Nach heftigen Regenfällen hat sich die Lage in vielen Hochwassergebieten in Polen und seinen Nachbarländern verschärft.

In Polen ist jetzt vor allem das Einzugsgebiet der Weichsel im Süden des Landes betroffen. In der Stadt Sandomierz durchbrach die Weichsel die Sperren aus Sandsäcken. Teile der Stadt am rechten Ufer wurden zum zweiten Mal innerhalb von drei Wochen überflutet.

Die Pegelstände am Grenzfluss Oder in Brandenburg blieben weitgehend stabil. Aus den Nebenflüssen komme viel Wasser in den Strom, teilte das Hochwasserlagezentrum in Schwedt mit, und die Lage werde einige Tage so bleiben. In den Landkreisen Barnim und Uckermark gilt weiterhin die zweithöchste Alarmstufe 3. Im Landkreis Märkisch-Oderland, wo die Warthe in die Oder mündet, gilt die niedrigere Alarmstufe 2.

Am Morgen reiste Polens Regierungschef Donald Tusk in das malerische, vom Hochwasser gefährdete Städtchen Sandomierz. Er sprach sich gegen eine Ausrufung des Notstandes aus, weil dies „nichts bringen“ würde. Dabei dürfte eine Rolle spielen, dass der Notstand eine Verschiebung der Präsidentenwahl am 20. Juni erzwingen würde, was die Regierung vermeiden will.

Am Wochenende besuchte Präsidentschaftskandidat Jaroslaw Kaczynski die deutsch-polnische Grenze und dankte den Einsatzkräften für ihre Arbeit im Kampf gegen das Hochwasser.

In Sandomierz und weiteren Orten, wo Dämme brachen, wurden Feuerwehrleute und Soldaten wegen Lebensgefahr in letzter Minute abgezogen, wie polnische Agenturen berichteten. Die rechtsufrigen Stadtteile sind verwaist, die meisten Bewohner hausen seit drei Wochen in Schulen und bei Bekannten.

In den bereits zuvor überschwemmten Häusern herrscht Augenzeugen zufolge ein schrecklicher Gestank. Wie vor drei Wochen gilt ein Teil der Sicherungsarbeiten jetzt der Glashütte in der Stadt, deren Überschwemmung vielen Einwohnern auch noch den Arbeitsplatz rauben würde.

In zwölf Orten haben Erdrutsche Häuser beschädigt. In den Hochwassergebieten wurden tausende Einwohner aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen. Manche weigerten sich, der Aufforderung Folge zu leisten. Zwischen Nowy Sacz und Stary Sacz unterspülte der Fluss Poprad die Pfeiler einer Eisenbahnbrücke. Daraufhin stürzte ein Teil der Brücke in den Fluss.

Dagegen schien in Breslau (Wroclaw) und seinem Stadtteil Kozanow an der Oder die Lage unter Kontrolle zu sein. Die Wohnblocks von Kozanow hatten im Mai unter Wasser gestanden – ein Risiko auch für die höheren Stockwerke, weil der Strom abgeschaltet werden muss.

An diesem Wochenende arbeiteten Hunderte von Soldaten, Feuerwehrleuten und Häftlingen in Kozanow an einem neuen, höheren Damm. Die zweite Flutwelle soll hier erheblich niedriger sein als die erste. Doch werden in Polen wieder Gewitter erwartet.

Auch Polens Nachbarländer sind vom Hochwasser betroffen. Der slowakische Regierungschef Robert Fico klagte, in vielen Orten im Osten des Landes lasse sich der Hochwasserstand nicht mehr messen: Die Messvorrichtungen seien auf diesen noch nie dagewesenen Höchststand nicht eingestellt.

Fico sprach von einem „Jahrtausendhochwasser“. Viele Wahlkampfveranstaltungen vor den Parlamentswahlen am 12. Juni wurden in Wohltätigkeitsveranstaltungen für die Menschen umgewandelt, die obdachlos geworden sind. „Ich bitte Sie, zeigen wir alle unsere Solidarität“, rief Fico ins Mikrofon, bevor er seine Wahlkampfveranstaltung in Bratislava nach wenigen Minuten abbrach und in die Ostslowakei eilte.

Im ukrainischen Galizien standen nach Regierungsangaben mehrere tausend Häuser und Höfe, 852 Brunnen sowie 3100 Hektar Agrarland unter Wasser. Auch in Ungarn war die Lage bedrohlich. Mehrere tausend Menschen mussten in Sicherheit gebracht werden.