Castingshow

Wenn aus "X Factor" der Trash-Faktor wird

Mit Sarah Connors "X Factor" und Detlef "D!" Soosts "Popstars" gehen gleich zwei neue Shows auf Talentsuche. Hört dieses Casten denn nie mehr auf?

Das erste deutliche Anzeichen dafür, dass Detlef Soost ein Popstar geworden ist, war das Apartment mit Dachterrasse in Berlin, das er sich vom Erfolg der No Angels gekauft hatte. Detlef wurde als Sohn eines ghanaischen Vaters und einer deutschen Mutter in der DDR geboren; er lebte in einem Kinderheim, bewunderte Michael Jackson, und nach der Wiedervereinigung versuchte er als Tänzer sein Glück. Andere Jungs versuchten das auch, aber Detlef hatte den Groove, eine große Klappe und viel Ehrgeiz, er nannte sich etwas aufdringlich „D!“, und so brachte er es bis zum Tanzlehrer. Als solcher wurde er für die erste Staffel der Castingshow „Popstars“ verpflichtet, die im Jahr 2000 ausgestrahlt wurde und die Girl Group No Angels hervorbrachte, das Muster für so viele verzweifelte Nachfolge-Shows und Mädchengesangsgrüppchen mit Migrationshintergrund.

Zehn Jahre und neun Staffeln „Popstars“ später sind zwar die meisten Ensembles vergessen, die Detlef „D!“ Soost als einziger beständiger Juror ausgewählt hatte – doch der ehemalige Instrukteur hat einige Tanzschulen eröffnet und lehrt Jugendliche, wie sie sich schinden müssen, um eventuell in seiner Sendung auftreten zu dürfen. Seit Donnerstag ist der temperamentvolle Richter wieder auf Sendung – und muss sich gegen die Casting-Konkurrenz „X Factor“ auf RTL und Vox behaupten.

An Soosts Seite sitzt nun der sauertöpfische Thomas Stein, der einst bei der Konkurrenz „Deutschland sucht den Superstar“ den Sidekick von Dieter Bohlen gab. Stein war in einem früheren Leben der Geschäftsführer der Plattenfirma BMG Ariola (bei der Bohlen unter Vertrag stand) und in einem noch früheren Journalist – doch prägnante und witzige Formulierungen fielen ihm schwer, weshalb er sich auf Abschätziges und Beleidigendes verlegte, bis Bohlen seinen ehemaligen Vorgesetzten nicht mehr neben sich duldete. „Onkel Stein“, wie er genannt wurde, befasste sich dann mit dem, womit sich alle befassen, die noch vorm Rentenalter nichts mehr zu tun haben: Er beriet.

Soost und Stein müssen sich mit vielen anderen einen Kuchen teilen, der deutsche Unterhaltungsmusik heißt und in den vergangenen 20 Jahren immer mickriger wurde, weshalb die Castingshows wenigstens ein paar Krümel retten sollen.

Mit Knebelverträgen werden Jugendliche an Sender und Plattenfirma gebunden, ein halbes Jahr herumgereicht und nach zwei Platten zur C-Prominenz abgeschoben, die beim „Promi-Dinner“ auf Vox kochen darf. Doch bis ein Sieger gefunden ist, werden mit fröhlicher Menschenverachtung naive Halbstarke, einfältige Mädchen und bibbernde Scheidungsopfer vorgeführt, in Zeitlupe und mit lustigen Geräuschen und Kommentaren aus dem Off veralbert und ins Archiv für Kuriositäten gestellt. Früher delektierten sich die Leute auf Jahrmärkten an bärtigen dreiarmigen Frauen und siamesischen Zwillingen, an Zwergen und Riesen. Heute befindet Stein, eine Bewerberin brauche dringend Schläge „annen Kopp“ und ordentlich was „hinter die Löffel“, wie es womöglich Jugendliche in den 50er-Jahren von ihren Erziehungsberechtigten zu hören bekamen.

