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Ken Reichel macht jetzt bei Union Berlin sein linkes Ding

Der Verteidiger Ken Reichel übernimmt beim Zweitligisten 1. FC Union Berlin eine Führungsrolle.

Kein Durchkommen gibt es bei Unions Ken Reichel (l., hinten)

Kein Durchkommen gibt es bei Unions Ken Reichel (l., hinten)

Foto: Annegret Hilse / picture alliance/dpa

Marienfeld.  Ein Gespräch mit Ken Reichel kann zunächst nur ein Thema haben: das nächste linke Ding. Zwei hat er während seiner Zeit beim 1. FC Union schon verpatzt. Im Testspiel gegen Fürstenwalde (3:1) und auch eines im Rahmen des Trainingslagers in Klosterpforte/Marienfeld, wie er selbst zugibt. „Das wird sich noch geben. Vielleicht muss ich mich noch mehr an die neue Umgebung gewöhnen“, sagt der Profi des Fußball-Zweitligisten grinsend.

Schnell wird klar, dass die krumme Tour nicht die seine ist. Reichel ist gradlinig, im Gespräch, in seiner Spielweise. Und auch, wenn er mal wieder aus der Ferne einfach abzieht, um eines seiner linken Dinger zum Besten zu geben. Mit Schmackes hinein ins Glück – daran denken Fans und Mitspieler, wenn der 31-Jährige den Ball auf seine Flugbahn schickt, die erst im Netz des gegnerischen Tores endet. Eine Qualität, von der Union jetzt profitieren will.

Die Jugendzeit mit dem Vater als Trainer hat ihn geprägt

„Zurück in die Stadt zu kommen, in der man geboren ist, ist etwas Besonderes“, sagt Reichel. Berlin hat ihn nie losgelassen, auch in den vergangenen elf Jahren nicht, in denen der Linksverteidiger für Braunschweig spielte. Wie auch, wo doch die Karriere in der Jugend des TSV Rudow und des SV Tasmania begann? Diese Zeit hat Reichel geprägt. In der C- und A-Jugend musste sich Reichel mit der Problematik auseinandersetzen, dass er der Sohn von Trainer Mario Reichel ist.

„Da gibt es einfachere Situationen. Du hast immer den Ruf: Du spielst ja nur, weil dein Vater Trainer ist. Dagegen musst du ankämpfen. Und der Vater ist auch in seinem Umgang etwas härter, er kritisiert einen mehr als andere Spieler. Das härtet einen ab. Geschadet hat es mir jedenfalls nicht“, ist sich Reichel sicher. Weil er immer mehr leisten musste als andere.

Reichel erst in Braunschweig durchgestartet

Gerade einmal 18 Jahre alt war er, als er sich dem Hamburger SV anschloss. „Der HSV hat damals viele Berliner Talente geholt. Und ich hatte ein gutes Gefühl, Berlin zu verlassen.“ Doch richtig durchgestartet ist er erst zwei Jahre später, als er 2007 nach Braunschweig ging. Qualifikation für die Dritte Liga 2008, der Zweitliga-Aufstieg 2011, zwei Jahre später der Sprung in die Bundesliga, der sofortige Abstieg, dem vier weitere Zweitliga-Jahre folgten, verpatzte Erstliga-Relegation 2017 und krachender Sturz in die Dritte Liga 2018 inklusive. „Das volle Programm“, sagt Reichel nur.

Doch auf das letzte Spiel, jenes unglaubliche 2:6 in Kiel, angesprochen, offenbart Reichel noch einmal, wie schmerzhaft der Abstieg und damit auch sein Abschied aus Braunschweig tatsächlich gewesen ist. „Wir haben zweimal geführt. Und nach dem 2:1 ist jeder Kieler Schuss ein Treffer. Das ist nicht leicht, so einen Abstieg zu verkraften. Aber der große Rückhalt war meine Familie, da vergisst man die negativen Dinge.“

Führungsrolle bei Union Berlin

Im Kreise der Familie reiften auch die Gedanken, der Eintracht den Rücken zu kehren. „Sicher hätte ich mir einen schöneren Abschied gewünscht. Aber ich musste schauen, was für mich das Beste ist.“ Dass er nun bei Union eine Führungsrolle innehat, nimmt der Berliner gelassen: „Sonst verkrampft man. Ich versuche, viele Kommandos auf dem Platz zu geben und auch außerhalb des Platzes ansprechbar zu sein. Ich denke, von meinem Naturell ist mir das auch gegeben. Wenn du eine stille Truppe hast, dann hast du das Spiel eigentlich schon so gut wie verloren.“

Es sei denn, Reichel setzt oft genug zu einem linken Ding an. „Fünf Tore und fünf Vorlagen“ hat er sich für die Saison vorgenommen. Geht es nach ihm, schafft er das mit links.

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