Seit ein paar Tagen fängt Der Dorfteich von Brieskow-Finkenheerd schon im Garten von Familie Eberhard an. Nur noch ein einsamer Buchsbaum lugt aus dem Wasser hervor. Das Rentnerpaar, das durch den Vorort von Frankfurt/Oder schlendert, stört das wenig. In wetterbeständiges Goretex gewandet, treten die Zaungäste näher. Der Mann hat sein Fotohandy gezückt. Ein dekorativ verwittertes Fischerboot, das jemand am Baum vertäut hat, beansprucht seine ganze Aufmerksamkeit.
„Helga“, ruft er, „hast du das gesehen?“ Sie interessiert sich mehr für das Schild, das der Hausherr an der Vordertür aufgehängt hat.
Angesichts des vollgelaufenen Hofes wirkt es beinahe wie eine Kampfansage an alle ungebetenen Gäste, die dieser Tage das Haus von Eberhardts in der Seestraße fünf belagern: „Bitte über den hinteren Hauseingang melden!“, steht da.
Hochwasser-Watching in Brieskow-Finkenheerd. Normalerweise verirren sich Touristen nur aus Versehen in dieses 2600 Einwohner zählende Nest an der Bundessstraße 112. Es gibt einen Radweg entlang der Oder, einen Kanuverleih, ein Fischrestaurant – und eine Bierstube, die gibt es auch.
Doch seit der Pegel der Oder in Brandenburg zu steigen begonnen hat, seit die Stadt Frankfurt an der Oder am Freitag sogar die höchste Hochwasser-Alarmstufe 4 ausgelöst hatte, nachdem der Fluss die kritische Marke von sechs Metern erreicht hatte, seitdem ist der Ort so etwas wie die heimliche Hochwasser-Hauptstadt.
Mochte es Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Pflichtbesuch am Sonnabend auch vorziehen, in Frankfurt/Oder auf eine Leiter zu klettern, um über Spundwände einen Blick in die Fluten zu werfen und die Brandenburger über den grünen Klee für ihr Krisenmanagement zu loben, das diesmal vorbildlich gewesen sei – hier in Brieskow-Finkenheerd, nur zehn Autominuten südlich, hätte sie aus nächster Nähe ein Lehrstück über das Hochwasser und seine Folgen bekommen können. Der Ort erlangte Berühmtheit, weil hier 1997 die so genannte Jahrhundertflut den ersten Damm brach.
Das war am Morgen des 23. Juli. Und spricht man Rolf Eberhardt auf diesen Tag an, kommt Aufregung in seine Stimme. Der 67-jährige hat seit zwei Tagen kaum geschlafen, dicke Ringe haben sich in sein wettergegerbtes Gesicht gegraben. Er hat das alles schon einmal erlebt. Das Wasser. Den Dreck. Den Papierkrieg mit der Versicherung und den Behörden. 28 Tage lang war das Wasser in seinem Keller. Und jetzt ist es zurück.
Angekündigt worden war es schon vor einer Woche. Der ehrenamtliche Bürgermeister der Gemeinde, Ralf Theuer (PDS), sagt, das Krisenmanagement habe diesmal tatsächlich besser funktioniert als 1997, da habe die Kanzlerin schon Recht.
Auch Theuer wirkt erschöpft. Seit Tagen schon ist er nachts mit Handy und Taschenlampe unterwegs, um den Deich auf mögliche Risse zu kontrollieren. So verdient sich der arbeitslose Stahlbauer ein Zubrot: als „Deichläufer“.
Jetzt ist es Freitagabend, zusammen mit anderen Männer sitzt er vor einem Pils in „Seidl’s Bierstube“ und lässt die Erinnerung an die Jahrhundertflut von 1997 Revue passieren. „Habt Ihr schon gehört, dass der Platzeck mit der Merkel morgen nach Frankfurt kommt?“
Allgemeines Murren. Von der Politik, lernt man in dieser Bierstube, fühlen sich die Menschen in Brieskow-Finkenheerd im Stich gelassen. Das Hochwasser, so scheint es, spült ihre latente Unzufriedenheit wieder hoch.
Zwar hat das Land Brandenburg seit 1997 etwa 220 Millionen Euro in den Ausbau der Deiche investiert. Auch bündelt ein Krisenstab jetzt Informationen der Deichläufer auf beiden Seiten der Oder - ein wichtiger Schritt, das Hochwasser kann nur grenzübergreifend bekämpft werden. Doch völlig lückenlos, das zeigt das Beispiel von Familie Eberhardt, funktioniert das neue System noch nicht. Auch in Brieskow wurden Dämme erneuert. Im Dorfteich entstand eine Betonwand mit einem Sieltor, das sich schließt, wenn zuviel Wasser in den Dorfteich läuft. Doch auf einen Damm neben dem Dorfteich warten die Bewohner der Seestraße noch heute.
