Vielleicht muss man ja auf einer Urlaubsinsel leben, um so gelassen umzugehen mit einer derartigen Brandserie, wie man es in diesen Tagen auf Sylt erlebt.
Selbst unmittelbar Betroffene, die allen Grund hätten, aufgeregt zu sein, bleiben cool, deeskalieren, beantworten geduldig die Fragen von Presse, Passanten, Polizei. Es ist das Gegenbild zu jener etwas überdrehten Sylter Gesellschaft, als die man Deutschlands beliebte Ferieninsel gelegentlich darstellt.
Da ist zum Beispiel Silke Renning. Sie ist die Leiterin jenes Westerländer AWO-Altenheimes, das der Brandstifter gleich mehrere Male aufgesucht hat.
Zunächst, gleich nach Mitternacht, brannten die Müllcontainer etwas abseits der Anlage. „Wir konnten das schnell löschen, es hat uns auch nicht sonderlich beunruhigt“, sagt Silke Renning. Später in der Nacht aber sei der Brandstifter dann direkt ins Heim gekommen, durch eine offene Terrassentür.
Ein Bett wurde angezündet, in dem ein Mitarbeiter schlief, eine Gardine. Eine zweite wurde durch einen Fensterspalt angekokelt. Da kann einem schon unheimlich werden. Das Altenheim, in dem auch viele bettlägerige Patienten leben, ist voll belegt. Es war auch Glück dabei in dieser unwetterigen Sylter Nacht im Wenningstedter Weg in Westerland. Viel Glück.
Der schlafende Mitarbeiter sei ja gerade noch rechtzeitig aufgewacht und habe das Feuer im Keim erstickt. Die Feuerwehr ist auch schnell da gewesen. Die Kripo geht von Brandstiftung aus. Da gebe es jetzt keinen Zweifel mehr, sagt Silke Renning. Man will die Fenster lieber geschlossen halten über Nacht im Seniorenheim. Vor dem Haus steht der blaue Laster des örtlichen Feuerlöscherausrüsters. „Wir lassen die Flaschen jetzt wieder auffüllen“.
Soweit ist man ein paar Steinwürfe weiter noch nicht. Vor dem Wenningstedter Hotel Windrose haben die Mitarbeiter des Hauses ein provisorisches Büro eingerichtet. Computerbildschirme auf den Fensterbänken, Telefone daneben, ein Tisch, eine große Kaffeekanne, jede Menge Cola.
Wenn es hier Ärger gibt und Aufregung, dann am anderen Ende der Leitung. Ungehaltene Gäste, die ihren Urlaub antreten wollten und denen Windrose-Direktor Christian Kölling jetzt absagen muss. Endgültig absagen. Das Hotel wird wegen der nötigen Prüf- und Aufräumarbeiten auch in der kommenden Woche noch geschlossen sein, und Alternativangebote gibt es nicht. Die Insel ist voll. Da muss man sich schon einiges anhören. „Aber wir haben das Feuer ja nicht gelegt“, versucht eine Kölling-Mitarbeiterin zu beruhigen. Sie hat keinen leichten Job an diesem Tag, an dem im Speisezimmer des Hotels noch immer das Frühstück frisch eingedeckt ist. Das Frühstück vom Morgen nach der Brandstifternacht wohlgemerkt. Das keiner mehr einnehmen konnte.
Denn auch hier im Umfeld der Windrose war der Brandstifter mindestens drei Mal aktiv. Unten im Keller, wo es richtig gefackelt hat. Gegenüber im Restaurant Meeresblick, wo das Feuer schnell entdeckt und gelöscht wurde. Dann noch in einem Holzschuppen schräg gegenüber.
