Castingshow

Piercings und Schläge – Die neue Härte bei "Popstars"

Bei der neunten Staffel von "Popstars" soll eine erfolgreiche Mädchenband à la "No Angels" gefunden werden. Da gibt man sich nicht zimperlich.

Mehrzad Marashi, diesjähriger Gewinner von „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS), musste unlängst aufgrund mangelnder Nachfrage seine Tournee absagen.

Sein scharfer Konkurrent, der skandalumwitterte Menowin Fröhlich, trat zuletzt in Ballermann-Kneipen und Zirkusmanegen auf. Angeblich will er nun bald seine viel verschobene Debütsingle aufnehmen, aber ob die noch viele interessieren wird, ist fraglich. Schließlich ist selbst der Hype um Eurovisionssiegerin Lena Meyer-Landrut mittlerweile abgeebbt.

Höchste Zeit also, dass uns die deutsche Castingshow-Maschinerie frische Ware liefert. Neue Zoten von RTL-Poptitan Dieter Bohlen, Oberjuror von „ Das Supertalent“ und DSDS, gibt es allerdings erst ab Ende September. Daher schickt ProSieben in der Zwischenzeit dankenswerterweise die „Popstars“ in die mittlerweile neunte Staffel. Bei der dienstältesten Castingshow werden, anders als bei DSDS, keine Solokünstler gekürt, sondern ganze Popbands zusammengestellt.

Dass hierbei in den kommenden Wochen allerdings eine bleibende Formation wie die „No Angels“ (Siegergruppe der ersten Staffel) entsteht, damit ist weniger zu rechnen – an „Some & Any“, die bereits aufgelöste Popstar-Gewinnerband von 2009, erinnert sich schon jetzt kaum noch jemand.

Ein wenig gewagt scheint daher das diesjährige Motto „Girls forever“. Aber auch wenn das mit dem „für immer“ einmal mehr nichts werden sollte – „Girls“ wird es in dieser Staffel auf jeden Fall reichlich zu sehen und zu hören geben, denn es wird eine reine Mädchenband gesucht.

Doch bevor es in den Liveshows zur Sache geht, gilt es wie immer erst einmal die Casting-Vorrunden zu überstehen. Zum Auftakt wurden dabei routinemäßig einige wenige halbwegs Talentierte aus der Masse der Trash-Kandidatinnen ausgesiebt und letztere dabei genüsslich vorgeführt.

Viel Arbeit für die Jury, die in diesem Jahr neben „Popstars“-Urgestein Detlef Soost noch „Die Happy“-Sängerin Marta Jandová sowie Musikproduzent und DSDS-Veteran Thomas Stein beinhaltet.

Streckenweise schien dieses Trio zwar mehr damit beschäftigt, sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen – schließlich sei man ja auch eine wirklich „hammermäßige Jury“, wie Soost zufrieden diagnostizierte, aber die eine oder andere Bewerberin konnte dann doch noch Interesse wecken.

Die 16-jährige Türkin Dilara zum Beispiel, die ab und an im Dönerladen ihres Vaters Karaoke singt und nun verkündete, sie wolle Weltstar werden. Ob Deutschland nicht erst einmal reiche, wandte die Jury da ein, doch Dilara winkte ab und betonte „Nee, eigentlich international!“. Ein sehr belustigter Juror Stein befand daraufhin „Weißt du was, ich finde deinen Gesang überschaubar, aber so lustige Menschen müssen auch mal weiterkommen“ und winkte die quirlige Kandidatin in den Recall weiter.

Zu letzterem brachte Dilara drei Döner für die Jury mit, kam dann allerdings gehörig aus dem gesanglichen Tritt, was sie überraschenderweise auf mangelnden Druck zurückführte. „Ohne Strengheit geht bei mir nichts!“, rief sie, und forderte mehr Härte seitens der Jury ein. Da ließ sich Stein nicht lange bitten, stellte sich zu Dilara auf die Bühne und drohte mit Schlägen bei falschen Tönen. Prompt kam die Kandidatin weiter.

Ebenso überzeugen konnte Meike (23), schlank, dunkelhaarig, mit Tattoos und Piercings, die sich als stolze Besitzerin von 18 Ratten, 10 Katzen und einem Hund outete. Sie wagte sich erfolgreich an Whitney Houstons „I will always love you“ und rührte die Jury nicht nur mit ihrem Gesang, sondern auch mit Berichten über ihre sehr schwere Kindheit – natürlich unterlegt von zarter Pianomusik seitens der Regie. Detlef Soost bemerkte ergriffen: „Danke, dass du so `ne Kämpferin bist, ey!“

Der Weg von ganz, ganz unten bis hoch hinauf ins Licht, auch dieses Mal wurde er wieder seifenoperettenhaft zelebriert und dafür die Biographien der Bewerberinnen ausgeschlachtet.

Auch am Beispiel der schwarzen Kandidatin Rosalie (16), die sich aus einem sozialen Brennpunkt Aachens zu den Popstars gekämpft hat. Ihre Eltern sind getrennt, ihr Bruder sitzt hinter Gittern, und auch sie hat in der Vergangenheit einige Anzeigen wegen Körperverletzung kassiert. Aber nun hat sie sich geändert, engagiert sich für Jugendliche in ihrem Bezirk und will Vorbild sein.

Doch der Kampf ist für sie und die anderen Kandidatinnen noch lange nicht vorbei, etliche Shows mit Blut, Schweiß und Tränen werden folgen. Schiefe Töne inklusive.

Folgerichtig rief Detlef Soost die Sängerinnen in bestem Neudeutsch zur Entschlossenheit beim künstlerischen wie biographischen Ringen auf und wies darauf hin, bei einem solchen „Battle“ gelte: „Battlen heißt nicht betteln, sondern battlen!“