Was vielleicht erklärt, warum Rolf Eberhardt jetzt nur noch in Gummistiefeln durch den Keller waten kann. Die Waschmaschine und den Trockner hat er auf Betonsteine gestellt. Vier Pumpen sind pausenlos im Einsatz, um den Keller zu entwässern. Nachbarn aus dem Ort und Brandenburger haben sie Familie Eberhardt nach einem Fernsehbericht im Rundfunk Berlin-Brandenburg ausgeliehen.
Rolf Eberhardts Frau Bärbel hat das ein wenig getröstet. Es ist ihr Elternhaus, das da gerade wieder vollzulaufen droht. Sie erwartet nicht, dass die Kanzlerin persönlich vorbeischaut, um ihr Mitgefühl auszudrücken. Aber der Amtsdirektor der Gemeinde, findet sie, hätte sich schon mal blicken lassen können, wo es doch eigentlich Sache der Gemeinde sei, dass sich so etwas wie 1997 nicht wiederholen dürfe.
Bürgermeister Theuer kommentiert es schulterzuckend: „Wissen Sie, wie lange hierzulande allein ein Planfeststellungsverfahren dauert?“ Überhaupt herrscht dicke Luft in „Seidl’s Bierstube“. Die Männer jammern dem Wir-Gefühl hinterher, das, so behaupten sie, nach der Jahrhundertflut wieder aufgeflackert sei. Die Not, sie habe sie zu Verbündeten gemacht. Der Frieden, erinnert sich Ralf Theuer, habe jedoch nicht lange gewährt. Er sei ausgerechnet an der Spendenfreude der Bürger im Rest der Republik wieder zerbrochen. Eifersüchtig habe der eine darüber gewacht, dass der Nachbar nicht mehr Geld bekommen habe.
Theuer sagt, dank der Spenden seien die geschädigten Hausbesitzer mit einem blauen Auge davongekommen. „Da wurden schon mal Briefumschläge mit 200 000 Mark über den Zaun gereicht.“
Die Männer nicken zustimmend. So gedrückt ist die Stimmung nicht überall entlang der Oder. Nur 40 Kilometer weiter, in Ratzdorf, schieben seit fast zwanzig Stunden Dutzende Feuerwehrleute aus ganz Brandenburg ehrenamtlich Wache. Das berühmte Pegelhäuschen hinter dem Zusammenfluss von Oder und Neiße zeigt an diesem Abend einen Wasserstand von 6, 27 Meter. Man ist dort nur noch 60 Zentimeter von dem Höchststand des Jahrhunderthochwasserentfernt.
Doch wenn die Männer und Frauen insgeheim die Sorge umtreiben sollte, auch der neue Damm könne dem Druck der Wassermassen irgendwann nicht mehr standhalten, dann lassen sie es sich nicht anmerken. Umschwirrt von Mücken, verbreitet Feuerwehrmann Jürgen, 51, aus Lübben auf seine Art Optimismus: „Der alte Deich war weich wie Wackelpudding. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn jetzt was passiert.“
Tatsächlich stehen die Zeichen vorsichtig auf Entspannung. Freitagnacht, heißt es in der Einsatzzentrale der Feuerwehr in Frankfurt/Oder, hätte das Hochwasser seinen Scheitelpunkt erreicht gehabt. Der Wasserstand von sechs Metern könne sich aber noch tagelang halten.
Die Menschen in Frankfurt an der Oder tragen es mit Fassung. Sowohl im vollgelaufenen Buschmühlenweg auf der deutschen Seite, wo DRK-Sanitäter Andreas Thomas schon seit Tagen Schüler und berufstätige Anwohner mit einem Siebeneinhalbtonner trockenen Fußes zu einem Bus-Shuttle transportiert. Als auch in Slubice, auf der polnischen Seite, die zwei Meter tiefer liegt und deshalb doppelt gefährdet ist. Peter Szleszynski, Zigarettenhändler auf dem berühmten Polen-Markt in Slubice, hat noch eine ganz andere Sorge. Ein deutscher Radiosender hatte berichtet, der Grenzübergang zu Slubice sei dicht. Eine Falschinformation mit verhängnisvollen Konsequenzen. Kaum ein Kunde ist in Sicht. „Dabei“, sagt der Händler mürrisch, „verkaufe ich am letzten Wochenende im Monat normalerweise 800 Stangen Zigaretten.“ .
Dicke Luft auch in „Seidl’s Bierstube“ Die Stimmung heitert erst auf, als Jürgen Ross – Jeansjacke, Wolfgang-Petry-Gedächtnismatte – einen Verdienstorden des Landes Brandenburg auf den Tisch legt. Er sagt: „Den verdankt meine Tochter Heike dem Platzeck.“
Bei der Jahrhundertflut im Juli 1997 war der Deichgraf, wie der Landesvater dieser Tage wieder genannt wird, zu Besuch in Brieskow-Finkenheerd. Jürgens Frau Petra feierte damals ihren 40. Geburtstag. Die Reste des Kuchens brachte seine Tochter Heike dem prominenten Besucher, der die Deiche abschritt.
Platzeck scheint der Kuchen geschmeckt zu haben. So etwas gibt es vielleicht auch nur in Brandenburg. Eine Verdienstmedaillle für einen Topfkuchen.





