Zweite Liga

Union und das neue Wir-Gefühl in Köpenick

Mit einer auffälligen Gelassenheit geht der Zweitligist in das Spiel gegen den VfL Bochum. Trainer und Mannschaft des 1. FC Union sind sich viel näher als in der Hinrunde. Das soll man auch sehen.

Foto: Oliver Mehlis / dpa/PA

Gelassen steht er da, immer ein kleines Lächeln im Ansatz. Dieser Mann fühlt sich wohl, das lässt sich schnell erkennen. Nur die Situation um den schwer erkrankten Benjamin Köhler kann Norbert Düwels Gesicht kurz mit einem traurigen Ernst überlagern. Ansonsten vermittelt der Trainer des 1. FC Union eine ganze Menge Freude. So wie jemand, der kaum erwarten kann, dass es endlich wieder losgeht.

Am Sonnabend ist es soweit, 13 Uhr, Alte Försterei, in Köpenick rollt der Zweitligafußball nach der Winterpause wieder, Bochum ist der Gegner. Aber wer kommt, ist eigentlich unwichtig. Düwel strahlt Zuversicht aus. Das tat er vor einem halben Jahr auch, aber anders. Damals begleitete ihn die Hoffnung, bei seinem neuen Verein auf dem richtigen Weg zu sein. Diesmal agiert er wie jemand, der auf alles vorbereitet ist, der weiß, dass er nur gewinnen kann. „Ich gehe persönlich mit einem sehr guten Gefühl in die Rückrunde“, sagt der Trainer. Alle Baustellen der Hinrunde sind weitgehend abgearbeitet. Jetzt geht es richtig los, so könnte man Düwel verstehen.

Problemfelder hatten sich für den Trainer im ersten halben Jahr in Köpenick genug eröffnet. Bockige Klub-Ikonen, über Jahre verinnerlichte und verkrustete Spielstrukturen, Fehleinschätzungen bezüglich charakterlich nicht integrer Profis. Ziemlich viel auf einmal und nicht mal eben so zu lösen. Nach einer Ergebniskrise, die auf den letzten Platz führte, traten erste Zeichen der Besserung schon vor dem Winter auf. „Im Verlauf der Hinrunde hat die Mannschaft in den letzten Spielen eine gute Entwicklung gezeigt. Diese Entwicklung ist ein ganz wichtiger Punkt“, sagt Düwel. Das bestätigte ihm, dass die Spieler langsam anfangen zu verstehen. In der Pause beschleunigte sich dieser Prozess nun noch einmal.

Kleinerer Kader macht die Arbeit einfacher

An den Testspielen ließ sich das nicht immer ablesen. Die waren „durchwachsen, teilweise unbefriedigend“, aber damit natürlich auch lehrreich. Insgesamt verlief die Vorbereitung jedoch ordentlich und sehr konzentriert – und unter etwas anderen Bedingungen als im Sommer. „Das war jetzt eine ausgesprochen zielorientierte Arbeit, mit einem ganz anderen Kader“, so Düwel. Seine erste lange Präparation ging der Übungsleiter mit gut 30 Spielern an. Nun sind Problemprofis wie Adam Nemec und Baris Özbek, aber auch Martin Dausch im Winter gewechselt. Das Kader wurde letztlich um etwa 25 Prozent verringert. „Die Spieler, die jetzt hier sind, sind deutlich bewusster. Sie verstehen besser, was wir als Trainerteam von ihnen verlangen“, so Norbert Düwel: „Das macht das Arbeiten natürlich deutlich einfacher.“ Sorge, dass der Kader durch den Ausfall von Köhler oder die erfolglose Suche nach einem weiteren Linksverteidiger – auf dieser Position ist Michael Parensen Alleinunterhalter – zu klein sein könnte, teilt der Trainer nicht.

Einen langen Anlauf wie in der ersten Saisonhälfte sollte die Mannschaft also nicht mehr brauchen. Die Gefahr von Missverständnissen, wie sie anfangs auftraten im Verständnis von Trainer und Team, ist minimiert. Alle kennen sich gut mittlerweile. Die Köpfe der Spieler sind auch nicht mehr mit Vorgänger-Fußball verstopft. Aufbauend darauf „bin ich optimistisch, dass diese Entwicklung weitergeht“, so der Coach. Die Fortschritte sollen in den nächsten Wochen sichtbar werden. Im Umkehrspiel sind die ja schon eingetreten, jetzt muss das Defensivverhalten optimiert werden. Ebenso die Torausbeute. Torschüsse wurden im Trainingslager in Sotogrande reichlich geübt.

Taktische Flexibilität ist wichtig

In Spanien ergab sich auch ein anderes Bild bezüglich des Umgangs von Düwel mit der Mannschaft. Während sich zuvor unter Uwe Neuhaus alles um ein festes Gebilde aus fünf, sechs Profis gruppierte, was letztlich eine gewisse Ausrechenbarkeit mit sich brachte, ist Düwels Elf eine 14 oder gar 15. Soll heißen: Der 47-Jährige bedient sich aus einem Pool an Spielern, aus dem er seine taktische Formation dem jeweiligen Spiel und Gegner anpasst. Düwel nimmt die Optionen, die er hat, an und baut sie viel variabler als sein Vorgänger zu einem Team zusammen.

„Es ist wichtig, taktisch flexibel zu sein. Ich denke, es ist nicht mehr sinnvoll, nur mit einem System die gesamte Saison über zu agieren“, erklärt Düwel. Wie es nun einmal ist im Verlaufe einer Spielzeit, in der Verletzungen und auch Formschwankungen ständige Begleiter sind. „Da muss man schon gewappnet sein, um das Ganze mit anderen Spielsystemen kompensieren zu können“, sagt der Trainer. Oder mit Profis, die nicht auf ihren angestammten oder Lieblingspositionen spielen.

Bei den Spielern kommt diese Flexibilität an. „Jeder Spieler ist aufgefordert, sich neu zu positionieren im Team“, sagt Michael Parensen. Für den Verteidiger ist dieser Prozess in dem turbulenten ersten halben Jahr unter Düwel gut in Fahrt gekommen. „Viele Spieler bringen sich viel mehr ein. Es ist nicht wie in den vergangenen Jahren, als sich wenige Spieler sehr viel eingebracht haben.“

Großes Vertrauen ins Team

Dieses neue Gemeinschaftsgefühl soll jetzt erst einmal dazu beitragen, dass schnell die Weichen gestellt werden können. „Wir wollen möglichst früh die Situation so klären, dass wir mit dem Abstiegskampf nicht zu tun haben. Das ist oberste Prämisse“, sagt Düwel, der neben Köhler auf Verteidiger Toni Leistner (Gelb-Rot-Sperre) sowie Mittelfeldspieler Maximilian Thiel (Schulteroperation) verzichten muss.

So, wie der Trainer sich in den Tagen vor dem Spiel gab, sah er nicht danach aus, als würde es ihm auch nur ansatzweise Bedenken bereiten, dass er nicht sein komplettes Personal zur Verfügung hat. Sein Vertrauen in die Truppe ist offenbar groß, gerade so, als würde er schon sicher wissen, dass viel mehr in der Mannschaft steckt, als viele erwarten würden. Düwels kleines, aber sehr souveränes Lächeln, das er zuletzt mit sich trug, ließe sich so deuten.