Ashley Zimmermann ist neun Jahre alt und ohne Schuhe zu ihrem ersten Auftritt gekommen. „Somewhere over the rainbow“, sang sie mit einer glockenhellen Stimme und rührte damit Jury und Publikum.

Im Halbfinale von „Das Supertalent" sitzt sie nun auf einer weißen Rosenschaukel, die Nebelmaschine wirft dicke Schwaben auf die Bühne und das kleine Mädchen singt „Der Mond ist aufgegangen“.

Anschließend gibt’s ein Küsschen von Bruce, umständliche Komplimente von Sylvie van der Vaart und blöde Sprüche von Dieter Bohlen. Die Zeremonie ist bekannt, die Rollen fest verteilt.

In das erste Halbfinale schafften es nur noch die, deren Programm vermutlich wirklich auf jede Kleinkunstbühne passt: Ein lustiger Schlauchmensch, der zu Michael Jackson tanzt.

Das Zirkuskind Charlin, das einen Dieter-Bohlen-Song vorträgt, eine akrobatische Wassernixe, ein ekelhafter Kunstfurzer: Manches ist schräg, manches verblüffend – vieles aber auch schon viel zu häufig dagewesen.

Nicht anders ergeht es einem bei der Jury: Neben Drama-Baby-Bruce, der jedem Kandidaten versichert „Toll, toll, toll“ zu sein und das Publikum stets inbrünstig zum telefonieren auffordert, sitzt eine zwar hübsche aber leider häufig nur schwer zu verstehende Sylvie van der Vaart, die mit Inbrunst Wörter durcheinander wirft und sich am liebsten von Kandidaten, Moderatoren und Mitjuroren anhimmeln lässt – auch das gehört fest zum Konzept und macht die Jurorin zum Grinseäffchen: Kritik wird aus solch einem schönen Mund nicht erwartet.

Bleibt als letzte Hoffnung auf Kritik und Meinung Altjuror Bohlen, und der glänzt zumindest noch stellenweise in bewährter Manier: „Ich glaube, dass du die geilste Suppe mit Fleischeinlage bist“, schmettert er der Badenixe Natalia entgegen, die zuvor im silbernen Glitzerneopren durch ein Planschbecken geglitten ist und den "Poptitan" damit zu besonders anzüglichen Bemerkungen herausfordert.

Es sollte einer der wenigen lustigen Momente in der Show bleiben, die sonst mal wieder allzu sehr auf die Tränendrüse drückte: Die kranke Mutter, der verstorbene Großvater, der verschollene Vater – all das sind Schicksale, die man ernst nehmen sollte.

Es ist schlimm, wenn gerade junge Menschen schwere Schicksalsschläge einstecken müssen – aber ist ihnen wirklich damit geholfen, wenn RTL sie vor einem Millionenpublikum breittritt und versucht, über diesen Weg Zuschauer zum Anrufen zu bewegen. Sicherlich nicht.

Was der Sender damit bewirken will, ist ziemlich offensichtlich: Noch immer ist die deutsche Supertalent-Show auf der Suche nach ihrem Paul-Potts-Effekt.

Nach einem unscheinbaren hässlichen Entlein, das auf der Bühne mit einem Schlag zum prächtigen Schwan wird, der es schafft, Publikum und Zuschauer zu Tränen zu rühren.

Auf diesen Moment aber wartet man an diesem Abend vergeblich. Denn statt der tragischen Geschichten fasziniert vor allem der Auftritt eines Paares, das sich betont fröhlich und unbeschwert gibt: Yvo und seine Primadonna, das großartige Hund-und-Herrchen-Tanzpaar.

Der kleine Vierbeiner läuft rückwärts, klettert, dreht sich im Kreis – synchron und perfekt abgestimmt zu seinem Herrchen, der Handstand macht und den Hund auf den Füßen balanciert, ein Rad schlägt, mit dem Hund tanzt.

Das Duo macht am Ende das Rennen, genauso wie Günther Kaufmanns Sohn Davy und Vanessa Calcagno, die sich beide in die Finalrunde singen.

Auf wen sie dort treffen werden, entscheiden die nächsten Halbfinalrunden – Bruce Darnell hat sie sicherheitshalber schon jetzt alle zu großartig-unbeschreiblichen-super-super Talenten erklärt.

Aber auch das gehört nun mal fest zum Versuchsaufbau, der da lautet: Bringe möglichst viele Zuschauer dazu, ihre Telefonrechnung in die Höhe zu treiben – am Ende entscheidet der Poptitan selbst, wen er für talentiert hält.