Natürlich wird es unterschiedliche Preise geben. Die Scheibe Ente, nun ja, 150 Euro vielleicht. Eine Scheibe Mensch, die dürfte natürlich mehr kosten. „Wobei es auf die Region ankommt, Bauch geht weniger gut, die wollen alle die Herzregion, vielleicht noch den Kopf“, sagt der Mann mit dem Hut. „Oder die Genitalien.“

Lächelt er bei diesem Satz etwa, der Gunther von Hagens? Ein bisschen, tatsächlich. Er, der doch weiß, dass man ihm Pietätlosigkeit vorwirft, zynischen Umgang mit Toten, über Leichen zu gehen für Geld. Für die Ausstellung „Körperwelten“, seine Show mit den plastinierten Menschen. Doch kein Vorwurf ficht ihn an, er liebt und sucht Auseinandersetzungen. „Ich gehe gern auf Konfrontation“. Anwürfe aller Art braucht er, wie den Erfolg. Beides hat er im Überfluss. Das gibt ihm Sicherheit, unheimliche Sicherheit. Jetzt kommt er und mischt Guben auf. Ausgerechnet Guben, Dead End an Deutschlands Rand.

Einen riesigen Block, ja ein halbes Stadtviertel, hat er sich dort besorgt. In einem Zustand, in dem es beste Kulisse gewesen wäre für jeden Grusel. Jetzt bringt er alles in Schuss, unter Aufsicht des Denkmalschutzes, investiert drei Millionen Euro, um nun die ganz reale Horrorshow in den Gemäuern zu starten. In den Augen mancher Gubener jedenfalls. Er will Leichen konservieren, „plastinieren“, und in Scheiben geschnitten verkaufen. Es ist von Hagens ursprüngliches Geschäft, erst in Heidelberg, dann in China, aus dem seine „Körperwelten“ fürs Millionenpublikum entstanden. Und jetzt Guben.
Viele aus der Stadt aber wollen dabei sein, mitmachen, und die große Mehrheit dort heißt von Hagens willkommen, wie er in einer Emnid-Umfrage hat feststellen lassen. Die Gubener sehen in den Leichen, die massenhaft kommen, die Chance, der schon hirntoten Stadt wieder Leben einzuhauchen. „Körperspendemobile“ sollen ausschwärmen ins ganze Land, die Toten zu holen. Damit die Körper in Guben zu Scheiben verarbeitet werden. Alles vor staunenden Besucherströmen.

Die Scheiben von Menschen sind teuer

6800 stehen auf der Liste der bereitwilligen Körperspender. Die meisten freilich leben noch. „Rund 1000 Euro kostet es, einen Körper herbringen zu lassen“, sagt Angelina Whalley, von Hagens Frau und Managerin, deshalb seien die Scheiben vom Mensch so teuer. „Für irgendwelche Tiere müssen wir nur nach Polen rüber und sagen: Schickt 50 Stück, in dicke Scheiben vorgeschnitten.“ Bei Menschen ist das nicht so einfach.

Eine bizarre Industrie haben die Gubener sich da in ihre Gemäuer geholt, nach anfänglichem Zögern. Wer den Film „Charley und die Schokoladenfabrik“ gesehen hat, erkennt es hier wieder: Das herausgeputzte Werk über einer Landschaft einstürzender Altbauten. Eine glänzende Burg, die trotz allem beklemmende Vorstellungen weckt, was darin wohl vor sich gehe, in der dann aber doch das Glück waltet. Auch wenn er nicht an Johnny Depp herankommt, so könnte Gunther von Hagens doch gut jener Fabrikbesitzer Willy Wonka aus dem Film sein, ebenfalls mit Hut, wenn er nun hinter seine Mauern hereinwinkt, zur Privatführung. Und gleich loszieht. Hier werden die menschlichen Körper angeliefert, sagt er, im nächsten Saal dann der erste der sechs Werkstattbereiche, dahinter die nächsten. Alles fast wie am Fließband. Je nach gewünschtem Endprodukt, ob Scheibe vom Mensch oder Tier oder Ganzkörperplastinat, wandern die Rohprodukte dort entlang oder dort. Entwässerungsboxen, Laminiermaschinen, Kunststoffimprägnierung, Silikoninfiltration. Hier wird die Körperflüssigkeit entzogen, da das Wasser durch Aceton ersetzt. Und die Tiefkühlung, unbedingt nötig, bevor es zur großen Bandsäge geht. Am Schluss kann alles in Kunststoff imprägniert werden, und im letzten Raum dann gehärtet. Fertig ist die Scheibe. Dauerhaft haltbar, garantiert.

