Der Auftritt grenzt an „Erregung öffentlichen Ärgernisses“: Gegen Ende der gestrigen dritten Folge von „Deutschland sucht das Supertalent“ wütet Stephan Chomé, der kurz vorher noch den Chaplin gegeben hat, beinahe nackt über die Bühne. Tanzt dort – wenig ansehnlich – im eigenen Altersspeck die „Bauchrolle“. Unkontrolliert und mit fettigen, langen Haaren.
Der schwer zu ertragende Anblick ist Höhepunkt einer ganzen Reihe von so genannten Superlativen in der (selbst erklärten) „Showsensation des Jahres“. Da wären etwa der riskierte Bühnentod beim Feuerspucken, der erfüllte Auftrittwunsch des verstorbenen Vaters, der spektakulärste Tanz oder aber die schönste aller Frauen. Höher, schneller, weiter – um jeden Preis. So lautet das einhellige Motto und zugleich das größte Problem der Show: Sie will einfach zu viel.
„Supertalent“ will Highend-Entertainment für Massen sein. Dabei Fremdscham und Boulevard im Extrem bedienen und zugleich noch durch großes Können beeindrucken. Und Jahr für Jahr nebenbei noch ein authentisches Märchen à la Paul Potts erschaffen. Eine moderne Aschenputtelei, bei der aus der rauen Wirklichkeit ein Nobody zum Bühnenstar aufsteigt.
Für den Voyeurismus wird dazu auch in dieser dritten Ausgabe der Vorentscheidungen ein Heer von echten und anscheinend gestellten Freaks über die Bühne gejagt. Mehr oder weniger zu bedauernde Kreaturen, die ohne Gnade von einem wie ferngesteuert wirkenden Publikum verlacht, ausgebuht und angegröhlt werden. Ein österreichischer Polkaspieler, der auf die Musik bellt, eröffnet den Reigen. Ihm folgen ein epileptischer „Kung-Fu-Tänzer“, ein Drehorgel-Spieler im Darth Vader-Kostüm und ein fast niedlich wirkender Tierstimmenimmitator. Dass so mancher dieser Artisten der Auftritt aber erspart bleiben sollte, aus mangelnder Selbsterkenntnis oder zum Selbstschutz, muss wohl nicht extra erwähnt werden.
Neben diesem Streichelzoo für Voyeure gibt es aber durchaus echtes Show-Potential: Die Breakdancer Rafael und Sebastian aus Berlin tanzen – weiß maskiert – als zweiköpfiger Dämon nicht zu unrecht das Publikum zu Ovationen. Die elfjährige Tamina hat – die wie immer problematische Altersfrage einmal ausgeklammert – einen Drive in der Stimme, um den sie so manches Gesangsass beneiden würde. Und der Feuerakrobat mit dem Alias „Saraph“ setzt bei seinem Auftritt die Bühne buchstäblich in Brand.
Doch um diese möglichen Supertalente schon jetzt als Phönixe aufzubauen, verwenden die Produzenten eine ganz beachtliche Menge Asche. Kitsch, der den Zuschauern blenden soll wie das künstlich glänzende Scheinwerferlicht und gelegentliche Rührung von Sylvie van der Vaart.
In den Einspielern zu den verschiedenen Auftritten jedenfalls bleibt keine Katastrophe unerwähnt. Alles was nötig ist, um den „Superkarrieren“ die nötige „menschliche“ Fallhöhe zu geben. Die Breakdancer als beinahe Sportinvalide oder Taminas Hundewelpe als Trauertherapeut sind dabei noch die harmloseren Auswüchse. Krankheiten, Tod und Psychodramen überall. Was nicht wirklich verstörend ist, wird mithilfe von Emopop und Betroffenheitstimme auf verstörend getrimmt.
Wo die Wirklichkeit endet und die Inszenierung beginnt, ist so nur noch schwer ersichtlich. Und dass so manches schweres Schicksal in diesen künstlich aufgekochten Gefühlstopf des Samstagabend-Entertainments geworfen wird, kann auch nicht unbedingt im Sinne der Leidtragenden sein. Ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl beim Zusammenschnitt dieser emotionalen Dauerdröhnung wäre in jedem Fall wünschenswert.
Ausgerechnet Dieter Bohlen scheint sich zwei Mal genau daran zu erinnern: nämlich das Weniger manchmal mehr ist. Zuerst tauscht der Prolet zwar mit einigen Zuschauern seines Schlages geifernde Blicke und Handschläge aus, als die attraktive Victoria einen Bauchtanz ankündigt. Dann aber scheitert die Schönheit gerade an der Stimme des „Poptitans“ auf dem Weg in die nächste Runde. Aus Mangel an Talent. Sein noch immer anzügliches Macho-Pendant im Zuschauerraum verweist Bohlen dabei unsanft auf die Plätze. („Fresse jetzt dahinten“)
Und als der Essener Carlo Caroll den Schlagerbarden Heino mimen will, fragt der Juror trocken in die Menge: „Wollt ihr das sehen?“ Nach klarem „Nein“ verlässt der Kandidat ganz ohne Auftritt die Bühnenbretter.
Den peinlichen Imitator hält Bohlen aber ganz im Prinzip des überbordenden Showkonzepts eben nicht aus Menschenliebe auf: Die Nummer wirkt auf ihn vielmehr zu abgedroschen. Der Wahnsinn von Stephan Chomé aber wird aus-, der Geschmack auf offener Bühne dabei leider abgeschlachtet. Der „Bauchrolle“ im String-Tanga bekommt zum Ende der Sendung nochmals ein Forum – mit schamlos-gierigem Blick auf die Quote.
Es wirkt ein wenig so, als ob in der dritten Folge des „Supertalents“ ausgerechnet das oberste Prinzip des Castings vergessen wurde: dass eine gute Show kluge Selektion benötigt. Besonders schade ist das, weil dadurch talentierte Entertainer hinter Ekelnummern und Seifenopern beinahe vollständig verschwinden.




