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Phänomen Sylt – Fest auf Sand gebaut

Sylt ist ein Phänomen. Über die Geschichte der Nordseeinsel – und die Anfänge des "Sansibar".

Da war also das Meer. Grau, lustlos schwappte es unter Nebeltüchern vor sich hin, ein kühler Wind zog über die Düne, auf die Herbert gehastet war. Direkt vom Autozug in Westerland war er mit dem alten Ford Capri gen Süden gefahren, links lagen die Wiesen, die bis Rantum reichen, der erste Abzweig rechts war seiner. „Zur Oase“ stand auf einem Schild. Ein ambitionierter Name. Aber da musste doch endlich das Meer liegen! Oh, wie lange hatte er auf diesen Moment gewartet, bereits frustriert auf dem ruckelnden roten Autozug, der Sylt mit dem Festland verbindet, aus dem Fenster gestarrt. Da war nämlich kein Meer gewesen, nur Modder. Dass sich das Wattwasser alle sechs Stunden zurückzieht in die Ebbe, das hatte ihm ja keiner erklärt. Und dass es im Mai derart ungemütlich sein könnte auf der berühmten Insel im Norden, war irgendwie auch nie Thema gewesen bei den Schwärmereien, die ihn so neugierig gemacht hatten, dass er einen Job annahm im Restaurant „Moby Dick“ in Braderup.

Ganz schön aufdringlich machten die Eisheiligen in diesem nordischen Frühsommer ihrem Namen bibbernde Ehre. Die „Oase zur Sonne“ war damals noch eine Bude, den Trampelpfad rauf zur Düne, runter zum Strand gab es schon. Und dort also lief er hin, durch die Heide, den Sand hinauf, hin zum ersehnten Meer. Jaa! Und dann stand der Schwabe Herbert Seckler, 22 Jahre jung, auf dem Dünenkamm, der damals weit höher war als heute, und guckte. Schon ein bisschen enttäuscht, weil das Meer nicht wogte und glitzerte wie erwartet. Aber allein der Blick! Trotz neblig-trüb. Links den endlosen Inselstrand runter, rechts den endlosen Inselstrand hoch. So viel Weite! Die Jodluft drang in seine Lungen und seine Seele. Eine ganze Zeit lang stand er so – und kam an. Für immer.

Hauptsache ein Job am Meer

„Das erste Mal die Nordsee sehen, das war wirklich überwältigend.“ Als die „Oase“ später umgebaut wurde zu heutiger Größe, prognostizierte der Bürgermeister von Rantum, das werde eine gefährliche Konkurrenz für das „Sansibar“! Na ja. Das hat schon so mancher gemeint. Der König der Dünen lächelt dann nur. Dass er jedoch derart erfolgreich sein würde, davon träumte Herbert damals noch nicht einmal. Schließlich wollte er eigentlich nur mal einen Job am Meer. Wer konnte schon ahnen, dass ein ganzes Leben daraus würde? Also hatte er das Angebot angenommen, im Sommer im Norden zu kellnern. Im Winter hatte er im „Hotel Savoy“ in Davos gearbeitet, der Chef dort war auch Geschäftsführer vom „Moby Dick“ auf Sylt. Früher war das Gastronomiegeschäft in den Ferienorten weit klarer in Wintersaison und Sommersaison getrennt. Heute ist mit Ausnahme weniger Wochen im Jahr immer Saison auf Sylt.

Auf dem Weg gen Norden hatte Herbert noch einen Stopp in Oberammergau eingelegt, ein Freund war Küchenchef in einem Restaurant dort und brauchte Hilfe für sechs Wochen. Herbert war sich nie zu schade.

Mai 1974: Die große Ölkrise vom Jahr zuvor trübte die Sylter Ferienlaune kaum. Gesprächsthema war das schlimme Feuer im „Klenderhof“. Im August 1973 hatten Brandstifter das berühmte Gästehaus des Axel-Springer-Verlags angezündet, wohl in der irrigen Annahme, dass es sich um das Privathaus des Verlegers handele. Ein offensichtlich politisch motivierter Anschlag – auch die Sylter Idylle blieb nicht ganz verschont von den gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen des Festlandes. Die skrupellosen Brandstifter wurden trotz Einschaltung des Bundeskriminalamtes, trotz ausgeschriebener Belohnung von 20.000 Mark nie gefasst. Doch Axel Springer ließ das Anwesen selbstverständlich wieder in seiner alten Form aufbauen. (Inzwischen gehört das teuerste Haus im teuersten Ort Deutschlands einem Schweizer Unternehmer.)