Auch die Umpa Lumpas sind schon da. Zur Arbeit wie in der unheimlichen Schokoladenfabrik, genauso fröhlich, genauso umtriebig. Nur dass es sich hier nicht um Zwerge handelt, sondern um Mannschaften eher kräftiger Frauen, in ihren Vierzigern oder Fünfzigern. 44 sind bereits eingestellt, 200 bis 300 sollen es mal sein, wenn die Produktion auf voller Kapazität läuft. Fachkräfte werden die wenigsten sein, fast alle nur angelernt, einst Verkäuferinnen pleite gegangener Läden in der Stadt, oder Angestellte jener Tuchfabrik, die in diesen Hallen damals größter Arbeitgeber Gubens war. Heute hat vielleicht noch jeder Dritte Einwohner irgendwo Arbeit, gerade Frauen mittleren Alters stehen sonst ohne Chance da. Mehr als 700 Bewerbungen hat von Hagens erhalten, ganz ohne Ausschreibung. Für Arbeiten aller Art in der Leichenverarbeitung.

Eine Stadt voller Leerstand

„Na und“, „macht mir nichts“, „besser als zuhause hocken“, „ich lasse mich später auch plastinieren“ – der Optimismus der Frauen, die schon eingestellt sind, ist erklärlich in dieser Stadt voller Leerstand, Industriebrache und Verfall. Vielleicht können sie es sich jetzt öfters mal leisten, drüben im polnischen Teil der Stadt, in Gubin, einzukaufen. „Dort, wo es bessere Läden gibt, nicht nur Aldi wie bei uns“, sagt eine, „da sind sogar die Bananen besser“. Das neue Ost-West-Gefälle im Lebensstandard, und mitten drin, im freien Fall, die Stadt Guben. Ist der nun beendet?

Vier Wohnsitze hat von Hagens: New York, wo er eine Gastprofessur hat, Dalian in China und Heidelberg. Nun eben auch Guben. Man darf gespannt sein, mit was für Ideen der Neugubener noch einziehen wird. Bei seiner Unrast, mit der er dort jetzt durch die Hunderte Meter langen Flure im alten DDR-Charme geistert, in denen er sich selbst erst noch orientieren muss; wie er hier klopft, und da die neuesten Daten abfragt, unterwegs eine Banane auf irgendeinem Tischchen erspäht, „da, nehmen Sie“, im nächsten Zimmer das nächstbeste Mineralwasserfläschchen dem Besucher in die Tasche steckt, Kommunikation und Bewegung und Gedankenproduktion total – da kommen Ahnungen, dass die bisherigen Vorhaben noch nicht alles sind. Aufrecht geht er dabei, als habe er eine Wasserwaage einplastiniert, die Kamera des Fotografen hält er vor sich am Stativ, als führe er mit einem Banner eine Armee seiner Konservierten an. „Ich trage gern was, ich brauch das.“ Als er seine Führung draußen in seinem Smart zur Stadtrundfahrt ausweitet, lässt ihn das Gespräch glatt das Schalten vergessen. Im ersten Gang jault er mit 40 dahin, nimmt die diagonale Abkürzung über den leeren Bürgersteig. „Das machen wir einfach“, die kleine Regelverletzung nebenbei. Da ist es wieder, das verschmitzte Lächeln des 61jährigen, der von Unrast lebt und Schlaf ablehnt, der zurzeit jede freie Minute, im Flugzeug wie in der Einkaufsschlange, zum Chinesischpauken nutzt. Stolz ist er, dass ein paar seiner Toten im neuen James Bond in Prag mitspielen. „Stellen Sie sich vor: Wir haben sie im Mausoleum aufgestellt, da wo die Särge sind.“

Von Hagens will Zuschauer locken

Von Hagens denkt nicht nur an seine Arbeitsplätze in der Stadt. Er will auch die Zuschauer locken ins Menschensägewerk, 5000 täglich, aus dem ganzen Land, aus dem Ausland, von Übersee. Schulklassen werden kommen, da ist er sich sicher, wie zu seinen Körperwelten-Ausstellungen. Deswegen sein neuester Geistesblitz: Ganz oben, dort wo heute die Dächer seiner Hallenstadt noch einbrechen, könnte man doch eine Jugendherberge einrichten, warum nicht? Heute gibt es kein einziges Hotel in der Stadt, niemand kommt. Das soll anders werden. Sie alle, die Besucher, ob jung oder alt, sollen dann den Frauen bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen. So wie in der Schaufabrik von Volkswagen in Dresden. Nur dass hier keine Autos montiert, sondern Leichen demontiert werden. Kann schon sein, dass da jemand mal umfällt. „Das passiert in unseren Ausstellungen auch“, ist nicht zu verhindern.
Aber ist so was erlaubt?

