Millionen mit Obszönitäten

Sido – vulgärer Rapper, der richtig nett sein kann

Er wird kritisiert und indiziert, doch seine Platten verkaufen sich gut. Und die Jugendliche lieben ihn: Unsere Autorin war unterwegs mit Sido, einem der erfolgreichsten jungen Musiker Deutschlands, dem gar nicht so rüden Berliner Hip-Hopper aus dem Märkischen Viertel im Norden der Hauptstadt.

Die Frage steht gleich am Anfang im Raum. Wie beginnt man ein Interview mit jemandem, der sein Geld mit brutalen Zeilen über blutende Körperöffnungen verdient? Sagt man: Guten Tag, schön, Sie kennenzulernen, sagen Sie, Herr Sido, was fasziniert Sie an Hinterteilen? Sagt man: Hallo, ich habe da eine Frage betreffend Huren? Sagt man: Bitte tu mir nichts?

Ich habe Zeit, darüber nachzudenken, denn Sido kommt zu spät. Eine gute halbe Stunde nach dem verabredeten Zeitpunkt ist er endlich da, im Büro seiner Plattenfirma Universal: Sido, Deutschrapper aus Berlin-Reinickendorf, der mit einer silberfarbenen Totenkopfmaske auf dem Gesicht, dem Song „Mein Block“ („Meine Stadt, mein Bezirk, mein Viertel, meine Gegend, meine Straße, mein Zuhause, mein Block. Meine Gedanken, mein Herz, mein Leben, meine Welt reicht vom ersten bis zum 16. Stock“) und, tja, diesem anderen Lied, in dem es um Sex, um „reinschieben“ und um „stecken bleiben“ geht, bekannt geworden ist.

Und dann steht er da, groß, schlaksig, ohne die Maske und auch ohne dieses bärtige Doppelkinn, das er auf manchen Fotos hat. Er lächelt und streckt brav die Hand entgegen, sie ist schmal und weiß, dann lässt er sich auf das Sofa fallen. Wie er so dasitzt und mit großen braunen Augen eine Assistentin um einen Teller Spaghetti Bolognese bittet – „habt ihr alle schon gefrühstückt?“ (es ist früher Nachmittag) – hat er überhaupt nichts Brutales, nichts Vulgäres an sich. Er sieht nett aus, eher wie ein kleiner Junge, die Tätowierungen wirken auf seinem Oberkörper fast deplaziert: Am Unterarm ein Jesus-Tattoo („mein Kumpel“), auf dem Bizeps eine Seemannsbraut, auf der Hand sein Geburtsdatum: 30.11.80.


Das ist er nun also, DER Sido. Der seit Jahren immer wieder Jugendschützer und Frauenrechtlerinnen auf die Barrikaden bringt. Dessen Songs „Halt dein Maul“ heißen oder „Wir reißen den Club ab“. Dessen Künstlername erst für „Scheiße in dein Ohr“ stand und dann für „Superintelligentes Drogenopfer“. Dessen erstes Soloalbum „Maske“ von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien auf den Index gesetzt wurde, aber – leicht überarbeitet – nach fünf Monaten und mehr als 180.000 verkauften Exemplaren Goldstatus erreichte. Dessen zweites Album „Ich“ 80.000-mal vorbestellt und schon zwei Tage nach Veröffentlichung mit einer Goldenen Schallplatte ausgezeichnet wurde und dessen aktuelles Album „Ich und meine Maske“ in Kürze wohl ebenfalls vergoldet sein wird. Der 15 Singles in vier Jahren herausbrachte, gerade mit Regisseur Oliver Berben einen eigenen Film vorbereitet und nun in der Jury der „Popstars“-Casting-Sendung sitzt. Kurz, der bei vielen Jugendlichen aus der CD-Sammlung nicht mehr wegzudenken ist. Sido, das Phänomen.

Der Mann ist das Oberhaupt

Paul Würdig heißt er mit bürgerlichem Namen und das, was er macht, ist Kunst. Meint er. Wir sitzen auf dem beigefarbenen Kunstledersofa bei Universal und sprechen erst einmal nicht über seine sexuellen Vorlieben. Irgendwie ist mir das doch zu plump. Angesichts dieses jungenhaften Mannes habe ich mich für das Thema Männlichkeit entschieden. Viele seiner Songs strotzen von Testosteron, von zum Teil übertriebenem Machogehabe.

