Prozessbeginn in Ansbach

Die Amok-Apokalypse des stillen Georg R.

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Jörg Völkerling

Foto: dpa

Vor dem Landgericht in Ansbach beginnt der Prozess gegen einen Schüler, der laut Staatsanwaltschaft versucht hat, seine Klassenkameraden mit einer Axt zu erschlagen und die Schule niederzubrennen. Er ist wegen versuchten Mordes in 47 Fällen angeklagt. Dieser Prozess dürfte Rechtsgeschichte schreiben.

Noch nie hat ein Schul-Amokläufer vor einem deutschen Gericht öffentlich Zeugnis über seine Tat ablegen müssen. Weil sein Selbstmordversuch misslang, konnte die Staatsanwaltschaft Ansbach den Schüler wegen versuchten Mordes in 47 Fällen anklagen.

Er war am 17. September 2009 mit Messern, einer Axt und Molotowcocktails in das Carolinum-Gymnasium in Ansbach gestürmt, um möglichst viele Mitschüler und Lehrer zu töten. In dem vor dem Landgericht Ansbach stattfindenden Verfahren drohen ihm zehn Jahre Haft und die Einweisung in eine Psychiatrie.

Rekonstruktion einer unfassbaren Tat: Georg R. ist ein stiller Schüler. Herausragend ist offenbar nur seine Fähigkeit, Reinhard Mey zu imitieren. Unbemerkt von seinen Eltern beginnt er im April 2009 mit den Planungen für seine Tat. Sein Motiv: Hass gegen die Menschheit und vor allem gegen die Institution Schule.

„Apokalypse today“

Am 11. Mai stürmt Tanja O. (16) mit Brandsätzen und einem Schwert ihr Gymnasium im Sankt Augustin bei Bonn. Die Tat inspiriert Georg R. offenbar – noch am selben Tag legt er sich in seinem Tagebuch auf Molotowcocktails und Messer als Tatwaffen fest. Schusswaffen schließt er für sich aus: Sein Vater hatte seine Sportschützen-Lizenz und seine Waffen bereits vor längerer Zeit zurückgegeben.

Sein Amoklauf soll am 16. September starten, zwei Tage nach Schuljahresbeginn. In seinem Tischkalender trägt er für diesen Tag „apocalypse today“ ein, muss die Tat aber wegen Schwierigkeiten beim Bombenbau verschieben.

Am 17. September betritt Georg R. gegen 8.30 Uhr mit einem „Made in school“-T-Shirt das Schulhaus, das in seinen Augen für alle Demütigungen seiner Kindheit steht. „Die ganze Schule soll bezahlen“, notierte er in seinen Briefen an eine fiktive Freundin namens Summer – und erinnerte daran, wie er als Sechstklässler in einem Bus verprügelt worden sei.

Bewaffnet mit Beil, Hammer, vier Messern und fünf Brandsätzen (Spiritus in Bierflaschen) nimmt er die Treppen in die dritte Etage. In der Herrentoilette stülpt er sich eine Schutzbrille über, entzündet den ersten Brandsatz – dann reißt er unvermittelt die Tür zum Klassenzimmer der 10b auf und wirft den ersten Molotowcocktail.

Schülerin Annika H. erleidet schwere Brandverletzungen, Mareike G. und Isabella R. (alle 15) werden bei der Flucht von Axthieben getroffen. Nachdem er auch die Klasse 9c attackiert und weitere Schüler verletzt hat, schließt sich Georg R. im Klo ein. Er ritzt sich die Unterarme auf, stopft Tabak in sich hinein, um sich zu vergiften. Als er Polizisten bemerkt, stürmt er mit erhobenem Messer auf sie zu. Drei Schüsse setzen ihn außer Gefecht.

13 Schüler und Lehrer wurden bei der Tat zum Teil schwer verletzt. Der Täter lag tagelang im Koma, wurde nach mehreren Monaten auf der Krankenstation der JVA Würzburg im Januar ins Bezirksklinikum Ansbach eingewiesen – Verdacht einer gravierenden schizoiden Persönlichkeitsstörung.

Die Stadt Ansbach ließ bereits zwei Tage nach dem Amoklauf die dritte Etage des Carolinum-Gymnasiums herrichten: Die betroffenen Klassen werden seither in den unteren Stockwerken unterrichtet. Schulleiter Franz Stark: „Lediglich zum Musikunterricht müssen sie noch nach oben. Es gab anrührende Szenen, als sich Schüler gegenseitig an den Händen nahmen und nach oben begleiteten.“ Schulpsychologen stehen den Betroffenen bis heute bei.

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