Auch eine ganz andere Bedrohung hatte die Insel gerade noch abwenden können. Von den 50ern bis in die 70er-Jahre, dem „Betonzeitalter“, war im Namen des Fortschritts so manche Bausünde genehmigt worden, Westerland mit seinen Hochhäusern, als „Fördertürme des Tourismus“ gelobt, ist in mancher Hinsicht ein trauriges Beispiel. Den größten Irrsinn plante 1971 ein Bauunternehmer aus Stuttgart. Hans Bense wollte am Westerländer Strand eine 28 Stockwerke hohe Bettenburg bauen. Die Stadt stimmte sogar zu, doch die Landesregierung stoppte das Vorhaben nach massiven Bürgerprotesten. „Atlantis“ ging unter, bevor es entstehen konnte. In jenem Frühsommer, als Herbert Seckler auf die Insel kam, hatten sich die Wogen der Empörung gerade geglättet. Auch das Angebot eines Unternehmers, der in Kampen ein Schwimmbad für die Gemeinde bauen wollte, sofern sie ihm 40 Eigentumswohnungen genehmigte, war vom Tisch. Auf der Insel wurde darüber diskutiert, die Saison unbedingt zu verlängern. „Mehr Saison, weil mehr Kurtaxe wohl kaum geht“ war die Devise. In List wurde das Burgenbauen am Strand verboten. Was keiner so recht verstand, die sandigen Festungen um die Strandkörbe herum waren schließlich Windschutz, Liegestuhlersatz und Prestigeobjekte. „Meine Burg is my castle“ – in den 70ern lebte man noch am Strand, grillte abends, baute gar Bars aus angespültem Strandgut, trank ordentlich. Die Häuserkultur fing erst später an. Man wohnte in Pensionen mit fließend Wasser, in Kampen waren viele Straßen noch gar nicht asphaltiert, es gab noch Schlachter, Gemüsemann und Bäcker statt wie heute Juweliere und Boutiquen.

An „Buhne 16“ saßen all die Schönen und Prominenten, gern in FKK. Ein Klassiker: obenherum Norwegerpulli wegen der Kälte, untenherum trotzdem en nature. Auch das ein Teil der großen unbeschwerten Freiheitsbewegung, die das Nachkriegswunder ermöglicht hatte. Es lagen allerdings schon Schatten über dem Glück, die Baader-Meinhof-Bande terrorisierte das Land, Ulrike Meinhof war inzwischen als Terroristin in den Untergrund gegangen. Unerklärbar für jene, die mit ihr an „Buhne 16“ gefeiert hatten in den früheren Jahren, sie wohnte immer bei Brodersen in Kampen, und auch die Freunde Fritz Teufel und Rainer Langhans kamen gern auf die Insel. Conny Hansen, Bürgermeistersohn und selbst langjähriger Vize-Bürgermeister von Kampen, erinnert sich an heitere Fußballspiele mit der Truppe. Die sich damals aber auch schon gern bei den endlosen Debattierrunden im „Republikanischen Club“ im Wenningstedter „Witthüs“ traf. Die Angst, dass der Terror auf die Insel käme, war daher durchaus gegenwärtig in den 70er-Jahren.

Ein kleines, unbeschwertes Cannes in der Nordsee

Kampen war in den Jahrzehnten nach dem Krieg zum berühmtesten Dorf der Republik geworden. Maler, Bildhauer, Verleger, Industrielle, Chefredakteure, Schauspieler, Banker, Sänger, Politiker, Playboys, Regisseure, Intendanten, Schriftsteller – in Kampen sah man sie alle, naturverbunden und lebenslustig. Und sie zogen die „ganz Normalen“ nach. Auf Sylt durften Glück und Übermut gelebt werden. Man durfte noch durch die Dünen laufen und sich in den Kuhlen sonnen, es gab noch kein Aids, dafür freche Partys mit Hummerrennen und kreischenden Schönheiten, man lebte ungezwungen, ging barfuß vom Strand ins „Gogärtchen“ zum Kaffee; und Togal-Schmidt parkte seinen Rolls-Royce schräg im Garten vom „Village“, Mick und Muck Flick fuhren Wasserski am Ellenbogen, Hubertus Wald feierte tolle Feste, und überhaupt gaben die Hamburger um Bübchen Pünjer, der das „Pony“ mitgegründet hatte, den Ton an. Coole, sportliche Typen wie Rolf Scharfe, Albert Büll, Jean Braun und Horst Otto.