Sido sagt: „Ich find, in Familienfragen ist der Mann das Oberhaupt.“ Mit seiner Exfreundin hat er einen inzwischen achtjährigen Sohn, der bei der Mutter lebt. „Nicht der Typ, der alles bestimmen muss, sondern der, der alles zusammenhalten muss, der weiß, okay, das ist meine Aufgabe im Leben, mich um meine Familie zu kümmern.“ Er isst seine lauwarmen Spaghetti auf, und es ist still währenddessen, denn gleichzeitig Reden und Essen hat er abgelehnt – „macht man nicht“. Er wickelt die Nudeln sorgfältig auf die Gabel, beugt sich etwas vor, führt sie zum Mund und saugt den Rest schmatzend ein. Nach der Hälfte schiebt er den Teller von sich.

Mit dem Auto fahren wir in seine „Hood“, zum Senftenberger Ring. Wir wollen höchstens eine halbe Stunde spazieren gehen, denn erstens hat er dann den nächsten Termin, zweitens „werden wir dort nicht lange Spaß haben“, meint er. Die Leute aus dem Kiez würden ihn sofort erkennen und hinter uns herlaufen. Und wirklich: Nachdem wir vor der Hochhaussiedlung geparkt haben und über den Hof schlendern, öffnen sich immer mehr Fenster, verfolgen uns Bewohner mit neugierigen Blicken. Kinder und Jugendliche kommen heran: „Ey, Sido, was geht?“ Ein etwa zehnjähriger Junge klappt seinen Schulblock auf, drückt Sido einen Filzer in die Hand und beobachtet, wie Sido sein Autogramm neben die Hausaufgaben schreibt: SIDO, in runder geschwungener Schrift, mit einem Herzchen auf dem „I“.

Bis vor wenigen Jahren noch wohnte er selbst hier, mit der sechs Jahre jüngeren Schwester und seiner Mutter (heute 55 Jahre alt), einer Sinti. Hier besuchte er die Bettina-von-Arnim-Oberschule, die er mit einem Notendurchschnitt von 4,7 (Hauptschulabschluss) abbrach. Es gab Gerüchte, das sei bloß erfunden, passend zum Gangster-Image, das jeder vernünftige Rapper nun mal braucht. In Wirklichkeit habe Paul Würdig Abitur gemacht.

Unsinn, sagt er. „Vielleicht hätte ich es geschafft, aber ich hatte kein’ Bock“, sagt er. Weil er keinen Ausbildungsplatz fand, brachte ihn die Mutter mittels guter Kontakte in einer berufsbildenden Schule für Sozialwesen unter, an der er eine Erzieherausbildung machte. „Ein sehr schöner Beruf, Kinder sind so unvoreingenommen“, sagt Sido. „Die Arbeit mit Kindern ist voll einfach – wenn du darüber hinwegsehen kannst, dass sie ab und zu mal ein bisschen nerven.“ Er lacht.

Der 27-jährige Multimillionär

Wenn er nicht Popstar geworden wäre, würde er heute vielleicht in einem Kindergarten arbeiten. Oder in einem Altenheim, wie seine Mutter. Er sagt: „Grundsätzlich habe ich kein Problem damit, alten bedürftigen Menschen den Arsch abzuwischen. Aber ich hab ein Problem damit, wenn die nette Dame, die ich gestern noch gewaschen hab, mit der ich noch nett geredet hab, am nächsten Morgen tot ist.“ Genauso ist es ihm in einem Praktikum passiert. Er sieht auf seine Hände. Die nette alte Dame legte ihm noch einen Fünfer auf den Nachttisch, Trinkgeld, wie immer. „So einen Moment, so was verkrafte ich nicht, da bin ich zu sensibel.“

Und so wurde aus Paul Würdig Sido, der harte Rapper. Mittlerweile ist er 27 Jahre alt und wohl Multimillionär. „Mama“ und die Schwester wohnen noch immer hier im Märkischen Viertel. Und „Mama“ bekommt seine Musik stets als Erste zu hören – noch vor der Veröffentlichung. „Mamas Meinung ist mir wichtig“, sagt Sido und nickt hinüber zu dem Hochhaus, in dem sie heute wohnt. „Sie ist mein größter Fan, immer, wenn etwas Neues von mir rauskommt, stellt sie sich in den Elektromarkt und preist meine CDs an.“ Dieses gewisse Lied, mit dem er bekannt geworden ist, mochte sie allerdings nicht. Selbstverständlich nicht. Da gab es „eine Ansage von Mama“. Er kichert. „Aber das war mir vorher klar. Und, ganz ehrlich, wenn sie gesagt hätte, der Song ist gut, hätte ich doch auch was falsch gemacht.“ Stimmt auch wieder. Welche Mutter mag schon Obszönitäten aus dem Mund des eigenen Sprosses.

