Zweite Liga

Union zeigt sich ganz und gar im Zeichen der Sieben

Beim 2:1 des 1. FC Union gegen den VfL Bochum steht die Unterstützung für Benjamin Köhler im Vordergrund. Der war im Stadion und sah viele bewegende Aktionen von Mannschaft und Fans.

Foto: Oliver Mehlis / dpa

Als die Nachspielzeit abgelaufen und der Sieg perfekt war, bekamen die Spieler des 1. FC Union ein Transparent gereicht. „Eisern bleiben Benny!“ stand darauf. Oben auf der Tribüne vernahm Benjamin Köhler diesen letzten großen Gruß des Tages, mit einer Hand wischte er die Tränen beiseite. „Es war sehr ergreifend“, berichtete Toni Leistner. Der gesperrte Verteidiger des Berliner Zweitligisten saß neben Köhler, von dem seit Mittwoch bekannt ist, dass er an Lymphdrüsenkrebs leidet. Trotzdem war der Mittelfeldspieler der Köpenicker ins Stadion gekommen, wollte bei der ersten Partie nach der Winterpause dabei sein. Natürlich tat ihm das 2:1 (0:1) gegen den VfL Bochum auch gut, noch viel mehr aber die vielen Gesten von Fans und Klub, die Köhler in einer sehr schweren Zeit helfen sollen.

Neben Präsident Dirk Zingler verfolgte Köhler die Partie gemeinsam mit Frau und Sohn. Und schon bei der Vorstellung der Berliner Fußballspieler wurde es emotional. Aus dem Fan-Forum der Köpenicker kam die Idee, beim Vorlesen der Aufstellung statt der Namen aller Profis dieses Mal etwas zu variieren. So wurde aus Torwart Daniel Haas eben Daniel Köhler, aus Christopher Trimmel halt Christopher Köhler. Alle Spieler hießen an diesem Tage Köhler, intoniert von fast 19.000 Union-Fans. „Was hier abgegangen ist, zeigt die Wichtigkeit dieser Dinge. Es ist nicht immer nur der Fußball, die drei Punkte“, sagte Trainer Norbert Düwel. Natürlich freute er sich trotzdem über die drei Zähler.

Abwehrspieler Trimmel beschrieb nach der Partie noch einmal die Gefühlslage in der Mannschaft, nachdem sie am Mittwoch die Information über Köhlers Erkrankung erhalten hatte. Er sprach von einem „Schockmoment“. Die Reaktionen der Spieler und des Klubs ordnete Trainer Düwel als „zwischenmenschliche Champions League“ ein. Köhlers im Sommer auslaufender Vertrag wurde verlängert, die Partie gegen Bochum wurde von allem zu einem Spiel im Zeichen der Sieben erhoben. Das ist Köhlers Rückennummer.

Tränen auf der Tribüne

Sie spielte eine zentrale Rolle. Als die siebte Minute der Partie lief, ertönte ein Gong im Stadion an der Alten Försterei. Plötzlich rannten alle Union-Profis zur Seitenlinie vor der Haupttribüne, von der Bank kam der Rest des Teams dazu. Sie streiften ihre Trikots ab und zum Vorschein kam ein weißes T-Shirt mit der roten Aufschrift: „Gemeinsam kämpfen!“ Zwischen den Worten leuchtete eine große Sieben. Auf der Tribüne hielten Fans ein Plakat hoch. „7 – eine Zahl für Zuversicht und Glück. Kämpfe Benny und komm zurück“ stand drauf. Oben rieb sich Köhler die Augen. „Ich habe bei ihm Tränen gesehen, bei seiner Frau und auch mir sind welche gekommen“, so Leistner.

Vom Schiedsrichter kam Applaus für die Aktion. Theoretisch hätte er auch allen Gelb zeigen können für das Ausziehen des Trikots. „Das war es uns wert“, sagte der Trainer. Eingeweiht hatten die Berliner den Schiedsrichter nicht, Michael Weiner (Giesen) reagierte aber menschlich. Auch die Bochumer Profis applaudierten. „Das Spiel war nicht ganz einfach. Wir wollten, dass Benny sieht, wie wir zu ihm stehen“, sagte Trimmel. Ablenken ließ sich die Mannschaft von den bewegenden Umständen jedoch nicht.

Kobylanski gleich aus

Zwar konnten die Berliner in der ersten Halbzeit ihr Spiel nicht richtig durchsetzen. Sie agierten mit einer guten Ordnung, aber ohne große Entschlossenheit nach vorn. Da Bochum nur das Nötigste tat, blieb die erste Hälfte spielerisch relativ ereignisarm. Nach einer Ecke allerdings hatte Selim Gündüz mit einem genauen Flachschuss aus 18 Metern für Unions Rückstand gesorgt (32.).

Noch kurz vor der Pause beorderte der Trainer Sören Brandy aus dem linken Mittelfeld in die Spitze und zog Steven Skrzybski von dort zurück auf links. Der Positionstausch zahlte sich ebenso aus wie der Halbzeitwechsel von Christoph Quiring zu Martin Kobylanski auf der rechten Außenbahn. Union ging mit einer anderen Körpersprache in die zweite Hälfte. Brandy passte schließlich aus der Spitze in den Rücken der Abwehr auf Kapitän Damir Kreilach, der legte nach rechts zu Kobylanski, von wo aus der Deutsch-Pole den Ball wunderbar hoch ins linke Eck schlenzte und sein erstes Tor für Union erzielte (50.).

Kapitän Kreilach trifft zum 2:1

Mit dem Ausgleich entwickelte Union mehr Druck, ließ es gegen die nun sehr passiven Bochumer aber bald an Präzision fehlen und spielte die Angriffe selten gut aus. Erst zum Ende hin brachten die leidenschaftlichen Berliner wieder mehr Konzentration in ihr Spiel. Kobylanski lupfte den Ball in den Strafraum, wo Kreilach zum Schuss kam und den Siegtreffer erzielte (86.). „Wir haben Charakter und Moral gezeigt, weil wir wieder ein Spiel gedreht haben“, sagte der Kapitän, der nach seinem Treffer gemeinsam mit den Kollegen an die Seitenlinie lief und hoch auf jene Tribüne schaute, auf der Köhler saß.

Ihm widmete die Mannschaft den Sieg. Kreilach sagte sogar, Union spiele jetzt „jedes Spiel für Benjamin Köhler. Wir wünschen ihm viel Kraft und Besserung“. Kobylanski zeigte sich wie alle zuversichtlich, dass Köhler irgendwann zurückkehren wird. „Er hat jetzt seinen größten Zweikampf vor sich“, so der Mittelfeldspieler. Am Sonnabendmittag im Stadion an der Alten Försterei sah Benjamin Köhler mit Tränen in den Augen, wie viel Unterstützung ihm dabei zuteil wird.