Union-Gegner

Die Renaissance des Friedhelm Funkel in Düsseldorf

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Sebastian Stier
Gestandener Mann: Friedhelm Funkel machte Düsseldorf von einem Fastabsteiger zum Aufstiegsaspiranten

Gestandener Mann: Friedhelm Funkel machte Düsseldorf von einem Fastabsteiger zum Aufstiegsaspiranten

Foto: Thomas Eisenhuth / picture alliance / Thomas Eisenh

Mit der Fortuna erlebt der Trainer eine unverhoffte Auferstehung und gibt mit seinem Team in Liga zwei das bessere Union ab.

Berlin/Düsseldorf.  Die Höhepunkte der Karnevalssaison sind für Friedhelm Funkel (64) allesamt Feiertage. Weiberfastnacht, Rosenmontag, Aschermittwoch – nichts davon lässt er sich entgehen. „Das gehört sich im Rheinland so“, sagt Funkel. Am Donnerstag zog er mit seiner Frau zur Weiberfastnacht um die Häuser. Dafür hatte er sich extra ein bunt bemaltes T-Shirt zugelegt und natürlich durfte der obligatorische Schlips nicht fehlen. Dass Funkel mit seiner Mannschaft Fortuna Düsseldorf gerade mitten im Aufstiegskampf steckt, dass am Sonnabend ein wichtiges Spiel beim 1. FC Union (13 Uhr) ansteht, nun gut. Davon lässt sich ein leidenschaftlicher Karnevalist wie er nicht zurückhalten.

Ein Egoist ist Funkel nicht, seinen Spielern stand der Besuch frei. „Ob jemand tatsächlich zur Fastnacht war, weiß ich nicht. Aber ich habe niemandem verboten, feiern zu gehen“, sagt Funkel. Wichtig sei nur, dass alle am Freitagmorgen fit zum Abschlusstraining kamen. Das war laut Funkel der Fall. „Wir hatten eine sehr intensive Einheit, alle sind wahnsinnig konzentriert“, sagt er. Es gibt nicht wenige Vereine, bei denen wäre ein solches Szenario undenkbar. Funkel aber führt seine Mannschaft mit einer Lockerheit, wie sie nur jemand besitzt, der beinahe drei Jahrzehnte als Trainer arbeitet. Die Verbissenheit oder asketischen Anflüge einiger Kollegen sind ihm fremd.

Am Sonnabend treffen die Berliner auf die Fortuna

Eigentlich wollte Funkel nicht mehr als Trainer arbeiten. Warum auch? Hatte er doch alles schon gesehen. Weit über 1000 Partien als Spieler und als Trainer, niemand im deutschen Profifußball kommt auf mehr. Und dann war da noch sein Ruf. Lange Zeit hatte er einer Spezies angehört, die es heute eigentlich kaum noch gibt. Funkel galt als Feuerwehrmann, als einer, den man anstellt, wenn es brennt und sobald das Feuer unter Kontrolle ist, kommt ein anderer, der sich um den Neuaufbau kümmert. Unter diesen Voraussetzungen rief ihn Hertha BSC vor neun Jahren nach Berlin. Die Mission scheiterte, Hertha stieg ab und Funkel ging. Der VfL Bochum, Alemannia Aachen und 1860 München sollten folgen. Allesamt schwierige Missionen, alle endeten mit einer vorzeitigen Trennung.

Funkel hatte genug vom hektischen Treiben, er zog sich zurück, lebte in seinem Haus in Krefeld ein beschauliches Leben und freute sich über den entspannten Alltag. Bis ihn die Verantwortlichen von Fortuna Düsseldorf vor fast genau zwei Jahren anriefen. Der Verein drohte in die 3. Liga abzusteigen. Wieder ein Feuerwehrauftrag, aber gut, dachte sich Funkel. Einmal noch retten, was soll passieren? Düsseldorf liegt nur eine halbe Stunde entfernt, der Aufwand ist überschaubar.

Zwei Jahre später ist aus dem Fastabsteiger ein Fastaufsteiger geworden. Düsseldorf führt die Tabelle souverän an, der Vorsprung auf den Relegationsplatz beträgt schon sieben Punkte. „Wir haben die große Möglichkeit, den Aufstieg zu schaffen. Aber es ist noch ein weiter Weg“, sagt Funkel. Aktuell ist seine Mannschaft die formstärkste der Liga, alle vier Spiele der Rückrunde wurden gewonnen. Düsseldorf ist das Gegenbild zum 1. FC Union, der seit acht Spielen auf einen Sieg wartet und mit einem möglichen neunten erfolglosen Spiel einen Vereinsnegativrekord einstellen würde. „Warum es bei Union gerade nicht läuft, möchte ich nicht beurteilen, aber ich halte die Mannschaft weiterhin für die individuell stärkste der Zweiten Liga“, sagt Funkel. Vor der Saison hatte er sich auf Union als größten Aufstiegsfavoriten festgelegt. Diese Rolle hat nun seine Mannschaft inne.

Der 64-Jährige ist zweitälteste Trainer im deutschen Profi-Fußball

Düsseldorfs Spieler sind voll des Lobes, wenn es um ihren Trainer geht. Er rede sehr viel mit ihnen, gebe Selbstvertrauen und erkläre seine Entscheidungen, heißt es. Funkel, nach Jupp Heynckes (74) der zweitälteste Trainer im deutschen Profifußball, ist mit der Zeit gegangen. „Ich habe mir das mit den Jahren angenommen. Als ich mit dem Trainerjob begann, war ich sicher noch nicht so kommunikativ wie jetzt, obwohl ich schon immer versucht habe, viel zu reden“, sagt Funkel.

Er selbst wurde sportlich in einer Zeit sozialisiert, in der das Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer oft autoritär geprägt war. „Respekt ist ganz wichtig, aber den bekomme ich als Trainer nicht, wenn ich nur draufhaue oder versuche, besonders hart zu sein“, sagt Funkel. Heute würden die Spieler öfter nach Erklärungen verlangen, etwa warum sie nicht spielen. „Für mich ist das kein Problem, ich begründe und erkläre meine Entscheidungen gern“, sagt Funkel.

Dass die Kollegen an der Seitenlinie zum Teil immer jünger werden, begrüßt er. „Ich finde es gut, dass viele heute die Chance bekommen, in jungen Jahren schon eine Profimannschaft führen zu können. Ich selbst bin auch mit 37 Trainer geworden und konnte so im Laufe der Zeit viel Erfahrung sammeln.“ Erfahrung, die ihm heute hilft. Was es braucht, um aufzusteigen? „Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten“, sagt Funkel. Davon hat seine Mannschaft derzeit mehr als genug.