So berichtet es Jörg Elias, der drahtige Wehrführer der Freiwilligen Feuerwehr in Westerland. Er ist von Mitternacht bis kurz vor sieben am Abend im Einsatz gewesen zwischen Westerland und dem idyllischen Klappholttal im Norden der Insel. Und jetzt sitzt Elias wieder an seinem Arbeitsplatz im Tourismuszentrum. Er organisiert hier die Veranstaltungen vom Surfcup bis zum Silbermond-Konzert, die Organisationspläne an den Wänden lassen ahnen, dass da einiges zu tun ist. „Aber, wenn die Familie mitspielt, dann geht das, dann kriegt man das hin.“ Sagt einer, der bei den Bränden in Westerland, Wenningstedt und List immer wieder als einer der ersten am Ort war, einer der Helden dieser Nacht, die ja auch schlimmer hätte ausgehen können, oder?
„Ach“, sagt da der Wehrführer Elias und lässt die Lesebrille vor der Brust baumeln, „wir sind ja ganz gut aufgestellt hier auf Sylt. Unsere Leute sind sehr gut ausgebildet, wir haben das beste Equipment, alles in einwandfreiem Zustand, die Kommunen unterstützen uns nach Kräften.“ Müsse ja auch so sein hier auf der Insel, die vom Tourismus lebe und auf die man ja keine Hilfe vom Festland holen könne, eben mal so. Es hat jedenfalls funktioniert, „ein Rädchen hat in das andere gegriffen. Und jetzt hoffen wir, dass das zu Ende geht“. Soweit ist es allerdings noch nicht.
Die Kriminalpolizei Westerland ist jetzt ganz gut unterwegs auf der Insel, 15 Leute seien jetzt im Einsatz, heißt, acht davon Verstärkung aus Flensburg. Man fahnde intensiv, aber noch ohne belastbares Ergebnis. Auch die Streifenwagen sollen jetzt häufiger unterwegs sein auf Sylt, aber das nimmt man nicht wirklich wahr. Es ist immer wie immer abends und nachts, geschwätzige Restpartys bei Leysieffer in der Friedrichstraße, grauer Burgunder flaschenweise bei Gosch am Kliff in Wenningstedt.
Drei Kriminalpolizisten, lässig, schweigsam, ein bisschen ratlos, schauen sich noch einmal den angesengten Fußboden im Verwaltungsgebäude des Nordseeheimes Klappholttal an, wo die Feuer zwei Gebäude komplett ruiniert haben, eines zur Hälfte.
Ein weiterer Versuch hat nicht gezündet, sonst wäre es auch um die Verwaltung der „Akademie am Meer“, wie sich die Volkshochschule Klappholttal im Sommer nennt, geschehen gewesen. Jetzt hängt im Flur der Baracke ein Zettel, auf dem die Polizei Zeugen sucht: Wer in der Nacht zum Montag jemanden gesehen habe, der „von außerhalb auf das Gelände von Klappholttal gekommen“ sei, der möge sich bitte melden bei der Kripo Westerland.
Na ja, sagt da Horst Lamprecht, der früher beim DIW in Berlin gearbeitet hat und jetzt als Rentner das einfache Leben des ein wenig an ein Flüchtlingslager der 50er Jahre erinnernden Nordseeheims schätzt, „die Menschen sind ja erst wach geworden, als es „raus, raus, raus“ hieß in den Dünen.
Die meisten Urlauber, die hier für 78 bis 84 Euro pro Tag Urlaub machen können, hätten ja geschlafen. Aber gemessen an dem lodernden Feuer, habe das Team um Klappholttal-Chef Hartmut Schiller einen hervorragenden Job gemacht.
Man esse jetzt im benachbarten Jugendseeheim der Stadt Kassel, „die gleichen Leute, das gleich Frühstück“. Kein Grund zur Aufregung.
![sansibar_haus_BM_Lifestyle_Nauheim.jpg STIL - Sansibar, Sylt CREDIT: Copyright [c] Mark Rehbeck / Collection Rolf Heyne](https://img.sparknews.funkemedien.de/101860146/101860146_1423546407_v16_9_1200.jpeg)