Irgendwo auf dem Weg von der Körperanlieferung zur Menschen-Scheibe, darauf legt von Hagens Wert, wandele sich die ursprüngliche Trauerleiche mit Identität zum anonymen Wirtschaftsgut. Ziemlich genau an der Stelle, wo der Verwesungsprozess stoppt. Dort, so sagt von Hagens, verliere die gesetzliche Bestattungspflicht ihre Gültigkeit. Und das Endprodukt Plastinat, da unvergänglich, stehe als Sache zur freien Verfügung. Für seine „Körperwelten“, zum Verkauf als Einzelteil, als Scheibe eben, für die Wissenschaft oder medizinische Ausbildung mit ihrem offenbar unstillbaren Bedarf, der in Tonnen zählt. Rechtlich ist er dabei bislang unangefochten.
Und so fokussiert sich die Kritik an ihm auf Moral und Ethik. Michael Domke, dem evangelischen Pfarrer in Guben, ist der „Erregungsfaktor“, den von Hagens bewusst im Umgang mit Verstorbenen einsetze, zuwider. Er gefährde „alle Barrieren der Zivilisation“ durch sein gezieltes Provozieren von Protesten. Domke selbst will nicht die Parallelen zum Dritten Reich ziehen, doch er verstehe schon, wenn da manch Gubener an die Lampenschirme aus Menschenhaut denke. Aber die Einverständniserklärungen heute, im Gegensatz zu damals? „Wer sich dafür zur Verfügung stellt, hat keine starke Persönlichkeit“, sagt da der Kirchenmann Domke, „solche Menschen suchten doch nur einen Bedeutungszuwachs“. Guben ist gespalten, nicht nur von Hagens spaltet, auch der Pfarrer. Die Deutungshoheit über Tod und Leben scheint für ihn verloren in der entchristlichten Stadt. Sein „Aktionsbündnis für Menschenwürde“ ist in der Defensive.

Er spricht von der Leiche im Zentrum der christlichen Religion

Der Agnostiker von Hagens, der in der DDR zur Konfrontation an sich sozialisiert wurde und deshalb rausflog – er genießt es, mit solchen Resten einstiger Kirchenautorität zu spielen. Mit Vergnügen begibt er sich auf deren Terrain, spricht von Gott und der Welt, von Jesus, der Leiche im Zentrum der christlichen Religion, spricht Sätze wie: „Die Körperscheiben sind so schön wie Kirchenfenster.“ Immerhin kann er darauf verweisen, dass die Anatomie schon immer Körper oder Teile davon konserviere zur Anschauung, dass gerade die Kirchenmänner die Anatomie beherrschten, dass sie beanspruchten, „die Wunder Gottes zu schauen“, mit echtem Anschauungsmaterial. Sei es da nicht eine vornehme Aufgabe, die Wunder allen zu zeigen wie Luther einst durch seine Bibelübersetzung die Heilige Schrift dem Volke zugänglich gemacht habe? Und der Plastinator bietet auch innere Einkehr. Er will einen eigenen Raum dafür zur Verfügung stellen, „zur Kontemplation“. Er nennt es „Die Körperkirche“.

Nicht nur die Kritik der Amtskirchen sind geistiges Spielzeug für den Plastinator, auch der Nachlass der DDR, die ihn drangsalierte und für zwei Jahre einsperrte. Da freute er sich, als er ein wenig davon in seinem neuen Reich vorfand. Neben der alten Tuchfabrik hat er nämlich auch gleich das Rathaus mitgekauft, dessen Besprechungsraum aus irgendeinem Grund noch voll war mit großen Ikonen: Ulbricht, Stoph, Pieck, und die rote Informationstafel: „Hier spricht die Kreisleitung der SED“. Als hätten wir noch Sommer ’89. Was daraus wird, weiß er noch nicht. Aber dass es ihm gehört, das stimmt ihn glücklich.

Doch ’89 ist vorbei, es ist Herbst 2006. Und da könnte der Kontrast nicht größer sein, als der Smart schließlich zum Gubener Bahnhof rollt. Die Umtriebigkeit, die sprudelnde Leichenphantasie, die Gedankenmaschine in Sachen Leben und Tod, sie sagt auf Wiedersehen. Und es grüßt die Leere zwischen den großen Flügeltüren rechts und links in der Halle, die der Sturm über Guben knarren lässt. Es ist dunkel. Keiner da. Grusel in Guben. Jetzt, ohne den Leichensäger.