Loveparade-Katastrophe

Polizei stemmt sich vehement gegen Vorwürfe

Ohne das Eingreifen der Polizei hätte die Zahl der Toten bei der Loveparade in Duisburg noch höher gelegen, glaubt auch Innenminister Ralf Jäger (SPD). Die Ordner des Veranstalters hätten hingegen die Kontrolle über die Situation verloren.

Als es um die Opferzahlen geht, versagt dem gestandenen Polizisten die Stimme. Tränen stehen Dieter Wehe in den Augen. Nur mit großer Mühe kann sich der oberste Polizist des Landes Nordrhein-Westfalen während der Pressekonferenz zusammenreißen. Auch ihm schießen die Bilder in den Kopf, die Fotos der Menschenmengen, die am Sonnabend auf einem ehemaligen Güterbahnhof in Duisburg ums Überleben kämpften. Dann spricht er von umgestürzten Absperrzäunen, die zu „Stolperfallen“ wurden, von Opfern, die durch die immer größer gewordene Menschenmenge erdrückt wurden. „Die Opfer sind regelrecht erstickt worden“, sagte der Inspekteur der NRW-Polizei. Eine wirkliche Chance hatten sie nicht gehabt.

Es sollte die größte Techno-Party der Welt werden, doch es endete in einer Tragödie, die ganz Deutschland seit Tagen im Bann hält. 21 Tote im Alter von 18 bis 38 Jahren und mehr als 500 Verletzte forderte eine Massenpanik am Eingang zum Loveparade-Gelände in der Ruhrgebietsstadt Duisburg. Erst in der Nacht zu Mittwoch erlag ein weiteres Opfer seinen Verletzungen – am selben Tag, an dem etwa in Münster die erste Trauerfeier für vier ums Leben gekommene Studentinnen stattfand.

Die Tragödie von Duisburg gilt schon heute als das größte Unglück bei einer öffentlichen Veranstaltung in Deutschland und hat Folgen für andere Veranstaltungen. Die für den 11. September geplante Warnowtunnel-Party in Rostock wurde abgesagt. Die Organisatoren der Rostocker Hanse Sail haben ihr Sicherheitskonzept gemeinsam mit Vertretern von Stadtverwaltung, Polizei und Sicherheitsdiensten noch einmal ergänzt. Mehrere Strafverfahren sind gegen den Veranstalter und gegen Beamte der Stadt Duisburg eingeleitet worden. Mit einem Ergebnis der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen ist jedoch erst in einigen Monaten zu rechnen. Der vorläufige Untersuchungsbericht, den die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen nun präsentierte, belastet nicht nur den Veranstalter schwer. Innenminister Ralf Jäger (SPD) und Polizei-Inspekteur Dieter Wehe legten eine ganze Liste von Versäumnissen und Fehlverhalten des Loveparade-Organisators und der Stadt Duisburg vor. Warnungen der Polizei und der Rettungsdienste seien nur unzureichend umgesetzt, Absprachen nicht eingehalten und Sicherheitsauflagen ignoriert worden.

Zudem habe die Stadtverwaltung der Polizei erst am Sonnabendmorgen, wenige Stunden vor dem Beginn der größten Techno-Party der Welt, wichtige Unterlagen übergeben – und das auch nur, weil die Ordnungshüter darauf bestanden hatten. „Ich spüre die Stimmung in der Öffentlichkeit. Es wird als unerträglich empfunden, dass nicht gesagt wird, was passiert ist“, sagte der Minister. „Was ich als ebenso unerträglich empfinde, ist die Tatsache, dass die Verantwortung aufseiten der Veranstalter und der Stadt als Genehmigungsbehörde abgeschoben wird.“ Die Polizisten nahm Jäger indessen in Schutz. Die Veranstalter hätten ihr eigenes Sicherheitskonzept ausgerechnet im heiklen Eingangsbereich nicht umgesetzt. Für den Bereich seien sie ganz allein zuständig gewesen. Die Polizei habe nur versucht, das Schlimmste zu verhindern.

Loveparade-Chef Rainer Schaller hatte bisher betont, alle Auflagen der Behörden erfüllt zu haben. Nach seinen Angaben ließ die Einsatzleitung der Polizei alle Schleusen öffnen, wodurch der Besucherstrom unkontrolliert in den bereits fast überfüllten Tunnel gelangen konnte. Die Polizei betonte nun, dies sei gegen 13.30 Uhr gewesen, als sich 20.000 zunehmend wütende Raver vor den Schleusen stauten, die nur zur Hälfte besetzt gewesen seien. Da sei das Gelände noch kaum gefüllt gewesen. Am neuralgischen Punkt der Loveparade, dem Eingangstunnel, lief es danach von Anfang an schief. Um 15.30 Uhr habe der Veranstalter die Polizei schließlich um Hilfe gebeten, nachdem „das Geschehen außer Kontrolle geraten“ sei, sagt Wehe. „Ich glaube, dass die Zahl der Opfer noch sehr viel höher gewesen wäre, wenn es das beherzte Eingreifen der Polizei nicht gegeben hätte“, sagte Jäger.

Die offensichtlichen Mängel am Sicherheitskonzept und die vielen Warnungen, die von der Stadtspitze übergangen wurden, sorgten in den vergangenen Tagen für einen immer stärkeren Druck auf Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU). Rücktrittsforderungen, aber auch Morddrohungen und tätliche Angriffe hat der Christdemokrat über sich ergehen lassen müssen. Seine Familie hat Sauerland bereits aus der Stadt gebracht, heißt es.

Einen Rückritt lehnt er weiterhin ab – und bringt damit auch die Partei in Bedrängnis. Führende Unionspolitiker im Bundestag haben Sauerland den Rückzug nahegelegt. „So etwas darf man nicht genehmigen. Wer es doch tut, muss Konsequenzen ziehen. An der Spitze der politisch Verantwortlichen steht der Oberbürgermeister“, sagte der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Hans-Peter Uhl.

In der Stadt formiert sich auch wegen des öffentlichen Drucks der politische Widerstand gegen den Christdemokraten. „In dieser Woche nehmen wir aus Respekt vor den Opfern keine politische Aufarbeitung vor. Das wird sich danach ändern“, kündigt ein Vertreter der Opposition im Rat an. Auch die Abwahl des Oberbürgermeisters durch einen Volksentscheid würde dann ein Thema werden. Selbst bei einem Rücktritt würde Sauerland aber weich fallen: Zum einen hat er seine Pensionsansprüche schon gesichert, zum zweiten würde er bis 2015 ein Übergangsgehalt von gut 71 Prozent seiner letzten Bezüge als Oberbürgermeister erhalten.

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