Im Fernsehen lief ein Film über „Die Schönen und die Reichen“, und er prägte das Klischee auf Ewigkeit. In der „Tenne“ des Hamburger Gastronomen Peter Belkofer, dort, wo heute in Kampen der „Dorfkrug“ steht, unweit vom „Hinchley Wood“, wo Liselotte Pulver gern wohnte, wurde im großen Stil gefeiert. Wenn im Juli das Piratenfest im Jetset-Kalender stand, dann konnten zur „blauen Stunde“ die dollsten Autos bestaunt werden, standen Hunderte Schaulustige an den Straßen, um zu sehen, wer wie mit wem vorfuhr. Und komischerweise war immer das Wetter gut. Die Frauen waren verlässlich sexy, also nur mit dem Nötigsten bekleidet, die Flower-Power-gute-Laune steckte alle an, denn selbst die, die gar nicht geladen waren, kamen als Zaungäste auf ihre Kosten. Es wurde marathongleich getanzt, völlig verrückt und ausgelassen, Männer wie Frauen, es galt noch das Gesetz der Narrenfreiheit. Gebi Götsch, der smarte Skilehrer, und seine schöne Frau Renate, die strengste Türhüterin der Insel, machten das „Pony“ zum anderen Treffpunkt der Nacht, wobei Nachbar Berthold Beitz, Generalbevollmächtigter von Krupp, kolossal einflussreich in Wirtschaftskreisen, gern mal dafür sorgte, dass zur Sperrstunde um eins wirklich Schluss war. Schließlich gab es damals noch das Kurgebiet, einschließlich Straßenschranken, die am Abend herabgelassen wurden. Beitz, der wie Werner Höfer bevorzugt in den „Ziegenstall“ ging, hatte auch als Erster einen „Personal Trainer“ dabei, einen Sportlehrer, wie man noch sagte, der viel mit Medizinbällen hantierte und eigens aus Essen anreiste.

Oder man tobte eben im „Village“. Rolf Seiche, erst Barmann in der „Tenne“, seit 1982 „Gogärtchen“-Wirt, „Oberkellner der Gesellschaft“, wie er sich bisweilen selbstironisch nennt, hatte mit Freunden die Diskothek gegründet, „erst Dinner, dann Disko“ war das Konzept. Rolf kontrollierte höchstpersönlich die Tür. Keine Eintrittsgebühr, aber ein Drink Minimum war Pflicht.

Das Günstigste war ein Weinbrand. Als Teenager hielten wir uns den ganzen Abend an einem Glas fest. Und so manche überschwängliche Sause endete johlend zur Abkühlung im hauseigenen Pool. Eines lustigen Abends, dem durch die Sperrstunde ein besonders jähes Ende drohte, schrieb Bürgermeister Hansen auf einen Bierdeckel: „Kraft meines Amtes verlängere ich die Polizeistunde.“ So ein Dokument galt damals noch. Heute sind vom „Village“ nur die schönen Geschichten übrig und der Name, den an gleicher Stelle in Kampen ein Apartmenthaus trägt.

Peter Schnittgard, der Kurdirektor von Sylt-Ost, warb mit dem Slogan: „In Kampen können Sie feiern, in Sylt-Ost ruhig schlafen!“ Man erzählte Geschichten aus den fantastischen Sechzigern, als Gunter Sachs, Prinz Raimondo Orsini, Prinz zu Schaumburg-Lippe, Fürstin zu Hohenlohe, Soraya, die jungen Bismarcks, Fürst von Thurn und Taxis, die jungen Burdas, die jungen Flicks und „die Schweizer“ um Cha-Cha Theler mächtig gefeiert hatten. Man speiste bei „Fisch-Fiete“ in Keitum, ging manchmal in Westerland ins „Trocadero“, wo Dietrich Erdmann Geschäftsführer war, der Neffe und Erbe von Netty Nann. Die „Königin von Kampen“ hinterließ ihm das „Hotel Rungholt“. „Zehn Mark Trinkgeld, das ist eine Riesensache“, erinnert sich Erdmann an den Geldwert Anfang der 70er. Wer auf sich und seinen Intellekt hielt, saß unbedingt bei „Karlchen“ Rosenzweig in Kampen an der „Kachelbar“. Valeska Gert gab ihre letzten Darbietungen im „Ziegenstall“, in der „Kupferkanne“ wurde schon damals Pflaumenkuchen en gros verdrückt, und im „KC“ durfte man bereits schwul sein, ohne Anfeindungen zu fürchten.

