Zweite Liga

Düwel - „Ich will mit Union bei der Bundesliga anklopfen“

Zum Ende des Trainingslagers spricht Trainer Norbert Düwel in der Morgenpost über seine turbulente Hinrunde mit dem 1. FC Union und über seine Aussichten mit dem Fußballklub aus Köpenick.

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Den Zeitplan hat Norbert Düwel eng gesteckt. Zwei bis drei Übungseinheiten waren pro Tag angesetzt, dazu die beiden Testspiele gegen den FC Luzern (0:1) und Bulgariens Meister Rasgrad am Sonntag. Dazwischen stehen im Trainingslager an der spanischen Mittelmeerküste Einzelgespräche mit allen Spielern auf dem Programm. Akribisch bereitet der Trainer des 1. FC Union die Mannschaft des Berliner Zweitligisten in Sotogrande nahe Malaga auf die restlichen 15 Saisonspiele vor. Die Berliner Morgenpost sprach mit dem 47-Jährigen über sein turbulentes erstes Halbjahr bei den Köpenickern.

Berliner Morgenpost: Herr Düwel, wann schmeißen Sie Ihren Job beim 1. FC Union hin?

Norbert Düwel: (lacht) Interessante Frage, damit habe ich mich noch nicht beschäftigt.

Viel mehr kann man in einem halben Jahr als Trainer bei einem Verein ja nicht erleben: Komplette Umstellung des Spielsystems, Degradierung einer Klub-Ikone, Sturz auf den letzten Platz, „Düwel raus“-Rufe, „Stinkefinger“-Affäre...

Es ist tatsächlich viel passiert. Aber der Verein hat bewusst den Schritt gemacht, um Dinge, die lange Zeit sehr gut, zum Schluss aber nicht mehr ganz so gut funktioniert haben, zu verändern. Solche Veränderungen gehen nicht einfach so über die Bühne. Dass es dann so turbulent wird, war schon ein bisschen überraschend. Aber nicht in dem Maße, dass es mich umgehauen hätte. Es war vielmehr Motivation, alles noch bewusster und konsequenter anzugehen.

Inwieweit waren Sie auf diese Turbulenzen vorbereitet?

Ich komme ja von einem Bundesligaverein, da ist auch nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen gewesen. Wir haben mit Hannover gegen den Abstieg gespielt und ihn erst am letzten Spieltag verhindert. Das war für den Verein, für die ganze Stadt eine unglaubliche nervliche Anspannung, das kann man sich kaum vorstellen. Dann das gewaltige Trauma durch den Tod von Robert Enke (nahm sich 2009 das Leben, d.Red.). Schließlich die Spiele in der Europa League als totales Hoch – ich bin einiges gewohnt. Obwohl ich denke, dass hier in den ersten Wochen einiges überzogen war.

Da fällt einem sofort Torsten Mattuschka ein. Haben Sie die Wirkung dieser Personalie unterschätzt, die dann in der „Flucht“ Mattuschkas nach Cottbus mündete?

Ich habe das ja so nicht so geplant. Die Dinge haben sich so entwickelt. Ich habe irgendwann gesehen, dass ich Damir Kreilach als Kapitän haben möchte, den ich in dieser Funktion auch anders sehe als Tusche vorher. Er ist Vorbild und allein durch seine Art auch in der Lage, der Mannschaft Impulse zu geben. Ich wollte auch, dass es mehrere Personen gibt, die in der Verantwortung stehen, nicht nur Mattuschka. Und ich hatte mir das gut überlegt und nicht nur so zum Spaß ausgedacht. Dass Mattuschka diese Situation für sich so nicht annehmen wollte, davon bin ich nicht ausgegangen. Und es war zwischen uns auch anders besprochen. Deshalb war ich schon überrascht, dass es zu dieser „Flucht“ kam.

War dieses Thema vielleicht ein Grund für die Talfahrt in den ersten Wochen?

Da hat sicherlich mitgewirkt, keine Frage. Wir hatten ja eine gute Vorbereitung hinter uns mit guten Ergebnissen in den Testspielen. Aber die Leistungen der Mannschaft standen dann nicht mehr im Vordergrund. Es ging immer nur um Torsten Mattuschka. Spielt er oder nicht, ist er Kapitän oder nicht. Das war in dieser Umbruchsituation nicht förderlich. Und es hat seine Zeit gedauert, bis das aufgearbeitet war.

Gab es für Sie irgendwann einen Zeitpunkt in dieser Phase, wo Sie gedacht haben: Das geht schief hier bei Union? Gab es Zweifel?

Zweifel gab es nicht. Ich habe einen starken Verein und einen starken Präsidenten hinter mir. Das habe ich gewusst. Natürlich habe ich auch in dieser Zeit meine Arbeit reflektiert. Dabei sind mir schon ein paar Dinge aufgefallen, an denen wir dann gezielt gearbeitet haben. Zum Beispiel das Kurztrainingslager in Kienbaum. Wir haben das gemacht, um den Kader noch mal zu verkleinern und die Mannschaft enger zusammenzubringen. Das hat mit dazu geführt, dass alles mehr ins Rollen gekommen ist.

Welche Fehler haben Sie in diesen ersten Wochen gemacht?

