Schon Monate vor Filmstart machte ein Foto aus dem Boxerdrama „Southpaw“ (20. August) Furore: Jake Gyllenhaal, blutüberströmt und durchtrainiert, mit zugeschwollenen Augen. Beim Interview im Londoner Soho Hotel ist ihm von diesen Strapazen nichts mehr anzumerken, aber sein Enthusiasmus ist immer noch spürbar. Der zeigt nicht nur an seiner aufgekratzten Stimmung, sondern auch daran, dass er eigenmächtig die Dauer des Interviews verlängert und eine Nachfrage nach der anderen zulässt.
Berliner Illustrirte Zeitung: Es gibt Leute, die Sie nach Ihrer spektakulären Boxerrolle als neuen Robert De Niro bezeichnen....
Jake Gyllenhaal: Wer sagt das? Wer sind diese Leute?
Mögen Sie das?
Nein, denn das stimmt wahrscheinlich nicht.
Wahrscheinlich? Oder vielleicht doch?
Nein, nein. Es stimmt überhaupt nicht. So nett es sich auch anhört. Das liegt vermutlich bloß daran, weil manche Leute meine letzten Filme mit „Taxi Driver“ und „Wie ein wilder Stier“ vergleichen. Ich kann verstehen, wenn sie bei den Hauptfiguren Parallelen sehen, aber diese Lobeshymnen haben trotzdem nichts mit der Realität zu tun.
Was können Sie eigentlich als Schauspieler von einem Boxer lernen?
Dass bei deinem Job Opfer und obsessives Training dazu gehören. Je besser ich mich vorbereite, je mehr ich recherchiere, desto glaubwürdiger ist meine Leistung. Und das Publikum wird das auch spüren. Aber es gibt noch so viele andere Aspekte. Ich könnte hier erzählen und erzählen, dass Ihnen für Ihre anderen Fragen keine Zeit mehr bleibt. Nur ein Punkt noch: Es gibt wichtigere Dinge als dein Gesicht. Du musst nicht schön sein.
Aber solche Obsessionen können gesundheitsgefährdend sein. Für Ihren vorherigen Film „Nightcrawler“ speckten Sie zehn Kilo ab, um sich dann für „Southpaw“ riesige Muskelpakete anzutrainieren.
Ich gebe zu, das ist eine Gratwanderung. Denn wenn du dich so intensiv vorbereitest, dann vermittelst du deinen jungen Kollegen eine Botschaft, die auf gefährliche Weise interpretiert werden kann. Einer fragte mich mal: „Ich spiele einen Süchtigen, soll ich selbst Drogen probieren?“ Ich habe ihm dringend davon abgeraten. Wenn du deinen Körper so drastisch verändern willst, dann solltest du einen Arzt hinzuziehen. Wobei ich zugeben muss: Bei „Nightcrawler“ habe ich das auch nicht getan. Ich bin soweit abgemagert, wie es sich richtig anfühlte, und dann habe ich nichts mehr weiter gemacht, sondern versucht, den Zustand zu halten. So hatte ich das Gefühl, dass mir nichts passieren kann.
Bei „Southpaw“ haben Sie auf andere Weise körperlich bezahlt. Wie fühlt es sich an, wenn man von einem Boxhieb getroffen wird?
Zuerst denkst du dir „Scheiße“. Vor allem bei Körpertreffern, die sind überhaupt kein Spaß. Aber sie sind ziemlich wichtig. Wenn du dir Kämpfe ansiehst, dann merkst du, dass einem Knock-out meist ein Körpertreffer vorausgeht. Der schwächt den Körper, fügt dir so viel Schmerz zu, dass du aufmachst. Wobei die Wirkung auch unterschiedlich war. Bei manchen Schlägen hatte ich das Gefühl ‚Das ist doch gar nichts’, und bei anderen fühlte ich mich total verletzlich.
Sie stiegen für die Kampfszenen sogar mit einem ehemaligen Weltergewichts-Champion in den Ring. Bekamen Sie es da nicht mit der Angst zu tun?