Poetisch sterben in Venedig – Poetisch leben auf Sylt

Nach Rantum fuhr man nicht. Höchstens durch, falls man nach Hörnum zum Schiff nach Föhr wollte. Oder wenn man am Odde-Sand im Winter endlos lange laufen wollte. Gunter Sachs, der, noch verheiratet, aber bereits getrennt von Brigitte Bardot, dem Ruf der Schweizer Freunde auf die Insel gefolgt war, notierte in seinen Erinnerungen „Mein Leben“: „Sylt war vom ersten Moment an spannend … Das ,Pony' war keine Bar, sondern eine Dampfküche für Weltanschauungen und Landebahn für Erosbummler. Mit einer Windsbraut eng an mich geschmiegt, brauste ich dann manchem Sonnenaufgang entgegen, glücklich zu leben – und hätte gegen's Sterben auch nicht viel gehabt. Schöner als im Glück zu sterben, ist nur im Glück zu leben … Poeten sahen Venedig und wollten sterben. Ich sah jenes Eiland im Norden – und wollte ewig leben.“

So also war es, als Herbert zum ersten Mal nach Sylt kam. Auch wenn er all das noch gar nicht wusste. Das „Moby Dick“ lag zwischen Braderup und Munkmarsch, direkt an der Müllkippe. Und häufig roch es eben auch genauso bei falschem Wind. Oder bei gar keinem. Doch der Blick über das Watt war einfach fantastisch.

Am Pfingstsonnabend 1969 war das Haus als erstes in einer langen Serie einer Brandstiftung zum Opfer gefallen und bis auf die Grundmauern abgebrannt.

Als Herbert ankam, war es in neuer Schönheit auferstanden, groß und weiß und reetgedeckt. Die Karte bot Sylter Spezialitäten und Schweizerisches (Hauptgerichte 14,50 bis 24 Mark, Fondues 10 bis 13 Mark). Der junge Geschäftsführer Riemens Trost war zuvor Barmann im Kasino des Axel-Springer-Hauses in Berlin gewesen.

Manchmal kam Arndt von Bohlen und Halbach, der „Krupp-Erbe“, ins „Moby Dick“. Herbert servierte Geschnetzeltes, Zigeunerschnitzel oder Fisch und nahm es gelassen. Damals schon.

Und zog wie gewohnt weiter im Herbst, nach Berlin. Denn das „Moby Dick“ gehörte zum Berliner „Arosa-Hotel“ der Kuhfuss-Gruppe, der auch das „Arosa-Hotel“ in Davos gehörte, ebenso wie eines in Essen. Zwischen beiden, Berlin und Essen, pendelte Herbert hin und her. Wo er halt gerade gebraucht wurde. Arbeitete an der Bar, im Service, als Koch. In Berlin war Riesengrill vor Publikum angesagt, flambieren, ordentlich Feuer im Gastraum. Herberts Spezialität. Aber dann ging der Barkeeper in den Urlaub, und Herbert übernahm die Theke. „Ich hab halt gemacht, was anfiel.“ Und immer beobachtet, immer gelernt.

Im Sommer darauf, 1975, ist er nach Sylt zurückgekehrt. Selbstverständlich. Das Meer rief. Aber nicht mehr „Moby Dick“. Ein Bekannter vom ersten Sommer, Harald Schliewa, betrieb ein paar Nachtlokale in Westerland, der „Stadt“ von Sylt. Das „Riverboat“, das „Lord Nelson“. Und den „Pesel“, eine Cocktailbar, im Kurzentrum in Westerland. Dort arbeitete Herbert, auch im Winter. „Das lief fantastisch. Da war ich fast allein, hatte ich nur manchmal eine Frau, die mir half, aber der Laden lief damals klasse. Dann ging er pleite – aber nicht meinetwegen.“ Nach zwei Jahren war also Schluss.

