1. FC Union

Polter wandelt auf den Spuren von Mattuschka

Unions Polter wird zum wichtigsten Faktor im Aufstiegsrennen – und entwickelt sich immer mehr zur Identifikationsfigur der Köpenicker.

Sebastian Polter und die Erlösung nach seinem Siegtreffer gegen St. Pauli

Sebastian Polter und die Erlösung nach seinem Siegtreffer gegen St. Pauli

Foto: dpa Picture-Alliance / Annegret Hilse / picture alliance / Annegret Hils

Berlin.  Ein Lied haben sie ihm gewidmet und es im Stadion auch immer wieder lauthals gesungen. Über den besten Mann, der kann, was keiner kann. Wenn es einen Fußballer gibt, der untrennbar mit dem 1. FC Union verbunden ist, dann ist es Torsten Mattuschka. Kapitän, Freistoßspezialist, Derbyheld – mehr Identifikationsfigur ging nicht beim Zweitligisten.

Ein Lied haben sie Unions derzeit wichtigstem Mann noch nicht geschrieben, vielleicht auch deshalb, weil in seinem Namen eine Silbe mehr zu finden ist. Dabei ist Sebastian Polter gerade dabei, zu jenem Imageträger zu werden, der Mattuschka neun Jahre für die Köpenicker gewesen ist.

Mit unermüdlichem Einsatz und gefühlt dem einen oder anderen Kilogramm zu viel auf den Rippen verkörperte "Tusche" wie kein anderer die Malochermentalität des Klubs, Umkleidecontainer und Bratwurstduft im Stadion inbegriffen. Das "alte" Union trug seinen Namen. Das "neue" Union, jenes, das die Bundesliga im Blick hat, den Sebastian Polters.

Vier Zähler Abstand zu den Aufstiegsplätzen

So sitzt der 26-Jährige also frisch geduscht nach dem Training am Tag nach dem glücklichen 1:0 gegen St. Pauli entspannt vor einem und stellt fest: "Wenn wir unseren eigenen Stiefel spielen, sind wir schwer zu schlagen."

Der Sprung auf Rang drei? Nicht wichtig zu diesemZeitpunkt , da der Abstand zu Spitzenreiter Fortuna Düsseldorf (2:2 gegen Heidenheim) sich auf fünf Punkte verringert, der auf den Zweiten Holstein Kiel (3:0 gegen Dresden) mit vier Zählern gleich geblieben ist – und der 1. FC Nürnberg am Montag gegen Ingolstadt wieder an Union vorbeiziehen kann.

"Ich glaube, dass wir so sehr gut fahren, selbst wenn nach zuletzt 16 von 18 möglichen Punkten nun jeder etwas von uns erwartet", erklärt Polter: "Auch wenn es vielleicht nur eine Floskel ist, aber wir leben das vor in der Mannschaft."

"Ich war immer hellwach"

Immer wieder spricht er vom Glauben an eigene Stärken, daran, "dass wir Spiele auch spät gewinnen können", so wie am Sonnabend, und nicht nur Punkte verlieren, wie schon häufig in dieser Saison.

Es fallen Worte wie Überzeugung, "zu wissen, dass ich immer ein Tor machen kann", so wie in der Nachspielzeit gegen St. Pauli, auch wenn Polter zuvor praktisch abgemeldet war. "Ich habe kein gutes Spiel gemacht, aber ich war immer hellwach." Als Fußballprofi werde man dafür bezahlt.

Seine Torquote bei Union kann sich sehen lassen: sieben Treffer in 13 Spielen, davor sieben Tore in 13 Rückrundenspielen 2016/17 sowie 14 Treffer in 29 Partien 2014/15. Polters Erfolgsgeheimnis ausschließlich auf die Formel zwei Spiele, ein Tor zu reduzieren, greift jedoch zu kurz.

Lob für die Spieler in der zweiten Reihe

Rückblick: 11. Januar 2017, Flughafen Alicante – Polter wird von zahlreichen Union-Fans fast schon wie ein Messias empfangen, als er, gerade von den Queens Park Rangers verpflichtet, ins Trainingslager nachreist. Er selbst nannte es eine Heimkehr. Die Zuneigung der Anhänger ist ein Phänomen, wie es auch Mattuschka erfahren hatte. Weil auch Polter kann, was wenige können: Leute mitreißen, auf dem Platz und auch außerhalb. Und weil er selbst den Teamgedanken über alles stellt.

Sich feiern lassen für das späte Siegtor gegen St. Pauli? Polter bricht eher eine Lanze für die Reservisten: "Da muss man mal ein Lob aussprechen an alle, die hinten dran sind, einfach die Situation so annehmen und das Team immer in den Vordergrund stellen." Philipp Hosiner, Polters Konkurrent im Sturm, wird namentlich erwähnt. "Meine Tore sind auch irgendwo ein bisschen Anerkennung für ihn, weil er im Training immer Vollgas gibt", verdeutlicht Polter, wie förderlich Konkurrenz sein kann.

Solch ein Lob von den Stammspielern habe vorige Saison in der Endphase, als die Aufstiegschance verspielt wurde, "so ein bisschen gefehlt. Wir Stammspieler, die Truppe im allgemeinen, hat zu wenig zusammengehalten. Das kann am Ende der Saison auch noch mal Siege bringen, wenn du frische Spieler bringen kannst und jeder weiß: Der, der neben die steht, gibt hundert Prozent, ohne jemanden abzuwerten." Einer Einstellung, mit der Mannschaften schon Weltmeister wurden.

1,6 Millionen Euro Ablöse, Vertrag bis Sommer 2020

Bei Union soll es "nur" für die Bundesliga reichen. Polter, Rekordtransfer mit 1,6 Millionen Euro und bei Union mit einem Vertrag bis 2020 ausgestattet, ist sich seiner Verantwortung für dieses Unternehmen bewusst: "Erwartungen sind normal im Fußball, Druck gibt es für mich nicht. Dass ein Verein, der viel Geld für dich bezahlt hat, Erwartungen an dich hat, und du dieses Vertrauen irgendwie zurückgeben musst, sehe ich eher positiv."

Man nimmt Polter die Dankbarkeit ab, wieder nach Deutschland zurückkehren zu können, weil er aus privaten Gründen seinen Traum vom Profidasein in England unterbrechen wollte. "Es ist ja auch eine Wertschätzung des Vereins, der dich verpflichtet hat. Das versuche ich mit meiner Art, Fußball zu spielen, aber auch außerhalb des Platzes zurückzugeben."

Getreu seiner Maxime, "jedes einzelne Ego hinten anzustellen, dann werden wir auch Erfolg haben".

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