Eins auf die Fresse. Und noch eins. Der Mann weiß was einzustecken. Er grinst dabei ein grausliches Lächeln. Und so zugeschwollen das Auge auch ist, so sehr das Blut schon von den Lippen tropft, ist da dieser irre Blick des Boxers, bevor er zurückschlägt.
Und den anderen in die Knie zwingt. Man reibt sich verwundert die Augen: Das ist Jake Gyllenhaal, der Mann, der sonst eher für die sensiblen, einfühlsamen Figuren bekannt ist.
Wenn da mal nicht der Oscar winkt
Der Schauspieler ist definitiv in seiner Robert-De-Niro-Phase. Dem reicht es auch nicht, sich method-acting-mäßig in seine Figuren einzufühlen. Er hat sie sich auch physisch angeeignet.
In „Wie ein wilder Stier“ hat sich De Niro erst zum Boxer trainieren lassen, um sich danach -zig Pfunde anzufressen. Gyllenhaal ging den umgekehrten Weg.

Für „Nightcrawler“ hat er sich erst 30 Pfund abgehungert, um als Sensationsreporter besonders gierig und aasig zu wirken. Für „c“ hat er sich jetzt ebenfalls Boxhandschuhe übergezogen und die Muskeln aufgepumpt. Eine Kampfmaschine, ein Fleischpalast, ein rohes Stück Schinken, unschlagbar, aber auch unberechenbar. Wenn da mal nicht der Oscar winkt.
Boxen als Metapher auf Hollywood
Unter den Sportfilmen ist der Boxfilm in Hollywood von jeher das liebste Kind. Das Sich-durch-Boxen, die Rückschläge, die man einsteckt, um am Ende doch zu triumphieren – das drängt sich derart auf als Parallele fürs Filmbusiness, dass es die Branche beinahe in den Ring zwingt.
Und hat nicht Sylvester Stallone die typische Boxerkarriere auch als Schauspieler hingelegt: ein Mann, den keiner haben wollte, bis er sich sein eigenes Drehbuch schrieb, „Rocky“, und es durchsetzte, den auch selbst spielen zu dürfen, um am Ende ein Star zu sein?

Antoine Fuqua, der Regisseur von „Southpaw“, selber ein passionierter Boxer, war in seinen Filmen noch nie zimperlich. In seinem jüngsten aber dreht er die übliche Sportfilmstory – klein anfangen und am Ende siegen – auf den Kopf. Und lässt seine Hauptfigur dabei fast zuviel Passionsgeschichte erleben.
Eminem hat gekniffen
Dieser Billy Hope ist zu Beginn ganz oben, ungeschlagen in 43 Kämpfen, fast zu selbstsicher. Bis er erst seine Fassung, dadurch seine Frau (Rachel McAdams wird nach nur einer halbe Stunde aus dem Film geschossen!) und dann auch noch das Sorgerecht für seine Tochter verliert. Er muss noch mal ganz unten anfangen, um sein Kind zurückgewinnen zu können.
Und bettelt dabei fast bei dem Trainer eines nicht eben großen Boxstudios (Forest Whitaker), der ihn erst mal den Boden putzen lässt, dann aber Yoda-artig nicht nur physisch, sondern auch psychisch wieder aufbaut. Und ihn vor allem Demut lehrt.

Das ist, kaum verhohlen, der Plot von King Vidors Klassiker „Der Champ“ von 1931 (und von dessen Remake 1979). Nur das diesmal der Sohnemann ein Mädchen ist, da schluckt man gleich noch mehr. Das Ganze soll aber auch nach Eminem-Vita schmecken.
Eminem war als Hauptdarsteller im Gespräch und hat einige Aspekte mit einfließen lassen, bis er sich am Ende doch lieber auf sein neues Album konzentriert hat. Immerhin steuerte er einen Song bei.

Aber die Absage war das Beste, was Fuqua passieren konnte. Denn so abstrus das Drehbuch, das den Boxer gleich durch mehrere Höllen schickt, zuweilen wirkt, immer wenn die Kamera auf Gyllenhaal hält, ist der Film ganz bei sich.
Da kann einem Angst und Bange werden
Der Star hat sich nicht nur vom legendären Boxtrainer Terry Claybon ein halbes Jahr stählen lassen, er vermag es auch, hinter einem hochgepumpten Testosteronpanzer eine waidwunde Seele durchschimmern zu lassen.
Ein Scorsese, ein „Wilder Stier“ ist aus diesem Boxerdrama nicht geworden. Dafür zündelt Fuqua zu oft vordringliche Effekte ab. Aber ein zweiter De Niro scheint in Gyllenhaal allemal durch. Der Mann war schon immer gut. Wie gut er jetzt ist, da kann einem Angst und Bange werden.
Boxerdrama USA 2015 124 min., von Antoine Fuqua, mit Jake Gyllenhaal, Forest Whitaker, Rachel McAdams, Oona Laurence



