Berlin-Derby

Union vs. Hertha – Die Geschichte der glorreichen Sieben

| Lesedauer: 10 Minuten
Michael Färber
Union vs Hertha: Verkehrte Welt vor Berliner Derby

Union vs Hertha: Verkehrte Welt vor Berliner Derby

Verkehrte Welt vor dem Berliner Derby: Während Hertha BSC Punkte für den Klassenerhalt braucht, kämpft Union Berlin unerwartet um Europa. Dennoch hat Hertha-Coach Pal Dardai ein "gutes Gefühl" vor dem Stadtduell, bei dem er wieder auf Sami Khedira zurückgreifen kann.

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Die Derbys zwischen Union und Hertha haben Geschichte geschrieben. Dies sind die Geschichten zu den Spielen.

Berlin. Ein Derby ist ein Derby ist ein Derby. Ob mit Zuschauern oder ohne, wobei Derbys mit Zuschauern ohne Zweifel mehr Spaß machen. Dennoch ist das vierte Duell zwischen dem 1. FC Union und Hertha BSC am Ostersonntag (18 Uhr, Sky) auserkoren, das insgesamt achte Kapitel in der Pflichtspielhistorie beider Klubs zu schreiben. Die sieben Vorgänger haben jedenfalls Geschichte geschrieben. Dies sind ihre Geschichten.

Derby Hertha gegen Union: Alles zum Spiel in Berlin im Liveblog - Berliner Morgenpost

Die Premiere

Lange hat Berlin auf ein Pflichtspielduell zwischen Union und Hertha hingefiebert, am 17. September 2010 war es endlich soweit. Weil Union in der Zweiten Liga als Aufsteiger souverän die Klasse gehalten hatte und Hertha als Bundesligist nicht. Doch wer fußballerische Feinkost an jenem vierten Spieltag der Saison 2010/11 erwartet hatte, der wurde enttäuscht.

Hertha Union Derby 1

Es wurden 90 Minuten, in denen verbissen gekämpft wurde. Und in denen der Favorit aus Westend durch Peter Niemeyer schon nach zwei Minuten in Führung ging. Nikita Rukavytsya hatte einen Freistoß vor das Union-Tor geschlagen, Niemeyer per Kopf vor 18.400 Zuschauern in der Alten Försterei vollendet.

Zum Helden aus Union-Sicht sollte ein Spieler werden, der nie so richtig angekommen ist bei den Köpenickern. Seine spielerische und leicht überschätzende Art passte nicht zum damaligen Trainer-Arbeiter Uwe Neuhaus. Doch als im ersten Derby die Niederlage drohte, brachte Neuhaus den Niederländer eine Viertelstunde vor Schluss für Klub-Ikone Torsten Mattuschka. Kolks Treffer aus gut 22 Metern zum 1:1-Endstand nach 82 Minuten ist längst Geschichte.

Die Sensation

Knapp fünf Monate nach der Premiere waren die Fronten geklärt. Union mühte sich gegen den Sog in Richtung Abstiegszone, Hertha mühte sich im Aufstiegskampf. Am Ende waren es jene 90 Minuten, die beiden Mannschaften enorm halfen, ihr jeweiliges Saisonziel zu erreichen. Zur Sensation wurde die Partie am 5. Februar 2011 vor allem deshalb, weil der klare Außenseiter Union dem großen Favoriten Hertha gezeigt hatte, wie man nach einem Rückschlag wieder aufsteht und an sich glaubt.

Hertha Union Derby 2

Schnell lief die Partie in die normale Richtung. Roman Hubnik hatte Hertha in Führung gebracht, Normalität nach 13 Minuten. Doch mit dem spektakulären Ausgleich von John Jairo Mosquera (37.), spätestens aber, nachdem Hertha nach der Pause eine eigene Druckphase nicht zur erneuten Führung genutzt hatte, nahm der Außenseiter aus Köpenick sein Herz in beide Hände und kämpfte den Favoriten nieder. Gekrönt von einem Treffer, der für sich genommen schon eine Sensation gewesen ist.

