Allein in der vergangenen Woche haben mit Kalaschnikows bewaffnete Piraten sechs Schiffe gekapert. Bei ihren Beutezügen spielt den Seeräubern derzeit das gute Wetter in die Hände: Auf ruhiger See können sie weiter aufs Meer hinausschippern und so die Anti-Piraten-Missionen in deren 2,5 Millionen Quadratkilometer großem Einsatzgebiet im Golf von Aden und dem Indischen Ozean regelrecht ausbooten.

"Das Wetter ist königlich“, sagt der dänische Piraterie-Experte Hans Tino Hansen als Erklärung für den sprunghaften Anstieg der Überfälle vor der Küste Somalias in den vergangenen Tagen. Die Wetterbedingungen für Raubzüge der Piraten seien seit kurzem ideal, sagt er in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP. Ist die See ruhig, können die Piraten in ihren kleinen und wendigen Booten viel weiter aufs Meer hinausfahren.


Die Kriegsschiffe aus Europa, den USA, China, Japan und Indien könnten nicht überall sein, hieß es vor kurzem von der US-Marine. Das Einsatzgebiet der internationalen Anti-Piraten-Missionen sei so groß wie Mittelmeer und Rotes Meer zusammen. Macht gutes Wetter die Seeräuber dann auch noch mobiler, sind die Armeen aus weiten Teilen der Welt fast machtlos. Der Golf von Aden, eine Hauptroute der Handelsschifffahrt, ist längst nicht mehr das einzige Piraten-Revier.


Die jüngsten Überfälle gehen auf das Konto einer Piratengruppe aus dem Osten des Landes. Diese zieht für ihre Raubzüge von den kleinen Hafenstädten Hobyo und Haradhere los, um weit auf dem Indischen Ozean ihre Wurfhaken auszuwerfen und in Minutenschnelle Schiffe zu entern. Dort griffen Piraten am Mittwoch den US-Frachter „Maersk Alabama“ an und brachten Kapitän Richard Phillips in ihre Gewalt. Für seine Freilassung fordern sie Lösegeld.

Das Geschäft mit Schiffsentführungen blüht: Im vergangenen Jahr kaperten Piraten einen ukrainischen Waffenfrachter und den saudiarabischen Supertanker Sirius Star. Allein für diese beiden Schiffe kassierten sie mehrere Millionen Dollar an Lösegeld – und investierten dieses wieder in neue, bessere Ausrüstung. Die jüngsten Angriffe zeigten, dass die Piraten ihre Fähigkeiten in den vergangenen Monaten ausgebaut hätten, erklärt der Schifffahrtsexperet Jim Wilson. Aufgrund ihrer Schnelligkeit und Größe seien Frachter einst ein wenig lukratives Ziel für Piraten gewesen. Diese Zeiten seien vorbei, sagt Wilson.

Ein Kampf auf hoher See gegen die Piraten reicht allein aber wohl nicht aus. Die internationalen Verbündeten sollten helfen, den seit 1991 in Somalia herrschenden Bürgerkrieg zu beenden, „damit wir gemeinsam die Piraten angreifen können“, sagt der Sicherheitsminister der autonomen somalischen Region Puntland, Abdullahi Said Samatar. Die chaotische Lage in dem Land, das Experten als „Failed State“ bezeichnen, kommt den Piraten gerade recht. In Zeiten, in denen mehr als jeder dritte Somali nur noch mit internationaler Hilfe überleben kann, verdingen sich immer mehr Menschen als Komplizen der Seeräuber. Das kriminelle Geschäft mit der Piratenbeute ist lukrativer als das Leben in Armut.

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AFP/gr