Viel schlimmer wäre es, wenn ich gegen einen Schauspielerkollegen geboxt hätte.
Wieso?
Weil die total unsicher sind. Sie haben keine Erfahrung, wollen sich aber unbedingt beweisen. Profis dagegen kennen die Wissenschaft der Schläge aus dem Effeff.
Was kann man unter der Wissenschaft der Schläge verstehen?
In welchem Winkel und an welchem Punkt sie auftreffen, wie groß die Distanz zum Gegner ist – und zwar auf den Zentimeter genau. Da steckt eine richtige Geometrie dahinter. Es gibt die Szene, wo ich gegen Victor Ortiz, den ehemaligen Weltmeister, kämpfe und mich nur verteidigen kann. Er haut zwar in einer Tour auf mich ein, aber ich wusste, er kennt meine Bewegungen und kann seine Schläge so abstimmen, dass er mich nicht k.o. schlägt. Das war auf eine gewisse Weise sehr beruhigend.
Wie verändert man sich durch so eine Erfahrung?
Vor dem Film habe ich mich nicht großartig für Boxen interessiert, jetzt bin ich ein leidenschaftlicher Fan geworden. Durch den Dreh lernte ich einige Profis sehr gut kennen. Wir treffen uns jetzt noch regelmäßig, selbst wenn die Dreharbeiten schon ein Jahr her sind. Und ich war sehr beeindruckt, weil sie mich genauso respektierten wie einen anderen Boxer. Ich selbst habe eine Disziplin und Fähigkeiten gelernt, die ich mein Leben lang behalten will. Ich möchte den Rest meines Lebens boxen.
Auch wenn Sie immer wieder Treffer abbekommen?
Ja, das lehrt mich Demut. Und das ist gesund für mein Ego. Gleichzeitig baue ich dadurch Selbstvertrauen auf und kann Körper und Geist so richtig durchtrainieren.
Aber müssen mit Ihren Rollen immer so extreme Erlebnisse verbunden sein? „Everest“, Ihr nächster Film, dreht sich schon wieder um menschliche Grenzerfahrungen.
Vor vier, fünf Jahren traf ich für mich folgende Entscheidung: Ich spiele nur noch Rollen, in die ich mich verlieben kann. Und für die ich an Grenzen gehen will. Natürlich sind da extreme Charaktere drunter. Aber wenn ich so jemanden darstelle, dann fühle ich mich jeden Morgen beim Aufwachen gut.
Bei „Southpaw“ sind die Kritiken gut, aber was machen Sie, wenn so ein Film fehlschlägt und sich Ihr ganzer Einsatz nicht gelohnt hat?
Ich würde nicht sagen, dass mein Einsatz umsonst war. Die Erfahrung kann mir niemand nehmen. Und ich habe eine Variante des menschlichen Daseins ausgelotet, die ich nur aus der Theorie kannte. Zu meinem Beruf gehören künstlerische Risiken dazu, und wenn ich mal einen Flop lande, dann habe ich immer noch meine Familie. Die ist meine feste Basis, auf die ich mich verlassen kann und die mir niemand wegnimmt.
Was genau gibt Ihnen Ihre Familie emotional?
Selbstvertrauen. In meiner Familie sind alle sehr künstlerisch veranlagt – mein Vater ist Regisseur, meine Mutter Drehbuchautorin, und sie haben mir immer gezeigt, dass man seinem Herzen folgen soll. Sie horchen in sich hinein, bevor sie eine Entscheidung treffen. Natürlich kann es schwierig sein, wenn du dich nur nach deinem eigenen Maßstab richtest. Meine Eltern haben oft viele Jahre gewartet, bis sie ein Projekt auf die Beine stellen konnten. Aber dann haben sie’s geschafft. Und dadurch habe ich für mich gelernt, dass du nicht aufgeben darfst, wenn du an etwas glaubst. Du machst einfach weiter, bis du es eines Tages gebacken kriegst.
Wie ehrgeizig sind Sie?