Dazu passt der Plattenbauten-Sozialdarwinismus von Detlef Soost: Bei „Popstars“ reüssieren „Menschen, die schon Dreck gefressen haben – sorry, so isset nun mal“. Die Kandidatinnen sagen Sätze wie „Ich hab mich beworben, weil ich mein Talent allen zeigen will – und Reichtum“ und „Das ist eine wunderbare Möglichkeit für mich zu zeigen, dass es mich gibt“. Die meisten werden schnell und derb verabschiedet. Eine Jugendliche klagt nicht ganz zu Unrecht: „Der alte Mann ging mir auf den Sack.“

Dritte im Bunde der Juroren ist die Sängerin Marta Jandová, die seit vielen Jahren mit ihrer Band Die Happy durch Deutschland tingelt. Die Wuchtbrumme mit dem lebendig wirkenden Haarteil ist fürs Gefühlige zuständig und muss ein paar Tränchen verdrücken, wenn eine besonders kitschige Lebensgeschichte zusammengefasst wird. „Dit war wirklich krass“, hört man von Detlef Soost. Wenn sie jemanden nicht mögen, zählt aber auch der Hinweis auf den frisch operierten Vater nicht. Soost regt sich auf: Das sei ja Manipulation!

Seit Freitagabend versuchen RTL und Vox, mit der aus England importierten Show „X Factor“ das dümpelnde Genre fürs Werktagsfernsehen zu retten. In Britannien liefen schon sieben Staffeln, zuletzt bewarben sich 200000 Aspiranten. In der Jury saßen Sharon Osbourne, die Frau von Ozzy, und Dannii Minogue, die Schwester von Kylie, und mit Leona Lewis wurde immerhin ein richtiger Star mit richtigen Hits hervorgebracht. Auf dem Höhepunkt sahen beinahe 20 Millionen Briten den Bewerbern dabei zu, wie sie sich um Kopf und Kragen sangen.

In Deutschland beginnt „X Factor“ damit, dass das „X“ falsch, nämlich deutsch ausgesprochen wird. Nun soll das „X“ wohl für das Außerordentliche, das Einzigartige stehen, doch bei dem Triumvirat George Glueck, Sarah Connor und Till Brönner wird wieder bloß der Trash-Faktor obsiegen. Der grau melierte Glueck ist der Bohlen der Truppe – ein sogenannter Erfolgsproduzent, der Nena zu einem Comeback verhalf und vor zehn Jahren die Delmenhorster Amsel Sarah Connor entdeckte, die dann mit Schmachtfetzen wie „From Sarah With Love“ und einem leicht durchsichtigen Kleid über fehlender Unterwäsche bei „Wetten, dass..?“ zu Berühmtheit gelangte. Der smarte Trompeter Till Brönner versucht seit ebenso langer Zeit, mit seinem nicht sehr Pop-tauglichen Instrument, weich gespülten Lounge-Jazz-Platten und manierlichen Auftritten bei jeder Art von Veranstaltung, doch noch ein deutscher Superstar zu werden: der Miles Davis der Wohlfühltröte.

Sie sind zum Schauen und Hören bestellt – und schon vergießt die Connor erste Tränen, weil ein juveniles Schicksal sie so gerührt hat. Bei ihrer öffentlichen Fernseh-Hochzeit mit dem ebenfalls von George Glueck produzierten amerikanischen Rock-Künstler Marc Terenzi war sie weniger emotional involviert – längst hat sich das Paar wieder getrennt. Ein frivoles blondes Schwesternpärchen aus der Ukraine forderte bereits den Widerspruch der Juroren heraus: Die freizügig ausstaffierten Engelchen waren von ihrer radebrechenden Mutter zu einem unbeholfenen Auftritt mit Stöhn-Attacken nach Art des flatterhaften russischen Duos Tatu getrieben worden; Mama arbeitet angeblich als Stil-Beraterin.

Doch die künstliche Empörung wirkte ein wenig geheuchelt. In der Ukraine missversteht man „X Factor“ womöglich als Aufforderung zum nicht jugendfreien Tabledance. Bei Vox dagegen will man dem Zuschauer offenbar ein X für ein U vormachen.