Harald Schliewa hatte einen Steuerberater, Edmund Maaß, den Herbert konsultierte, weil der Chef am Ende kein Gehalt mehr zahlte. „Er hatte uns nicht richtig versteuert und versichert. Da wollte ich beim Steuerberater meine Papiere holen und hören, was los war.“ Die Männer redeten, und Maaß sagte: „Pachte doch den Campingplatz in Tinnum.“ Das tat Herbert. O weh.

„Eine schlimme Zeit. Da mag ich gar nicht mehr dran denken. Die Schlägereien. Mann, hab ich Blut gewischt.“ Herbert, der Harmonische, konnte die aggressive Stimmung nicht ertragen, ging wieder zum Steuerberater. „Des isch unerträglich.“ Herr Maaß hatte erneut eine Antwort: „Mensch, dann kauf doch Sansibar.“ Er war nämlich auch Steuerberater von Herrn Ludwigsen, dem Besitzer eines damals noch gar nicht legendären Kiosks.

In Rantum, ausgerechnet. Dem „untergegangenen Dorf“, wie es lange hieß. Denn im Laufe seiner Geschichte ist der kleine Ort am schmalen Punkt im Süden der Insel schon mehrfach verschwunden, von verheerenden Sturmfluten vernichtet, verschlungen von Wanderdünen. 1463 erstmals urkundlich erwähnt, und da hatte die Siedlung 30 Jahre zuvor in der verheerenden „Allerheiligenflut“ bereits die meisten Bewohner und seine Kirche verloren, galten die Rantumer zunächst als die wohlhabendsten Siedler auf Sylt, denn zwischen dem ehemaligen Riff und dem Geestkern lag fruchtbares Marschland. Doch Wasser und Sand verfolgten die Bewohner, die nebenbei auch legendäre Strandräuber waren, ständig. Immer wieder mussten sie sogar ihre Gotteshäuser abreißen. Das ganze Dorf musste in seiner Geschichte mindestens dreimal verlegt werden.

1819 wurde das letzte Haus des alten Rantum verkauft und zwei Jahre später schließlich abgerissen. 1903 war die Siedlung auf fünf Häuser geschrumpft, den Familien ging es gleichwohl gut, hatten sie doch das verlassene Land drum herum zwischen Puan Klent und Westerland in Besitz genommen und kassierten gute Pacht für Weide und Jagd. Vier dieser Familien verkauften ihren Grundbesitz nach dem Ersten Weltkrieg an Westerländer Spekulanten, nur Familie Nissen behielt klug ihre 40 Hektar. 1936 wurden die Kasernen für den Seefliegerhorst errichtet, erst vor wenigen Jahren schloss die Bundeswehr das Kapitel, hinterließ eine heftige Diskussion um die sozialverträgliche Nutzung der alten Kasernen, aber auch das wunderbare, ungeahnt schöne Gelände in Hörnum, auf dem vor Kurzem der Golfplatz und das First-Class-Hotel „Budersand“ eröffneten.

Bis 1947 waren Hörnum und Rantum eine Gemeinde, dann machte Rantum sich selbstständig und mit seiner vorgeschriebenen Reetdachbebauung beliebt bei Feriengästen. 1973 durfte es sich Nordseebad nennen. Voraussetzung war unter anderem eine gewisse Länge Strand, der wiederum in Strandabschnitte eingeteilt war, und zu jedem Abschnitt gehörten ein Parkplatz, Strandkörbe, eine Toilette und eine kleine Strandversorgung. Die exotischen Namen „Sansibar“ und „Samoa“ waren allerdings nicht Vorschrift. Woher sie kommen, weiß bis heute keiner so genau.

Am Samoa-Strand steht das Lokal „Seepferdchen“. Aber die Bude, die den „Sansibar“-Strand versorgte, hieß „Sansibar“. 250.000 Mark kostete sie. 1977 ein Vermögen! Besonders wenn man wie Herbert Seckler eigentlich gar kein Geld hatte. „Das war im Prinzip Selbstmord. Ohne Grundstück, nur die Bude. An die Finanzierung will ich nicht mehr denken.“ Drei mal drei Meter Bretter in den Dünen am Rantumer Strand. Mehr nicht. Ohne die Strandkörbe. Die Vermietung hatte der Besitzer erst einmal behalten. Die machte später noch einmal zwei Millionen Mark.

