Noch immer befindet sich mehr als ein Dutzend Schiffe mit mehr als 220 Menschen in Piratenhand, darunter die „Hansa Stavanger“ mit fünf Deutschen an Bord. Und die Lage für die Geiseln spitzt sich zu.

Nach der blutigen Befreiungsaktion von US-Kapitän Richard Phillips sagte der amerikanische Vizeadmiral William Gortney der BBC, „dass dadurch die Gewalt in diesem Teil der Welt sprunghaft zunehmen wird besteht kein Zweifel.“

Es habe zuletzt zwar immer mehr Piratenangriffe gegeben, allerdings seien diese zumeist unblutig verlaufen, sagte Gortney. US- Elitesoldaten hatten den amerikanischen Kapitän am Sonntag in einer dramatischen Aktion befreit, nachdem einer der Entführer dem 53- Jährigen eine Kalaschnikow in den Rücken gehalten habe, wie ein amerikanischer Militärsprecher mitteilte. Marine-Scharfschützen erschossen drei der vier Piraten, die Phillips seit Mittwoch in einem Rettungsboot in ihrer Gewalt hatten. Der vierte Pirat ergab sich den US-Marinesoldaten.

Über den Start der Befreiungsaktion entschied laut US-Marine der an der Verhandlungen mit den Piraten beteiligte Kommandant des nahe dem Rettungsboot kreuzenden amerikanischen Kriegsschiffs „USS Bainbridge“. „Er entschied, dass sich der Kapitän in höchster Gefahr befand, und die drei Piraten wurden getötet“, sagte Gortney laut dem amerikanischen Nachrichtensender CNN.

„Der Pirat, der sich zuvor ergeben hatte, wurde menschenwürdig behandelt; die drei anderen, die weiterhin kämpften, bezahlten mit ihrem Leben“, sagte Gortney. Sie seien mit Kalaschnikow-Sturmgewehren AK-47 bewaffnet gewesen. Scharfschützen, die an Bord der „Bainbridge“ waren, töteten sie mit Kopfschüssen, wie es heißt. Der vierte Pirat befindet sich in US-Gewahrsam. Die Staatsanwaltschaft wird nach Justizangaben prüfen, ob er vor ein amerikanisches Gericht gestellt wird. Es sei das erste Mal in der jüngeren Geschichte, dass sich ein Pirat, der einen US-Amerikaner angriff, in US-Gewahrsam befindet.

Während der Kommandoaktion habe raue See geherrscht, sagte Gortney. Die „Bainbridge“ habe das Rettungsboot mit einem rund 25 Meter langen Seil in ruhigere Gewässer geschleppt. Nach dem Einsatz der Scharfschützen hätten sich Spezialisten am Abschleppseil entlanggehangelt und sich vergewissert, dass die Piraten tot sind, hieß es aus dem Verteidigungsministerium.

Nach seiner Befreiung sei Phillips zunächst auf die „USS Bainbridge“ und dann zu einer medizinischen Untersuchung auf die „USS Boxer“ geflogen worden, sagte Navy-Sprecher Nathan Christensen. Phillips und die Crew sollen in Kürze in ihre Heimat zurückgebracht werden.

„Dem Kapitän geht es gut. Er hat geduscht und die Kleidung gewechselt“, sagte Gortney. Auch mit seiner Frau Andrea habe er telefonisch gesprochen. „Sie sagte, er hat seinen besonderen Humor nicht verloren, und er ist bester Laune“, berichtete eine Sprecherin der Maersk-Reederei. In seiner Heimat und von seiner Crew wird der 53-Jährige als Held gefeiert.

Als die Piraten den von Phillips gesteuerten Containerfrachter „Maersk Alabama“ am Mittwoch geentert hatten, habe der Kapitän seiner Crew aufgetragen, sich in einer Kabine einzuschließen. Um seine Mannschaft zu retten, habe er sich selbst den Seeräubern ausgeliefert, berichteten Crew-Mitglieder laut BBC.

Unterdessen bleibt das Schicksal der fünf Deutschen, die vor Somalia von Piraten auf dem Frachter „Hansa Stavanger“ festgehalten werden, weiterhin ungewiss. Der Krisenstab des Auswärtigen Amtes bemühe sich nach wie vor intensiv um eine Lösung des Falles, sagte eine Sprecherin am Montag in Berlin. Details nannte sie nicht.

Die Deutschen werden zusammen mit 19 anderen Seeleuten auf dem Containerschiff festgehalten. Bei den Deutschen handelt es sich nach Angaben des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ um den Kapitän und vier leitende Schiffsoffiziere. Das Containerschiff war am 4. April von Piraten gekapert worden.

Die Regierung der somalischen Region Puntland lobte das amerikanische Vorgehen gegen die Piraten. Abdirahman Mohamed Farole, der Präsident der halbautonomen Region im Nordosten Somalias, gratulierte der US-Regierung zu ihrer „starken Haltung gegen die Piraten“, berichtete der Rundfunksender Radio Garowe.

Die puntländische Regierung hat in der Vergangenheit wiederholt die Zahlung von Lösegeldern an Piraten scharf kritisiert, da die Aussicht auf Reichtümer nur neue Anreize für die Seeräuber schaffe. In der verarmten Region ist Piratentum die Haupteinnahmequelle.

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dpa/lk