"ARD-Wahlarena"

Merkel, die strenge Kindergärtnerin der Nation

| Lesedauer: 5 Minuten
Jens Steffenhagen

Foto: AP

150 Zuschauer durften die Kanzlerin in der ARD "Wahlarena" direkt befragen. Angela Merkel (CDU) stellte sich dem Kreuzverhör und bestand die Herausforderung. Dabei punktete sie mit Sachkenntnis und Bodenständigkeit. Merkel legte sich bei Versprechen sogar fest – so soll es keine Mehrwertsteuererhöhung geben.

Die Halle erinnert tatsächlich an eine Arena: Steil aufsteigende Sitzreihen, kreisförmig aufgestellt, in ihrer Mitte die Kanzlerin im roten Blazer. Wie ein Gladiator im Circus Maximus. Nur dass anstelle der Löwen ein für Politiker oft ebenso gefährlicher Gegner wartete: die Realität.

Erste Frage. Ein Logistik-Facharbeiter will wissen, wieso er seit 2003 nur noch Zeitarbeits-Jobs bekommt. Merkels Antwort: „Viele Zeitarbeiter kommen nach einer Weile in eine feste Beschäftigung.“ Schweigen. „Sie nicht – okay!“ Der junge Mann ist irritiert. Merkel sieht sich gezwungen, nachzulegen: „Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, woanders hinzuziehen?“

Die Nüchternheit mit der die Kanzlerin in der ARD-Sendung „Wahlarena. Zuschauer fragen Angela Merkel“ ihre Bürgersprechstunde abhielt, wirkte teilweise kalt – und vermittelte doch Zuversicht. Merkel musste mit den Menschen ins Gespräch kommen, weil sich die Gastgeber Andreas Cichowicz und Jörg Schönenborn, Chefredakteure von NDR und WDR, in der Moderation extrem zurückhielten. Bereits vor vier Jahren hatten beide die damaligen Kontrahenten Gerhard Schröder (SPD) und Angela Merkel (CDU) zu Gast und waren mit der Sendung für den Deutschen Fernsehpreis nominiert worden.

Die Fragen stellten auch diesmal in erster Linie nicht die beiden Journalisten, sondern rund 150 repräsentativ ausgewählte Zuschauer im ehemaligen E-Werk in Köln, in dem normalerweise Karnevalssitzungen abgehalten werden. An diesem Abend blieben Lacher jedoch die Ausnahme. Zu ernst waren die Themen, die nacheinander abgearbeitet wurden: Staatsverschuldung, Arbeitslosigkeit, Kreditklemme, Atomausstieg, Afghanistan.

Merkel schien wild entschlossen zu sein, sich vor der ungewohnten Volksnähe nicht zu fürchten. Sie versuchte, auf die Sorgen der Fragesteller einzugehen, ohne den Betroffenen das Blaue vom Himmel zu versprechen. Frühverrentung für Beschäftigte der Bauindustrie? „Tut mir leid, da kann ich ihnen keine Hoffnungen machen.“ Hilfe bei der Kreditvergabe für gesunde Mittelständler? „Die Banken haben Mist gebaut, indem sie zu leichtfertig Geld verliehen haben. Da können wir sie doch jetzt nicht dazu anhalten, großzügiger zu sein.“ Schade. Hilfloses Nicken des Mittelständlers.

Eine große Rednerin wird sie nie sein. Das weiß Merkel. Und hat aus der Not eine Tugend gemacht. Von Satzbau-Sackgassen und windschiefen Wortbildern lässt sie sich nicht mehr aus der Ruhe bringen. Sie nutzt sie vielmehr, um bodenständig rüber zu kommen. Lacht über ihre Versprecher. Irren ist schließlich menschlich, oder? Den lautesten Applaus bekam sie bezeichnenderweise für das Eingeständnis „Ich muss ja auch was lernen“.

Auf die Anliegen der Menschen wollte die Kanzlerin zwar eingehen, das merkte man. Doch ein ums andere Mal schlug den langatmig ihre Schicksale vorbringenden Bürgern Merkels technokratische Nüchternheit entgegen. Eine Mutter der Nation ist sie nicht. Höchstens die strenge Kindergärtnerin. Das muss nicht schlecht sein, erst recht nicht in Krisenzeiten. Die Fragesteller jedenfalls schienen es zu akzeptieren, dass ihnen kein Honig ums Maul geschmiert wurde. Ein Führungsstil, der den Ernst der Lage widerspiegelt.

In manchen Momenten erinnerte Merkel in ihrer grimmigen Entschlossenheit sogar an den „Basta“-Kanzler Schröder. Änderungen bei der Pendlerpauschale? „So lange ich Politik mache, packe ich das Thema nicht mehr an. Das Verfassungsgericht hat entschieden. Aus, fertig, Schluss.“ Auch Mehrwertsteuererhöhungen werde es mit ihr nicht geben. Mit dieser populären Aussage im Rücken drehte Merkel richtig auf: „Viele meinen, ‚jetzt sacht se es nicht mehr, weil se damals Prügel gekriegt hat!’ Falsch. Zur Mehrwertsteuererhöhung sage ich ein ganz klares Nein!“ Der Saal grölte.

Generell konnte keine Frage die Kanzlerin aus dem Tritt bringen, ihre Sachkenntnis überzeugte. Lediglich Merkels Einlassungen zum Atomausstieg wirkten konfus. Sie nannte die Atomkraft zwar eine „Brückentechnologie“, die abgelöst werden müsse, der Ausstieg im Jahre 2020 komme jedoch trotzdem zu früh. Neue Atomkraftwerke wolle sie in Deutschland nicht bauen, in anderen Ländern dagegen schon – „um sich die Technologie nicht aus der Hand nehmen zu lassen“.

Insgesamt blieb Angela Merkel der bisherigen Wahlkampfstrategie der CDU treu und vermied klare Aussagen. Weder was den möglichen Koalitionspartner anging, noch in den meisten Sachfragen. Ihr Verhalten wirkte jedoch nur teilweise wie das typische Lavieren einer Spitzenpolitikerin. Oftmals gaben ihre von Stoßseufzern begleiteten Ausführungen einen scheinbar unfreiwilligen Einblick in die mühsame Arbeit in einer großen Koalition. „Unter dem Vorbehalt der Finanzierbarkeit“, „wenn der Koalitionspartner das mitträgt“ oder „das muss man sich dann noch einmal genau angucken“ waren die Einschränkungen, die auf beinahe jede Absichtserklärung folgten. Eine Kanzlerin, die mit den Realitäten ringt.

Herausforderer, der SPD-Spitzenkandidat Frank-Walter Steinmeier, wird am 8. September von 21:05 bis 22:20 Uhr den Zuschauern Rede und Antwort stehen Das direkte Duell der beiden Kandidaten wird am Sonntag, 13. September ab 20:30 Uhr von ARD, ZDF, RTL und SAT.1 übertragen.

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