Trainingslager

Fischer hebt Union aus den Angeln

So packt der Schweizer Coach im Trainingslager in Marienfeld mit an, um die Köpenicker für die neue Zweitliga-Saison fit zu machen.

Unions neuer Trainer Urs Fischer (r.) packt mit an. Neben ihm: Co-Trainer Sebastian Bönig

Unions neuer Trainer Urs Fischer (r.) packt mit an. Neben ihm: Co-Trainer Sebastian Bönig

Foto: Michael Hundt / Matthias Koch / imago/Matthias Koch

Marienfeld.  „Hofi, noch drei Minuten.“ Ein Ruf, der einen kurz ins Grübeln bringt. Ist tatsächlich André Hofschneider zurück, den alle im Kosmos des 1. FC Union nur „Hofi“ nennen? Zumal einem auch die Optik im ersten Moment einen Streich spielt: kahler Kopf, kurze Hose. Erst beim zweiten Hinschauen wird deutlich: Markus Hoffmann, der neue Co-Trainer des Fußball-Zweitligisten, ist der Adressat der Anweisung, die Urs Fischer über den Platz in Klosterpforte/Marienfeld schickt.

Der Spitzname des Assistenten ist das einzig verbliebene Element, das an die vergangene, enttäuschende Spielzeit erinnert. Noch dazu ein nicht wirklich beabsichtigtes. Die Art, wie der neue Trainer Fischer die Union-Profis auf Vordermann bringt, ist anders, einem Schweizer angemessen, oft ruhig, meist sachlich und immer lobend. Ein Trainertyp, der bei den Spielern ankommt, trotz seiner 52 Jahre. Oder vielleicht auch gerade deswegen.

Fischer übertreibt es nicht mit den einzelnen Übungen und hat die Einheiten im Vergleich zu seinen Vorgängern doch schon mal um eine halbe Stunde auf 130 Minuten aufgestockt. Dies ist wohl auch dem Umstand geschuldet, dass die Köpenicker nur ein einziges Testspiel im Trainingslager bestreiten konnten, am Dienstagabend, einen Tag vor der Heimreise nach Berlin, in Delbrück gegen den englischen Zweitligisten Norwich City (erst nach Redaktionsschluss beendet).

Fischer hilft, wo er kann

Es ist das langgezogene „gut“, das sofort auffällt und ständiger Begleiter einer jeden Übung ist, gern auch in der langgezogenen Version: „Guuut.“ Und natürlich etwas lauter, wenn die Viererkette trotz des gnadenlosen Anlaufens durch ihre Gegner den Ball schnell und sicher aus der Gefahrenzone spielen konnte. Die Miene Fischers hellt sich dann auf.

Ohnehin ist der Trainer ein durch und durch freundlicher Mensch, legt man die Tage von Klosterpforte zugrunde. Sollen Trainingsleibchen geholt werden oder die kleinen Hütchen, werden die Anweisungen gern von einem kleinen, aber feinen „Bitte“ begleitet. Auch das „Danke“ im Anschluss wird nur selten ausgelassen.

Im Zweifel packt Fischer sogar selbst an, um die Räume abzustecken. Oder auch mal beim Tragen eines Tores für die nächsten Schussübungen mitzuhelfen. Dies war unter Jens Keller, Fischers Vor-Vorgänger, oder auch dessen Nachfolger Hofschneider selten bis gar nicht zu beobachten.

Die Profis loben den neuen Trainer

„Er hat eine sehr klare Ansprache und sehr klare Vorstellungen. Er weiß, wie man uns anpacken muss. Man merkt, dass er darin einige Erfahrung hat“, findet Unions Kapitän Felix Kroos Gefallen an seinem vierten Trainer, seit er bei Union ist (seit Januar 2016): „Ich finde es immer gut, wenn ein Trainer vorher auch Spieler war, er weiß, wie Spieler denken“, erzählt Kroos.

Fischers 314 Einsätze als Innenverteidiger in der ersten Schweizer Liga für den FC St. Gallen und den FC Zürich haben ihre Spuren hinterlassen. „Ich habe einen guten Eindruck. Es ist ein sehr angenehmes Arbeiten“, so Kroos weiter. Zugang Manuel Schmiedebach sieht es ähnlich. „Sein Training bringt uns weiter. Er versucht, uns auch viel taktisch zu vermitteln. Er weiß, was er in welchen Momenten sagen muss.“

Und Innenverteidiger Florian Hübner nennt Fischer einen „Supertyp, auch was die Trainingssteuerung angeht. Er hat auf jeden Fall einen Plan, und den Plan werden wir mitgehen.“

Im Wesen immer positiv

Fischers Plan folgt in den ersten Wochen einer klaren Strategie: immer positiv bleiben. „Haltet die Qualität, das sieht gut aus“, ruft er, als bei einer Offensivaktion die Lücke in der Verteidigung des Trainingsgegners rechtzeitig erkannt und genutzt wurde. Sein ebenso prägnantes „genügt mir“ stoppt den Spielzug, bevor er zum Abschluss gebracht werden kann. Fischer will an den Automatismen arbeiten.

Geht tatsächlich mal etwas schief oder wird eine falsche Entscheidung getroffen, wird selten geschimpft. Eigentlich gar nicht. Stattdessen fordert Fischer seine Spieler immer wieder auf, sich selbst und ihr Handeln auf dem Platz sofort zu reflektieren.

„Wenn du zum Ball gehst, Kenny, was tust du dann?“, fragt der Coach Kenny-Prince Redondo nach dessen Zögern in der Vorwärtsbewegung. Der Offensivmann antwortet prompt: „Auch auf das Tor zugehen.“ Fischers zur Seite gerichtete Arme symbolisieren: Schau, du hast es doch verstanden.

Ein Lehrer und ein Kumpeltyp

Diese Mischung aus Lehrer, der aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen kann und seine Spieler so gern „Jungs“ nennt, und Kumpeltyp, der sich auch nicht zu schade ist, eben mal zwanzig Liegestütze mit seinem Trainerteam zu bestreiten, weil die Jungs drei von drei Schüssen im Tor unterbringen, zeichnet Fischer aus. Selbst wenn es fünf mal zwanzig Liegestütze sind.

Und er vertraut seinem Trainerteam. Deutlich wird dies, wenn er Videoanalyst Adrian Wittmann an drei Taktikschemen noch mal erklären lässt, was die Spieler zuvor in der Videoanalyse vermittelt bekommen haben. „Coacht euch, helft euch“, sagt Wittmann. Fischer steht dann ruhig im Hintergrund. Zufrieden. Und freundlich lächelnd.