Penthouse für den Rap-Star

Seit einiger Zeit lebt Sido nun mit seiner Freundin Doreen, „Popstars“-Gewinnerin einer vergangenen Staffel, in einem ruhigeren Viertel. „120 Quadratmeter, Penthouse, Dachterrasse, Fußbodenheizung, eigener Parkplatz.“ Wie er das sagt, irgendwie stolz: Parkplatz. Fußbodenheizung. Der vermeintliche „Gangsta“-Rapper scheint in Wirklichkeit fast ein bisschen spießig. „Nicht großartig eingerichtet“ sei er, „Schränke und CD-Regale von Ikea, nur der Fernseher war teuer. Und ich hab mir ’ne schöne Couch gekauft und ein angenehmes Bett. Ich bin sowieso selten zu Hause, und wenn, dann sind mir die Couch und der Fernseher das Wichtigste.“ Süß. Und die Freundin? Er lacht: „Natürlich, die auch. Aber die ist dann ja auch auf der Couch.“

Eine Frau muss schon tolerant sein, um mit jemandem zusammen leben zu können, der in seinen Liedern Szenen beschreibt, die manchen Hardcore-Porno in den Schatten stellen. „Ach, hör bloß auf“, winkt er ab und lacht wieder. „Sie versteht den Witz solcher Songs nicht. So was ist lustig gemeint, aber sie sieht das kritisch.“ Einmal hat Sido ein Lied von dem US-Rapper „LL Cool J“ gecovert. Das Original heißt „I need love“ (Ich brauche Liebe), er machte daraus „Ich brauch Schlaf“. Sein Text handelt davon, wie er nach Hause kommt und sich ausruhen will. Doch seine Freundin möchte Sex. „Am Ende schlafen wir doch miteinander, und ich hab wieder keinen Schlaf gekriegt.“ Paul Würdig sagt „miteinander schlafen“. Kein böses F- oder B-Wort. „Über die Strophe hat sie sich sehr aufgeregt“, sagt er. Die Fans könnten denken, sie wäre gemeint, das habe ihr nicht gefallen.

Ärger mit der Freundin

Überhaupt, seine Freundin stehe nicht so auf seine Musik. Er aber hat Songs von ihr auf dem iPod. Und, neben Hip-Hop, Sachen von Bob Marley, Faith No More, Lenny Kravitz, The Jackson Five, den Backstreet Boys („ich mag das Lied ,Ten Thousand Promises‘“) und ein paar Techno-Titel. Sehr gemischt. Sein Lieblingsalbum: „Dookie“ von Green Day. Punkmusik. „Richard Marx mag ich auch, aber nur diesen einen Song – ,Right Here waiting‘!“ Ausgerechnet – ein Liebeslied.

Er selbst besingt das Thema Liebe auf seiner neuen Single „Carmen“: „Für dich würd ich sterben, Carmeeeen... “ Wie viel von Sido, dem netten Muttersöhnchen mit der Fußbodenheizung, ist Image, wie viel ist Paul Würdig? Ernste Miene. „Da gibt’s keine Unterschiede“, sagt er. „Da gibt’s nichts, wo ich sagen könnte, okay, das hat der Typ mit der Maske jetze gemacht, das ist so sein Ding, das Alter Ego, und das bin ich, ohne Maske. Das ist nicht zu trennen.“ Paul ist Sido und Sido ist Paul. Der mit der Laktoseunverträglichkeit und dem empfindlichen Magen, der nie Bier trinkt („Das bringt mir nichts, hat nur Nachteile“), sondern, wenn Alkohol, dann Jägermeister („ich rede mir ein, das mit den Kräutern muss ja irgendwie gesund sein“) – derselbe Mensch wie der mit dem Anal-Lied. „Ich mach keine Lieder, weil ich denke, das wird die Leute jetzt pikieren oder berühren. Ich mach Musik, weil ich mich danach fühle.“ Und so rappte Sido über seinen Block, sein Leben.

Und weil die Leute ihm und der Szene vorwarfen, nur über Obszönitäten zu reden, habe er ihnen eben den „Soundtrack zu ihrem Gequatsche“ gegeben. Noch einmal würde er einen solchen Text aber nicht schreiben, sagt er, der Rapper aus dem Berliner Norden.