Kriminalität

Mafia-Boss erhängt sich in seiner Zelle

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Paul Badde

Foto: AP

Für die Polizei war die "Operation Perseo" ein voller Erfolg, ein "historischer Schlag" gegen Cosa Nostra. 99 Verdächtige konnte sie festnehmen, weil sie das Telefon des sizilianischen Mafiabosses Gaetano Lo Presti abgehört hatte. Auch der 52-jährige wurde inhaftiert. Doch dann fanden die Beamten ihn tot in der Zelle.

Ein sizilianischer Mafiaboss hat sich in Palermo kurz nach seiner Festnahme im Gefängnis erhängt. Der 52-jährige Gaetano Lo Presti wurde von der Polizei tot in seiner Zelle gefunden. Lo Presti war nur wenige Stunden zuvor von Sondereinheiten der Carabinieri festgenommen worden. Bei der Operation wurden am Dienstag 99 Mafiosi gefasst – darunter auch Lo Presti. Den Mafiosi wird unter anderem Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung, Schutzgelderpressung sowie internationaler Waffen- und Drogenhandel zur Last gelegt.

Der Einsatz von 1200 Polizisten mit Hubschraubern und Hundestaffeln unter dem Codenamen „Perseus“ war der Höhepunkt einer neunmonatigen Fahndungsaktion der Staatsanwaltschaft von Palermo. Die sizilianische Cosa Nostra war 2006 durch die Festnahme ihres letzten Paten Bernardo Provenzano praktisch zerschlagen worden. Bei ihm hatte die Jagd 43 Jahre gedauert, nicht zuletzt auch deshalb, weil er schon lange in keinem seiner vielen Verstecke mehr den Telefonen vertraute und seine Befehle den Bossen unter ihm seit Jahrzehnten nur noch über kleine Zettelchen zukommen ließ. Nach seiner Verhaftung war es mit der Cosa Nostra bergab gegangen. Endgültig führerlos war sie in der Provinz Palermo schließlich im November 2007 geworden, als die Polizei auch Salvatore Lo Piccolo festnahm, der davor ein Jahr lang versucht hatte, in die Fußstapfen Provenzanos zu treten.

Es war ein Querschnitt der Generationen, der der Polizei nun ins Netz gegangen ist, von Rentnern mit Gehstock bis zu kräftigen jungen Männern im T-Shirt unter Lederjacke – und auch ein Querschnitt der Gesellschaft. Offenbar sind auch zwei Politiker in das Fadenkreuz der Ermittler geraten.

Umfangreiche Abhörmaßnahmen und abgefangene E-Mails hatten wesentlich zu den Festnahmen geführt. Diesen Informationen hatte die Polizei entnommen, dass seit einigen Monaten Mitglieder von 15 alten Familien der Mafia versuchen, die Cosa Nostra, wie die Mafia in Sizilien genannt wird, wieder neu zu begründen. In ganz Italien gilt die organisierte Kriminalität als der profitabelste Wirtschaftszweig.

Der für den Kampf gegen die Mafia zuständige nationale Staatsanwalt Pietro Grasso sprach von einem „historischen“ Schlag gegen die Mafia. „Wenn es uns 2006 gelungen ist, die Cosa Nostra in die Knie zu zwingen, dann haben wir mit dieser Operation verhindert, dass sie wieder auf die Füße kommt“, fasste er die Aktion zusammen. Dass nach der Zerschlagung der Cosa Nostra auch in Sizilien erstmals Banden wie die Camorra aus Neapel und die 'Ndrangheta aus Kalabrien an Einfluss gewonnen hatten, erwähnte Grasso nicht. Diese Entwicklung aber soll das Hauptmotiv gewesen sein, warum sich Senioren der Cosa Nostra nun bemühten, einen neuen „Paten“ zu finden.

Viele der übrigen festgenommenen Mafiosi sollen Kontakte zu dem flüchtigen Mafiachef Messino Denaro aus Trapani unterhalten. Diesem wird vorgeworfen, die Führung der Cosa Nostra – die sogenannte Cupola – wiederbeleben zu wollen. Die „Konferenz“ in Palermo sollte offenbar der Mafia dort eine neue Struktur, Strategie und Leitung verschaffen. Denaro ist ein ehemaliger Juniorboss Provenzanos und Konkurrent von Lo Piccolo. Denaro habe zwar Kontakte nach Palermo unterhalten, wo er jedoch weder ein „Capo“ noch die wichtigste Bezugsperson jener „Commission“ gewesen sei, die sich jetzt den Neuaufbau der Cosa Nostra zum Ziel gesetzt habe, sagte Grasso. Maßgeblich für die neue Entwicklung seien vielmehr dieselben alten Kräfte, die schon hinter den Morden an Richter Giovanni Falcone im Jahr 1992 und von Paolo Borsellino im Jahr 1993 gestanden hätten sowie für die damaligen Bombenattentate in Florenz, Rom und Mailand verantwortlich seien.

Über Provenzano hinaus weisen die Spuren damit auf dessen Vorgänger Salvatore „Totò“ Riina, der im Januar 1993 verhaftet wurde und davor und danach immer nur „das Biest“ genannt wurde. Dessen Strategie, die Autorität der Cosa Nostra durch spektakuläre Morde und Einschüchterung der Bevölkerung zu zementieren, sei das Ziel der „Commission“ gewesen, die die Polizei nun zerschlagen habe, hieß es jetzt in Palermo. Der Selbstmord von Lo Presti steht nach Meinung der Ermittler eventuell im Zusammenhang mit abgehörten Äußerungen des Mafioso, die von der Polizei gegen Totò Riina, und dessen Sohn Giuseppe verwendet werden könnten. Riina gilt auch 15 Jahre nach seiner Festnahme als mächtiger Boss, der auch hinter Gittern noch die Fäden zieht.