Die Herthaner Rob Friend und Christian Lell standen Pate für eine Freistoßmauer, die der damalige Hertha-Trainer Markus Babbel ob ihrer Löchrigkeit als Schweizer Käse bezeichnete. Nur deshalb fand in der 71. Minute der Freistoß von Torsten Mattuschka den Weg vor das Tor von Hertha-Torwart Maikel Aerts und auch am Niederländer vorbei. Für die knapp 20.000 Union-Fans unter den 74.244 Zuschauern im Olympiastadion gab es kein Halten mehr.

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Die Revanche

Nach Herthas erneutem Abstieg 2012 war nochmals die Zweite Liga Schauplatz des Derbys. Wieder war es der vierte Spieltag, und beide Mannschaften waren höchst mäßig in die Saison gestartet. Doch es waren die Herthaner, die auf der Baustelle Alte Försterei – die Haupttribüne befand sich gerade im Bau – die bessere Mannschaft waren.

Sandro Wagner hatte den Torreigen nach einer halben Stunde eingeleitet, Christopher Quiring für Union nach dem Seitenwechsel ausgeglichen (69.). Die 16.750 Zuschauer waren aus dem Häuschen. Doch den Schlusspunkt setzte ein Brasilianer.

Wenn Ronny für eines bekannt gewesen ist im blau-weißen Trikot, dann für seine Freistoß-Hammer. Union-Torwart Daniel Haas überlegt noch heute, wie er das Geschoss des Mittelfeldspielers festhalten kann. An jenem 3. September 2012 konnte er es nicht. Hertha feierte mit 2:1 den ersten Sieg im Derby gegen Union, die Revanche für die Schmach im Olympiastadion war geglückt. Und Union-Torschütze Quiring gefrustet: „Wenn die Wessis in unserem Stadion jubeln, krieg ich das Kotzen!“

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Der Rekordschütze

Wer Ronny sagt, muss auch Ronny sagen. Denn es war erneut der Brasilianer, der am 11. Februar 2013 dafür sorgte, dass Hertha keine Derby-Niederlage einstecken musste. Und wieder war ein Freistoß die Schlusspointe in einem Hauptstadt-Duell, das Union lange Zeit als Sieger gesehen hatte in einem Spiel, das keinen richtigen Favoriten kannte. Hertha stand zwar auf einem Aufstiegsplatz, doch Union als Vierter nur knapp dahinter.

Doch Hertha bekleckerte sich auf dem erneuten Weg zurück in die Bundesliga nicht mit Ruhm, sondern ließ sich vom körperbetonten Spiel der Köpenicker vor 74.244 Zuschauern im Olympiastadion den Schneid abkaufen. Die Freude am Spiel, die Union den Hausherren genommen hatte, zeigten sie selbst bei den Führungstoren durch Simon Terodde (9.) und Adam Nemec (49.).

Es brauchte eine Ecke von Ronny, die Adrian Ramos per Kopfball nutzte (73.) – und eben den unnachahmlichen Hammer des Brasilianers selbst, um eine erneute Niederlage zu verhindern. Und wieder sah Union-Torhüter Haas nicht wirklich glücklich aus beim Gegentreffer. Ronny wiederum machte diese Partie zum Rekordtorschützen im Derby. Mehr als zwei Tore in den Duellen zwischen Hertha und Union hat bis heute keiner geschossen.

Der Elfmeter

Die Atmosphäre: aufgeheizt. Weil es das erste Derby in der Bundesliga war und durch den Pyro-Irrsinn, den beide Fan-Lager, vor allem aber der Gäste-Block, an jenem 2. November 2019 in der Alten Försterei veranstalteten. Die Partie musste sogar für gut fünf Minuten unterbrochen werden. Die Ausgangslage: dramatisch. Wer tritt schon gern zu einem Elfmeter in der 90. Minute an, nachdem er lange Minuten auf die Bestätigung durch den Videoassistenten warten musste.

