Davonlaufen kann man vor so einer Serie nicht, also hat Urs Fischer es gar nicht erst versucht. Viel lieber stürzte sich der Trainer des 1. FC Union Berlin in die Analyse. Während der Länderspielpause hat er sich noch mal mit den vergangenen Auftritten seiner Mannschaft auseinandergesetzt. Sein Fazit: „Wir waren in den vergangenen sieben Spielen nicht die schlechtere Mannschaft, ausgenommen vielleicht gegen Real Madrid.“

Union hat sieben Spiele in Folge verloren

Das ist insofern erbaulich, da diese Spiele allesamt verloren gingen. Wenigstens etwas Gutes also. Sieben in Folge, so eine Negativserie hat es unter Fischers Anleitung noch nicht gegeben beim 1. FC Union. Und der ist nun schon in seiner sechsten Saison bei den Berlinern.

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Wer so oft verliert, der benötigt vieles, unter anderem den rechten Gegner zur rechten Zeit. Der VfB Stuttgart, am Sonnabend Gast im Stadion An der Alten Försterei (15.30 Uhr, Sky), fällt nicht in diese Kategorie. Entgegengesetzt zu den Berlinern eilt der VfB gerade von Sieg zu Sieg, Platz zwei ist die Belohnung für das Überraschungsteam der laufenden Serie.

Union stieg 2019 nach der Relegation gegen Stuttgart in die Bundesliga auf

Ach ja, der VfB. Welcher Union-Fan denkt nicht gern zurück an diese zwei Spiele im Mai 2019, als sich der Klub aus Köpenick in der Relegation gegen Stuttgart durchsetzte und in die Bundesliga aufstieg. Viel ist seitdem passiert, vielleicht zu viel. Rasant schnell verlief die Entwicklung des 1. FC Union. Immer schneller, immer höher, immer weiter. Nun sagt Fischer angesichts der Ergebniskrise: „In den letzten Jahren haben wir die Wörter surreal und Wahnsinn gebraucht. Vielleicht müssen wir jetzt das Wort Realität auch mal gebrauchen. Es geht darum, 40 Punkte zu holen, das ist immer noch unser Ziel.“

40 Punkte ist die neuralgische Grenze, nach allgemeinem Dafürhalten steht diese Anzahl gleichbedeutend für den Klassenerhalt. Jetzt also erst mal wieder in die Spur kommen, sich auf die kleinen Schritte konzentrieren, auch wenn es nicht einfach ist bei so anstehenden Höhepunkten wie das Aufeinandertreffen in der Champions League mit Italiens Meister Neapel am kommenden Dienstag.

Knoche und Khedira könnten bei Union ihr Comeback feiern

Gut, dass für das anstehende, kräftezehrende Programm bis Weihnachten zwei Spieler wieder zur Verfügung stehen, die in den vergangenen Wochen schmerzlich vermisst wurden. Rani Khedira und Robin Knoche könnten gegen den VfB ihre Rückkehr feiern. „Das ist eine Option. Die Möglichkeit besteht“, sagt Fischer. Khedira hatte sich im Pokalspiel bei Astoria Walldorf an der Wade verletzt. Das war im August. Knoche konnte die letzten fünf Spiele nicht mitwirken. Alle gingen verloren. Das lag natürlich nicht nur an der Absenz des Duos, Fischer beschreibt beide aber als „zwei absolute Führungsspieler und Stammkräfte“, die plötzlich wegbrachen.

Die Geschichte von Khedira und Knoche steht exemplarisch für den Verein, sie ist ihre persönliche und gleichzeitig die des 1. FC Union. Bei beiden war die Karriere gehörig ins Stocken geraten, als sie nach Berlin kamen. Nicht mehr zwingend gewollt bei ihren Vorgängerklubs Augsburg (Khedira) und Wolfsburg (Knoche), entwickelten sie sich im Trikot des 1. FC Union zu Leistungsträgern. Ihnen halfen Eigenschaften, die Fischer enorm schätzt. Fleiß, Hingabe und eine hohe Aufnahmefähigkeit. Prototypen des Union-Stils, zwei Arbeiter, immer bereit, jeden Zweikampf so zu bestreiten, als wäre er der Entscheidende.

Union braucht die absolute Hingabe für die kleinen Dinge

Diese absolute Hingabe für die vermeintlich kleinen Dinge machte Union seit dem Aufstieg stark, ist aber in den vergangenen Wochen abhandengekommen. Da entschieden stets Nuancen über Niederlagen. Besonders in der Champions League, wo Union beide Spiele gegen Real und Braga in letzter Sekunde verlor. Wäre mit Khedira und Knoche nicht passiert? Beantworten lässt sich das nicht. Sicher ist nur, dass in Person von Khedira und Knoche zwei zurückkehren, die der Mannschaft in schwierigen Phasen Sicherheit verleihen können.

Für Europameister Bonucci kann Knoche ein Anker werden

Italiens Europameister Leonardo Bonucci, der Knoche vertrat, konnte das bisher noch nicht. Sollte sich Knoche wieder im Abwehrzentrum etablieren, bestünde die Möglichkeit, Bonucci auf die rechte Seite der Dreierkette zu versetzen. Auch für den Italiener könnte Knoche ein Anker werden. Einer, der mit Khedira und Sheraldo Becker das Gerüst des Teams bildet. „Wenn du ein Gerüst hast, bist du auch stabil auf dem Platz“, sagt Fischer. Eines haben die vergangenen Jahre beim 1. FC Union gelehrt: Stabilität, das besteht kein Zweifel, ist das Wichtigste für den Erfolg dieser Mannschaft.