Anfang der 80er verkaufte die Bundesrepublik dann die Liegenschaften. Herbert blieb nichts anderes übrig, als auch das Grundstück um seine Bude herum zu kaufen. 33 Mark pro Quadratmeter. Fast eine Million Mark wurden fällig. „So viel Geld, schon wieder! Der Mann vom Bundesvermögensamt wollte unbedingt, dass ich kaufe. Ich habe mich geweigert und geweigert, ich hatte kein Geld dafür. Dann sagte er, jetzt habe er einen Käufer, hat mich so erpresst. Dann habe ich es gekauft, mit Schulden.“ 30.000 Quadratmeter, bis zum Strand. Heide, Sand, Strandhafer.

„Bis Dünenende“ steht in dem Vertrag. Warum das Areal gleich so riesig sein musste für eine so kleine Bude? „Weil sie Geld wollten. Wie immer. Das begleitet mich mein ganzes Leben.“Ein kompletter Wahnsinn. Damals, 1977. Ein Glück, heute. Aber Herbert hatte die Angelegenheit gar nicht zu Ende gedacht – schon gar nicht zum heutigen –, sondern einfach dem Steuerberater Maaß geantwortet: „Mach ich!“ So war er. Und auf sein „Mach ich“ konnte und kann man sich immer verlassen.

Und außerdem wollte er ja unbedingt auf Sylt bleiben. Den Weltenbummler, der er seit Teenagerzeiten gewesen war, zog es nicht mehr hinaus in die Welt. „Ich habe mich hier einfach wohlgefühlt. Ich habe oft versucht, eine Erklärung dafür zu finden, warum ich den Ort so liebe, doch ich weiß es nicht. Es ist ein abgewetzter Spruch, aber er hat Gültigkeit: Entweder man liebt es oder nicht. Zu mir spricht die Insel, ich bin überzeugt. Ich bin hier verwurzelt.“

Da stand er also, verschuldet bis über beide Ohren und beide Beine, in seinem kleinen Kiosk. „Eher eine kleine Hütte, in einem alten Laufstall lagen Kinderspielsachen, Bälle, Schaufeln, Beachballspiele und so ein Kram. Ansonsten war da nicht mal mehr ein Topf.“ Aber immerhin noch die Tische, fünf Tische für je fünf Personen. Grüne und rote Plastikgartenmöbel.

Das kulinarische Angebot umfasste zehn Gerichte: Bockwurst mit Brot, Bockwurst mit Pommes, Bockwurst mit Brot und Pommes, Bockwurst … Manchmal Erbseneintopf oder Milchreis und Kaffee und Kuchen. Herbert wurde ganz schwindelig. „Davon bist du verhungert, das wäre ja nie gegangen. Und die hatten auch nur von 12 bis 16 Uhr geöffnet.“

Rantum war nicht gerade der Nabel der Touristenwelt. Schon gar nicht fuhr man gezielt in die Dünen, um dort zu speisen. Der Kiosk bediente die Strandspaziergänger, die zufällig vorbeikamen. „Im ersten Jahr habe ich 80. 000 Mark umgesetzt, im ganzen Jahr, das weiß ich noch. Pleiter geht gar nicht. Spätestens da habe ich gemerkt, man muss mehr machen.“ Jahrelang hat Herbert mit niemandem mehr gesprochen als mit dem Sachbearbeiter von der Commerzbank. Der rief morgens um 8 Uhr schon an: „Da ist eine Überweisung über 300 Mark, die kann ich nicht durchlassen.“ Was für ein Druck. „Da siehst du kein Land mehr!“ Aber der Sommer am Strand, das Meer, das Licht, die Luft waren herrlich. Und Herbert, auch so eine Gabe, ergriff nie die Panik, am Ende zu sein. Er konnte ganz gut umgehen mit finanziellen Sorgen. Wenn er nicht schlafen konnte deswegen, dann hat er halt gearbeitet. Er hat sehr wenig geschlafen in jenen Jahren, und das hat ihn unter Strom gehalten.