(überlegt) Ich glaube schon, dass die Dreierabwehrkette ein Thema gewesen ist. Ich sehe sie nach wie vor als gute Möglichkeit an, und sie ist auch noch nicht vom Tisch, weil ich glaube, dass wir eine sehr gute Mannschaft haben für dieses System. Vielleicht hätte ich aufgrund der schlechten Startbilanz schneller auf ein für die Mannschaft stabileres System umstellen sollen, um ihr mehr Sicherheit zu geben. Andererseits war die Dreierkette auch den personellen Umständen geschuldet: Michael Parensen, der als Linksverteidiger vorgesehen war, stand erst relativ spät zur Verfügung.

Stichwort Fehler: Sie reagieren immer sehr emotional, wenn ihre Spieler Fehler machen während einer Partie. Sind Sie ein emotionaler Mensch?

Ich glaube schon, dass ich emotional bin. Beim Fußball natürlich besonders, weil man extrem unter Strom steht. Da wird alles noch einmal potenziert.

Sie sitzen dann auch nach einer Niederlage noch daheim und ärgern sich bei einer Flasche Rotwein, oder wie muss man sich das bei Ihnen vorstellen?

Das kommt auf die Art der Niederlage an. Mich beschäftigen vor allem die Spiele lange, in denen wir noch etwas aus der Hand gegeben haben. Wie das 3:3 in Ingolstadt oder das 0:1 in Düsseldorf zum Beispiel, wo wir kurz vor Schluss noch einen Treffer kassiert haben. Es ärgert mich dann kolossal, wenn wir aufgrund von Nachlässigkeiten oder Fehlern, die wir schon besprochen haben, Punkte abgeben. Meine Familie bringt mich dann auf andere Gedanken.

Wie schalten Sie ansonsten ab vom Fußball und tanken wieder auf?

Dafür ist Berlin natürlich perfekt. Meine Frau ist ja gebürtige Berlinerin, und da lerne ich jetzt Gegenden kennen, die man vorher nicht auf dem Schirm hatte. Orte auch im Umland, die nicht unbedingt im Reiseführer stehen – da kann ich gut abschalten.

Wie kommen Sie als Oberbayer eigentlich mit der Berliner Mentalität zurecht?

Bei uns würde man sagen: Der Berliner ist ein wenig grantelig. Das sagt man uns Bayern ja auch nach. Insofern fühle ich mich schon sehr wohl. Wenn ich sehe, wie viele Fans hier mit ins Trainingslager gekommen sind, das finde ich super. Das ist auch etwas Emotionales und gefällt mir natürlich. Allein der Empfang am Flughafen war sensationell.

Haben Sie eine derartige Verbundenheit zu einem Verein schon einmal erlebt?

Ja, bei Manchester United. Für die Menschen dort ist ihr Verein wie eine Art Religion, ähnlich wie bei Union. Dieses zeigt sich in guten, aber auch in schlechteren Zeiten durch Zusammenhalt und Stärke: Einmal Mitglied, immer Mitglied dieser Familie.

Nur von den Fans feiern lassen wollen Sie sich auf der Ehrenrunde nach einem Sieg nicht.

Ein Stückchen gehe ich ja mit. Aber es entspricht nicht meiner Mentalität, mich abfeiern zu lassen. Die Spieler haben es sich verdient und 90 Minuten alles dafür getan. Dass ich nicht mitgehe, hat aber nichts damit zu tun, dass ich die Zuschauer nicht respektiere. Im Gegenteil, ich bin sehr dankbar für die Unterstützung.

Sie haben ja nicht nur bei Manchester United, sondern auch bei Bayern München, Inter Mailand oder Schalke 04 gearbeitet, alles Klubs, die für die große Fußballwelt stehen.

Union ist auch ein großer Verein...

...der aber stark auf Bodenständigkeit setzt, ohne den großen Player zu spielen. Wie passt das zusammen?

Da ist viel Understatement dabei. Aber Union ist eine starke Marke und braucht sich hinter niemandem zu verstecken. Hier ist vieles auf einem Topniveau, angefangen bei den Fans bis hin zum Präsidium. Bis auf die Spielklasse, in der Union spielt. Hier ist einiges schon erste Liga, nur die Spielklasse noch nicht.

Und wann zieht der 1. FC Union sportlich nach und spielt dann auch tatsächlich in der Bundesliga?

Ich bin so ehrgeizig zu sagen, dass ich mit Union mal an die Tür zur Bundesliga klopfen möchte. Dafür müssen wir diese Saison vernünftig über die Bühne bringen. Wichtig ist dann, die richtigen Weichen im gesamten Verein zu stellen, damit es in der nächsten oder übernächsten Saison – so lange habe ich ja noch Vertrag – reicht, um anklopfen zu können. Ob es wirklich gelingt, liegt dann oft an Nuancen. Das hat man erst wieder bei Greuther Fürth in der vergangenen Saison gesehen (in der Relegation am Hamburger SV gescheitert, d.Red.).

Was macht das große Ziel Bundesliga für Sie so einzigartig?

Die Bundesliga ist eine absolute Premiummarke und boomt nach wie vor. Sie ist besser als die Ligen in Spanien, Italien oder auch England, weil die Rahmenbedingungen die besten sind. Das fängt schon bei den Stadien an. In anderen Ländern ist da die Zeit stehen geblieben. Dann die Vermarktung, die Außendarstellung, das ist einfach top.