Viel, so hat es den Anschein, gibt es nicht, was Felix Kroos noch überraschen könnte. Der Mittelfeldspieler wirkt abgeklärt, das gilt für zahlreiche seiner Aktionen sowohl auf dem Platz als auch außerhalb. Der 1. FC Union hat ihn dann doch erstaunt.
Der Berliner Fußball-Zweitligist sei „ein ambitionierter Verein mit großer Tradition, super Fans und Umfeld. Ich war positiv überrascht, das hätte ich so nicht erwartet, als ich hierhergekommen bin, das muss ich zugeben.“ Auch heute noch, da er das „Probehalbjahr“ erfolgreich absolviert, sich von Werder Bremen endgültig gelöst und einen Dreijahresvertrag bei den Köpenickern unterschrieben hat.
Union und Felix Kroos – das klingt nach mehr als nur Zweite Liga. „Klar ist die Bundesliga mein Ziel, auch das des Vereins, aber den genauen Zeitpunkt kann man nicht planen“, sagte Kroos: „Sicher sind wir optimistisch, ich sage aber nicht, dass wir jetzt aufsteigen müssen. Es ist Quatsch, sich diesen Druck vor der Saison aufzuerlegen. Wir wollen oben mitspielen und vor allem gut in die Saison starten.“ Ob dieser Start am 6. August beim VfL Bochum gelingt, hängt nicht zuletzt von ihm selbst ab. Nach gut vier Wochen Vorbereitung bliebt jedenfalls festzuhalten: Unions Motor stottert noch.
Ein Biostatiker hat ihn neu eingestellt
Geduld ist das, was er sich vom Umfeld erhofft und von seinem Trainer Jens Keller auch bekommt. Der Union-Coach machte in den Tagen des Trainingslagers in Kärnten deutlich, dass Kroos „schon ein wichtiger Spieler ist. Er besitzt ein gutes Passspiel und hat ein gutes Auge. Er ist fußballerisch stark und wird im Mittelfeld eine wichtige Rolle spielen.“
Um diese auch zu hundert Prozent ausfüllen zu können, war er einen Tag später nach Villach nachgereist, um sich in München vom Biostatiker Ralph Frank „neu einstellen“ zu lassen: „Ich war schon vor drei Jahren nach einer Knieverletzung bei ihm und habe gute Erfahrungen gemacht. Bei mir ist das Becken immer ein bisschen verschoben“, erklärte Kroos einen Grund für jene Probleme mit seiner Muskulatur, die ihn immer wieder zu Pausen zwingen.
Entsprechend vorsichtig war der Start in die heiße Phase der Vorbereitung. Während seine Teamkollegen sich dem neuen Trainer beim Einstudieren von Spielformen bereits präsentieren konnten, drehte Kroos auf einem Nebenplatz seine Runden, absolvierte Passübungen, schoss allein auf das Tor. Immer wieder huschte der Blick dabei hinüber zu den anderen. Und trotz allen Wissens, dass er mehr Zeit benötigt, war der Frust kaum zu übersehen. „Es nervt dann irgendwann, wenn man nicht das volle Programm mitmachen kann“, verdeutlichte Kroos.
Pause statt Testspiel in Fürstenwalde
Erst als er wieder mittendrin war statt nur dabei, blitzte auch jene Leichtigkeit immer wieder auf, die seinem Spiel innewohnt, wenn der Ball scheinbar wie von selbst seinen Fuß verlässt und den Weg durch zwei, drei Gegenspieler hindurch trotzdem den eigenen Mann findet. Leichtigkeit, die ihm schnell als Lässigkeit ausgelegt wird, sollte der Pass doch sein Ziel verfehlen.
Beim Test am Sonnabend in Cottbus (1:1) trat Kroos Ecke um Ecke, um dieses Ballgefühl, das der Familie Kroos offenbar in die Wiege gelegt worden ist und das sein Bruder Toni bei Real Madrid und im deutschen Nationalteam in die ganze Welt hinaus getragen hat, zu verfeinern.
„Wir müssen jetzt schauen, dass wir die Jungs fit bekommen“, sagte Trainer Keller. Das gilt im Besonderen für Kroos. Dass er beim 3:0 (3:0) am Dienstagabend im Test bei Union Fürstenwalde (Tore: Maximilian Thiel/2, Damir Kreilach) eine Pause bekam, passt ins Bild.
Beste Leistung im Zentrum des Spiels
Die Akribie, mit der Felix Kroos an seiner vollen Leistungsstärke arbeitet, hat zwei Gründe. Zum einen will der Techniker „einfach Leistungsträger sein und Verantwortung übernehmen. Ich denke, das kann ich mit meiner Erfahrung und meiner Qualität. Dafür muss ich konstanter werden. Wenn ich gesund bleibe, denke ich, dass ich das auch hinbekommen werde.“ Dies muss nicht unbedingt im defensiven Mittelfeld sein wie gegen Cottbus, „es kann auch offensiver sein. Ich denke aber schon, dass ich im Zentrum meine beste Leistung bringen kann. Das weiß der Trainer auch.“
Zum anderen ist Kroos mit seinen 25 Jahren in einem Alter, in dem andere sich schon Weltmeister nennen dürfen, er selbst jedoch dem Status des gestandenen Erstligaspielers immer noch hinterherläuft.
Gut möglich, dass ihm Kellers Spielidee, die viel auf Pressing und Gegenpressing beruht, dabei entgegenkommt. „Es ist wichtig, dass ein Trainer eine klare Idee hat. Und die ist eindeutig zu erkennen“, sagte Kroos. Und „natürlich kann mich das auch weiterbringen, wenn ich nach Balleroberungen gleich den entscheidenden Pass spielen kann. Ich solche Situationen will ich kommen.“