Hertha Union Derby 5

Die Entscheidung: kompromisslos. Denn Sebastian Polter, erst spät eingewechselt, hatte die Nerven behalten und den Strafstoß, verursacht durch ein Foul des Herthaners Dedryck Boyata an Unions Christian Gentner, vor 22.012 Zuschauern verwandelt. Hertha-Schlussmann Rune Jarstein war zwar noch dran, doch Polter Schuss war zu scharf. Es war das Finale in einem Derby, das vor allem aus blau-weißer Sicht vieles schuldig blieb.

Für den damaligen Hertha-Coach Ante Covic wurde das Derby zum Verhängnis. „Ohne bösartig zu klingen: Kurz auf die Tabelle schauen – wir liegen immer noch vor Union“, tönte Covic. Einen Spieltag später war dies Geschichte – und einen weiteren Spieltag später war er es als Hertha-Trainer ebenfalls. Jürgen Klinsmann übernahm.

Die Demonstration

Es war kein Derby wie jedes andere. Die Coronavirus-Pandemie hatte das Land fest im Griff, und als sich Hertha und Union im Olympiastadion am 22. Mai 2020 wieder gegenüberstanden, waren Geisterspiele längst an der Tagesordnung. Es war der zweite Spieltag nach dem Re-Start der Bundesliga. Und Hertha, inzwischen mit Bruno Labbadia als Trainer an der Seitenlinie, hatte einiges gutzumachen.

Union Hertha Derby 6

Union wiederum hatte mit der Rückkehr in den Spielbetrieb ohne Zuschauer große Mühe. Begleitumstände, die Hertha den bis heute höchsten Derby-Sieg ermöglichten. Nach torloser erster Halbzeit, die vor allem taktisch geprägt gewesen ist, legte Hertha dann nach dem Seitenwechsel los. Dem Doppelschlag durch Vedad Ibisevic (51.) und Dodi Lukebakio (52.) ließ Hertha weitere Treffer durch Matheus Cunha (61.) und Dedryck Boyata (77.) folgen.

Hertha hatte Stärke demonstriert und nicht zuletzt durch den Derby-Sieg eine Katastrophen-Saison noch mit einem beachtlichen zehnten Platz beenden können. Dass Union in seinem Premierenjahr in der Bundesliga am Ende nur aufgrund der um sechs Treffer schlechteren Tordifferenz einen Platz hinter Hertha landete, soll hier nicht unerwähnt bleiben.

Das doppelte Spiel

Unions Robert Andrich reiht sich nahtlos in die Phalanx jener Spieler ein, die ein Derby zwischen Union und Hertha geprägt haben. Doch während Mattuschka, Ronny und Co vor allem durch Tore in Erinnerung blieben, wirkt bei Andrich eine ungewollte Kampfsporteinlage gegen Herthas Lucas Tousart nach, die das siebte Derby maßgeblich beeinflussen sollte.

Hertha Union Derby 7

Bis zum Platzverweis des Mittelfeldspieles in der 23. Minute hatte Union das Duell im Olympiastadion fest im Griff, führte durch Taiwo Awoniyi auch verdient mit 1:0. Doch nach Andrichs überhastetem Einsteigen begann das Spiel am 4. Dezember 2020 von neuem. Und es sollte eine für Union schlechte Richtung einschlagen. Noch heute ärgert sich Andrich über sein Foulspiel und sagt: „Mit elf Mann hätten wir es eventuell auch gewinnen können.“

Doch es sollte anders kommen, wenn auch erst in der zweiten Halbzeit. Das Tor von Peter Pekarik und der Doppelpack des eingewechselten Krzysztof Piatek sicherten Hertha ein 3:1, das für die erneut taumelnd in die Saison gestarteten Blau-Weißen zumindest ein wenig Luft verschaffte. Wirklich zehren konnte Hertha von diesem dritten Derby-Sieg jedoch nicht.

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