Und er rackerte: Arbeitete im Winter auf den sogenannten Butterschiffen, der Touristenbootflotte „Palucca“. Eines Tages rief der Bruder vom Steuerberater Maaß an und sagte: „Hör mal, du brauchst doch Geld! Der Detlef Detlefs, der Kapitän der ,Palucca', geht in Urlaub, übernimm doch die Gastronomie auf den Schiffen, bis er wiederkommt, in zwei Monaten oder so.“ Herbert schlug ein, Chef Detlefs fragte prompt: „Willst du nicht gleich pachten?“ Herbert, zu hoch verschuldet, um weitere Verantwortung zu übernehmen, antwortete eher abweisend: „Ich überleg's mir.“ Der eine ging in Urlaub, der andere an Bord, wobei die Arbeit dort Herbert überhaupt nicht bekam. Er wird leicht seekrank. Aber natürlich zog er den Job durch. Das hatte er ja zugesagt. Und das Geschäft lief gut. Als Detlefs wiederkommt, geraten die Männer aneinander. Detlefs begrüßt Herbert mit den Worten: „Wie geht's meinem Pächter?“ – „Was heißt Pächter? Bin ich doch gar nicht.“ – „Willst du?“ – „Nein, ich vertrag die See nicht.“ – „Dann verlass sofort mein Schiff!“

Über Nacht ohne Vertrag zum Pächter geworden

Herbert wurde von Bord gejagt und verklagt, weil er seinen Pachtvertrag nicht einhalte… Detlefs wollte Pacht und Einnahmen von einem halben Jahr. Schon wieder ein Wahnsinn an Verbindlichkeiten. Doch Herbert hielt dagegen, er klagte. Und hatte einen Vorteil: Die Einnahmen lagen auf seinem Konto. Schließlich gewann er tatsächlich den Prozess und durfte einen Großteil der Einnahmen behalten. Das half. Damit hatte er quasi die ersten Maschen gestrickt am Netz für den finanziellen Drahtseilakt „Sansibar“.

Er hatte noch etwas gelernt: Zu Silvester waren die Unterhaltungsschiffe stets ausgebucht. So bot er an: Silvester am Strand in der Hütte. 1979 war das, 30 Leute kamen. „Ab diesem Tag habe ich nie wieder zugemacht.“ Das gilt bis heute. Nur einmal im Jahr ist das „Sansibar“ geschlossen: Heiligabend, da feiert Familie Seckler mit der „Sansibar“-Familie, mit allen Mitarbeitern. „Leicht war es nicht, auch im Winter durchzuhalten. Es war natürlich sehr einsam. Das kann man heute nicht mehr verstehen, aber ich habe nicht mal mehr das Geld gehabt, die Heizung anzumachen. Da habe ich mir lange Unterwäsche gekauft. Ich Vollidiot habe lange Rheumaunterwäsche getragen. Wie das juckt! Da gehst du kaputt!

Aber ich hatte ja kein Geld, ich saß da oben und habe geschlottert. Mein Glück war der Bücherständer. So etwas hatte man früher im Kiosk. Ich saß da wochenlang mutterseelenallein und habe die ganzen Bücher gelesen.“ Doch dann kamen die ersten Einheimischen. „Die haben sich den Bauch gehalten vor Lachen, wie so ein Vollidiot im Winter aufmachen kann, haben aber einen Grog getrunken oder irgendwas. Und schon hatte ich ein paar Mark. So ging es dann los.“ Die Secklers wurschtelten sich durch. Immer müde. Ernährten sich monatelang nur von Spaghetti. Es gibt ein Foto von Helga Seckler, die über einer Schüssel geschälter Äpfel eingeschlafen ist.