Ich bin in den USA groß geworden, dem Land, wo dir von das Streben nach Geld und Ruhm von Kindheit an eingebläut wird. Die Devise heißt: ‚Wenn du eine Vision hast, dann verfolge sie, egal ob sich dir jemand in den Weg stellt.’
Und das tun Sie?
Als ich jünger war, war mein Ehrgeiz extremer. Heute habe ich für mich erkannt, dass es noch viel mehr gibt als das große Geld. Glückliche Beziehungen zu meinen Mitmenschen sind das Wichtigste überhaupt. Entscheidend ist, dass du Empathie entwickelst. Das ist der gemeinsame Nenner aller spirituellen Lehren – schließlich habe ich auch östliche Religion studiert. Ich befinde mich zwar auf meinem individuellen Pfad durchs Leben, aber gleichzeitig versuche ich, gegenüber anderen so viel Mitgefühl zu zeigen wie nur irgend möglich.
Ist nicht Hollywood ein Ort, wo genau das Gegenteil verlangt wird?
Ich gebe zu: Hier finden sich viele verlorene Seelen, weil eine Menge Leute nur wegen des Geldes ins Filmgeschäft gehen. Aber es gibt auch ein positives Wettbewerbsdenken, und zwar in kreativer Hinsicht. Das kommt effektiv davon, dass du deine Kollegen toll findest und mit ihnen wetteiferst. Das habe ich selbst immer wieder erlebt. Wir helfen uns dabei alle gegenseitig.
Worin liegen Ihre Stärken in diesem Wettbewerb?
Meine Güte – ich habe noch nie darüber nachgedacht. Da gibt es keine Liste. Ich finde es auch nervig, sich so eingehend zu analysieren. Ich weiß nicht, ob das eine Stärke ist, aber Wiederholung passt nicht zu mir. Ich kann zum Beispiel eine Einstellung nie gleich spielen – selbst wenn ich es versuche. Außerdem versuche ich mich nicht zu ernst zu nehmen. Und ich zerbreche mir nicht mehr den Kopf darüber, was die anderen von mir denken, wie ich das früher getan habe.
Was half Ihnen bei der Selbstfindung?
Mein Studium asiatischer Religionen habe ich schon erwähnt. Das hat mir gezeigt, wie meine Person mit anderen zusammenhängt und wie ich sie beeinflusse. Und ich meditiere auch regelmäßig. Außerdem fahre ich viel Rad, laufe Langstrecken. Das führt mich in mein inneres Zentrum zurück. Ich verstehe: ‚Das bin ich. Und wenn die Welt sich mir gegenüber auf eine bestimmte Weise verhält, dann habe ich das selbst bewirkt.’ So kriege ich eine klare Perspektive auf die Dinge.
War dieses Studium Spleen oder ernsthaftes Interesse?
Es war eher ein Zufall. Ich suchte damals ein Studienthema, von dem ich mir dachte, dass es mir geistig etwas bringen würde. In der Highschool hatte ich ein Buch des tibetischen Lamas Surya Das gelesen, und ich hielt seine Ideen für faszinierend. Und an der Columbia University in New York, wo ich studierte, gab es einen großartigen Professor für dieses Fach – es fühlte sich einfach richtig an. Ich konzentrierte mich vor allem auf den tibetischen Buddhismus.
Glauben Sie eigentlich an Wiedergeburt?
Ich hoffe darauf. Ich würde mir sehr wünschen, dass meine Seele eine neue Chance bekommt – Millionen neuer Chancen in jedem neuen Leben. Aber sicher bin ich mir nicht – das werde ich wohl nie sein.
Und was ist, wenn Sie als Ameise wiedergeboren werden?
Das hängt davon ab, als welche Ameise. Bei mir kamen mal welche ins Haus. Und ich dachte mir: Die müssen irgendwo Honig entdeckt haben und deshalb schlagen sie sich den ganzen Weg vom Eingang her in die Küche durch. Und irgendeine superschlaue Ameise war die erste, die den Honig fand. Genau die möchte ich sein.

