Stimmungen einzufangen und Eindrücke abzufragen, ohne eventuell gegenteilige Ansichten in eine Auseinandersetzung zu führen.

Ex-Diplomat Jürgen Chrobog schilderte die Situation der Verwandten seiner ägyptischen Frau, und Musiker Andrej Hermlin durfte von seinen Telefonaten mit dem befreundeten kenianischen Botschafter in Kairo erzählen. Alle kamen zu dem gleichen Schluss: Was in Ägypten vorgeht ist bemerkenswert, aber der politische Erneuerungsprozess werde noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

Selbst Melody Sucharewicz, eine deutschstämmige PR-Beraterin aus Tel Aviv, die 2006 dank einer Polit-Castingshow zu so etwas wie Israels globaler Botschafterin gekürt wurde, stimmte in die leicht beliebige Lagerfeuerstimmung ein. Israel wünsche sich, dass sich das System in Ägypten demokratisiere, berichtete sie in einem steten „Wir“-Duktus.

Auch ihr Fazit lautete: Mubarak wird gehen! Warum Israel vom Westen dann genau das Gegenteil verlange, nämlich Mubarak zu stützen, wollte Chrobog daraufhin von ihr wissen. Zu einer konkreten Antwort wollte sich die junge Kommunikationsexpertin nicht hinreißen lassen. Will versäumte es zudem, ihr etwas hartnäckiger auf den Zahn zu fühlen.

Lieber holte sie von Korrespondent Jörg Armbruster noch einmal die gleichen Eindrücke ein, die in der Runde bereits ausführlich geschildert worden waren. Ein echtes Gespräch kam so unter den Diskutanten nicht zustande. Auch Egon Bahrs Mahnung, der Entwicklung in Ägypten ihren Lauf zu lassen, ohne von außen einzugreifen, verhallte resonanzlos.

Eher wurden wechselseitig Monologe gehalten. Wichtige Details wie die Haltung Israels, die Rolle des Internets oder die instabile Gesamtlage in Nordafrika wurden dadurch nur gestreift, ein entscheidender Aspekt wie die Rolle der USA erst gar nicht erwähnt. Fast symbolisch waren für diese thematischen Auslassungen die regelmäßigen Bildausfälle zu Beginn der Sendung.

Letztlich lief alles auf Abdel-Samad hinaus, mit dem Will gefühlt fast die halbe Sendung bestritt. Geschickt lavierte er sich um die Konfrontation mit den Anwesenden und streute seine Kritik an der Jahrzehnte währenden Teilnahmslosigkeit des Westens eher behutsam in Nebensätzen. Auch davon, dass die Demonstranten die notwendige Geduld für Reformen aufbringen werden, zeigte er sich überzeugt: „Die Ägypter sind für diese Geduld sogar weltbekannt, sonst hätten sie Mubarak nicht 30 Jahre lang ertragen.“

Er sei nicht in die Sendung gekommen, sagte Abdel-Samad am Ende, „um Teil der Talkshow-Industrie zu werden, sondern um für Freiheit und Demokratie zu werben“. Die Mission war ihm geglückt. In beiderlei Hinsicht!

Hier geht es zum ARD-Video der Sendung

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