Helga, die er 1979 kennengelernt hatte. Die Mutter seiner vier Kinder, drei Töchter und ein Sohn. Sie war Schauspielschülerin aus Tübingen, blond, schön, klug, jobbte im Sommer auf Sylt, verliebte sich in die Landschaft und dann in Herbert. Kam an, um für immer zu bleiben. „Sie ist ein Stück Herbert, und ich bin ein Stück Helga.“

Am 9. Juni 1982 brennt ihre Existenz. Lichterloh, im Morgengrauen. Brandstiftung vermutlich. Christian Lorenzen, der heute im „Sansibar“ die Strandkörbe verwaltet, war damals schon dabei. Der bekam einen Anruf: „Chrischan, ihr müsst nach Rantum. Es brennt dort.“ – „Und wieder war ich pleite.“ Mit seiner kleinen Familie zog Herbert in das „Sansibar“ – oder besser in das, was vom Brand übrig geblieben war, weil er sich etwas anderes gar nicht mehr leisten konnte. Auch nicht mehr die Bleibe in Tinnum. Mit Baby Barbara, mit der zweiten Tochter Silke war Helga gerade schwanger. Wie hart jene Zeit war, kann man nur ahnen. „Du lebst damit, wenn du es nicht anders kennst.“ Das einzige Glück: Barbara hatte den größten vorstellbaren Spielplatz. Den Strand. Und Eltern, die aus ihrer Naturverbundenheit Kraft schöpfen konnten. Eine sehr schmale Zeit. Dann konnte Herbert das Haus „Düneck“ in Rantum für seine Familie und seine Mitarbeiter mieten, später kaufte er den alten Bahnhof. Seit fünf Jahren leben die Secklers in ihrer heutigen „Familien-Burg“. Sie steht – umgeben von einem großen Garten voll Rhododendron, Blumen und Gemüse – an der Wattseite, drei kleine Häuser zu einem zusammengefügt, mit sehr hellen, großzügigen Räumen, alles offen, mit der großen Küche, der Kommunikationszentrale in der Mitte.

Ein Platz für immer. Auch immer noch für die großen Töchter und das Enkelkind. Und sonst kommen nur enge Freunde hin, es ist die heile Welt. „Auf Sylt bin ich einfach zu bekannt. Jeder kommt und labert dich zu. Manchmal möchte man ein Schild haben: ,Bitte nicht anfassen und nicht füttern'. Du kannst dich nirgends mehr hinsetzen und fünf Minuten denken. Dann kommt wieder einer: ,Ach, gönnen Sie sich mal Ruhe! Das muss ja auch anstrengend sein, dass alle immer mit Ihnen reden wollen.' Der stellt sich vor mich hin und redet mit mir. Ohne Pause. Da kochst du! Deswegen bin ich so gern in meinem Haus, da habe ich meine Ruhe.“

Auch sein altes Rantum gibt es nicht mehr. „Es ist inzwischen ein Touristenort, da wohnen keine Einheimischen mehr. Das ist schade, aber ich wohne hier gerne.“ Der Brand war sein Glück. Aber nur, weil er genug Chuzpe hatte, die Chance darin zu ergreifen. Denn versichert war er nicht. Hatte er sich gar nicht leisten können. Aber das musste ja nicht jeder wissen. Und so wiederholte sich die Geschichte von der One-Million-Dollar-Note: Herbert baute sein neues „Sansibar“ auf einem Trick auf: Die Versicherung würde zahlen, erklärte er jedem, der Material und Ware lieferte… Na ja. Am Ende hat tatsächlich jeder sein Geld bekommen. Auf Heller und Pfennig.

1983 war sein erstes gutes Jahr. „Da ging es los. Jedenfalls konnte ich schon mal die ersten Schulden bezahlen.“ Es war das erste Jahr, in dem er im November noch Geld hatte. Und in dem nach der zweijährigen Barbara im September Silke kam. Und die ersten prominenten Gäste den magischen Ort entdeckten. Peter Boenisch, der verstorbene Publizist, ehemalige Regierungssprecher und Vertraute von Axel Springer, fand als Erster den Weg und das „Sansibar“ witzig. Bohemien halt. Etwas anderes mal. „Du bist ein Netter“, sagte er zu Herbert. „Mir gefällt's da“, sagte er zu anderen. Und das war eine Ansage. Boenisch kam dann gleich mit dem amerikanischen Botschafter, der brachte einen Essener Millionär mit, und der kam dann jeden Abend mit zehn, zwölf anderen Leuten aus Kampen. Die kamen wieder mit anderen. So ging es los. Und dann kam auch Gunter Sachs. Und es ging nie wieder bergab.

Aus: „Das große Sansibar Buch“ () Von Inga Griese und Herbert Seckler, Fotos von Marc Rehbeck. Collection Rolf Heyne (), 39,90 Euro