Es war ein ungewohntes Bild: Mit gesenktem Kopf schlichen die ersten Fans von Union Berlin am Sonnabend schon knapp zehn Minuten vor Abpfiff aus der Alten Försterei. Die Köpenicker hatten vom VfB Stuttgart gerade durch Silas Katompa Mvumpa das 0:2 eingeschenkt bekommen, Gästestürmer Deniz Undav erhöhte wenig später sogar noch. Das 0:3 (0:1) war für den Köpenicker Fußball-Bundesligisten die achte Pflichtspielniederlage in Serie.
Das alte Lied von Liebe und Stolz auf Union Berlin wurde zum Ende trotzdem noch gesungen, die Stimmung kippte nicht komplett. Aber eine erste Unzufriedenheit macht sich schon langsam breit. Seit sechs Partien keine Punkte mehr in der Liga, abgerutscht auf Rang 14, mit Blickkontakt zur Abstiegszone. Langsam wird es brenzlig für Union.
„Der Wurm ist drin. Aber wir werden uns intern jetzt nicht zerfleischen“, sagte Kapitän Christopher Trimmel, „jeder soll sich an die eigene Nase fassen und seine Arbeit machen.“ Trainer Urs Fischer bilanzierte: „Wir hatten gar keinen Zugriff aufs Spiel, kamen immer einen Schritt zu spät.“
Trainer Urs Fischer brachte zwei Stammkräfte zurück
Im Vergleich zum 2:4 in Dortmund vor der Länderspielpause veränderte der Schweizer seine Mannschaft auf vier Positionen. Kevin Volland und Lucas Tousart ersetzten Sheraldo Becker und Aissa Laidouni. Vor allem aber kehrten die zuletzt schmerzlich vermissten Robin Knoche und Rani Khedira in die Startelf zurück, Leonardo Bonucci und Alex Kral saßen auf der Bank.
Fischer erhoffte sich von der Rückkehr seiner beiden etablierten Stammkräfte den Aufbau eines „Gerüsts“, doch das Gegenteil war der Fall. Sowohl Knoche als auch Khedira waren die teils längeren Verletzungspausen anzumerken. Da sie aber beide in zentralen Rollen aufgeboten waren, hatte das ein äußerst instabiles Konstrukt zur Folge.
Union Berlin ist Guirassys Wucht nicht gewachsen
Der VfB machte sich das im Stile einer Spitzenmannschaft zunutze und traf mit der ersten Chance: Stuttgarts Rekordmann Serhou Guirassy leitete selbst im Mittelfeld den Angriff ein und fand auf der rechten Seite Anthony Rouault. Weil kein Unioner Gegenwehr leistete, flankte der Franzose den Ball schließlich dem durchgestarteten Guirassy wieder auf den Kopf – 0:1 (16. Minute).
Es war das 14. Tor im achten Spiel des Stuttgarter Stürmers, der zurzeit in solch einem Flow ist, wie Union ihn selbst in den vergangenen Jahren lange erlebt hat. Momentan aber regiert das triste Krisengefühl: Auf das 0:1 folgte keine Reaktion der Berliner. Selbst als Guirassy mit muskulären Problemen ausgewechselt werden musste (29.), ging kein Ruck durch die Hausherren.
Union war offensiv schlichtweg nicht existent, es fehlte an allem. Und von manchen Ecken der Tribüne waren bei Fehlpässen schon etwas verärgerte Rufe zu hören. Fischer reagierte und wechselte in der Halbzeit dreimal: David Fofana, Sheraldo Becker und Alex Kral kamen für Kevin Volland, Jannik Haberer und Lucas Tousart. „Die Umstellungen waren dadurch begründet, dass wir diesen Balldruck besser hinbekommen wollten“, erklärte Unions Trainer.
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Und das gelang auch stellenweise, die Köpenicker wurden zumindest etwas stärker. Fischer stellte auf ein 3-4-3 um, Becker und Fofana sorgten für Tempo über die Außen. Union war jetzt die aktivere Mannschaft, aber es fehlte zu oft noch am letzten Pass. Die Hereingaben segelten immer wieder ins Nirgendwo oder wurden simpel geblockt, bis zur 80. Minute: Dann fand Becker im Zentrum Fofana, der die größte Ausgleichschance aber klar am Tor vorbei setzte. „Wir machen die Dinger vorne nicht. Das ist das Problem“, sagte Trimmel.
Es war eine dieser Szenen, die einem einfach nicht gelingen wollen, wenn man in einer Negativspirale steckt. Silas (82.) und Undav (88.) machten es später für den VfB besser, sodass sich die Partie auch vom Ergebnis her wie eine Abreibung für Union anfühlte: „Die vielen Gegentore sind nicht wir. Das ist nicht Union-like“, klagte Trimmel.
Lange Zeit zum Nachdenken über die aktuelle Krisenlage gibt es nicht, die nächste Aufgabe wartet schon. Am Dienstag geht es in der Champions League zu Hause gegen den italienischen Mester SSC Neapel (21 Uhr, DAZN). „Es gilt jetzt eine Antwort zu finden“, forderte Fischer, „und zwar am Dienstag.“ Im ausverkauften Olympiastadion wird es dabei wieder reichlich Rückhalt von der Tribüne geben.


