„Gut gemacht, Bryan.“ Soeben hatte Youngster Bryan Henning einen Schuss aus 20 Metern mit Hilfe des Pfostens ins Tor gedroschen. Daniel Haas konnte nur hinterherschauen und loben. „Das ist für die jungen Spieler enorm wichtig“, sagt der Torwart der 1. FC Union. Nicht, dass sich die Nummer eins des Berliner Fußball-Zweitligisten über einen Gegentreffer freuen würde, selbst im Trainingslager im spanischen Sotogrande nicht. Zur Ehrenrettung sei gesagt: Die Sonne stand tief und schien ihm mitten ins Gesicht.

Wenige Stunden später, nach einem guten Mittagsessen, kann Haas darüber lachen. Er hat gute Laune. „Die habe ich immer“, sagt er entspannt. Immer? Auch vor einem Vierteljahr, als er auf der Bank schmoren musste, weil Konkurrent Mohamed Amsif von Trainer Norbert Düwel bevorzugt wurde? „Na, gute Laune vielleicht nicht, aber ich habe auch nicht weinerlich in der Ecke gesessen. Mit 18, 19 hätte ich mir vielleicht einen Kopf gemacht und mich runterziehen lassen. Aber mit 31 sieht man die Situation entspannter. Ich weiß jetzt, dass man daraus auch positive Energie ziehen kann“, erklärt der Keeper.

Genau das hat Haas getan. Eine Schippe draufgelegt. Sein Torwartspiel, das er zwei Jahre lang praktisch ohne große Konkurrenz zeigen konnte, hinterfragt. In Kleinigkeiten verändert, ohne sich selbst zu verleugnen. „Ich bin kein Typ, der auf dem Platz groß rumschreit. Das würde aufgesetzt wirken und mir wahrscheinlich auch niemand abkaufen“, sagt Haas: „Aber vielleicht traue ich mir jetzt mehr zu als zuvor. Ich merke, dass ich bei bestimmten Situationen auf dem Platz anders reagiere. Wenn es das bewirkt hat, dann hatte es sein Gutes.“ Es, damit meint Haas nicht zuletzt die Verpflichtung von Amsif im Sommer, die ihm das Reservisten-Intermezzo bescherte.

Kein Zweikampf mit dem Vorgänger

Es war das erste Mal, dass sich der Keeper bei Union einer echten Konkurrenzsituation ausgesetzt sah. In den beiden Spielzeiten von 2012 bis 2014 hatte er seinen Status unter Uwe Neuhaus sicher. Der Ex-Trainer hatte Haas als definitive Nummer eins installiert, ein Zweikampf mit seinem Vorgänger als Stammkeeper, Jan Glinker, hatte nie stattgefunden. Die Folge: Haas’ Torwartspiel stagnierte.

Erst der Druck durch den Konkurrenten – oder zuvor auch durch Unions Zögern, bis es im Frühjahr doch zur Verlängerung des Vertrages bis 2016 kam – gab Haas den entscheidenden Impuls. Ähnlich wie Amsif („Er ist ein guter Fußballer, spielt die Bälle hinten gut raus“) ist Haas nun noch mehr Mitspieler als nur Torwart. Trainingseinheiten, in denen Haas als Feldspieler fungiert statt als Torwart, helfen dabei. „Das machen wir öfter“, erzählt der zweifache Familienvater: „Es hilft einem einfach weiter zu wissen, wie es auf dem Feld ist. Als Torwart hat man das Spiel ja nur vor sich, im Feld findet es 360 Grad um dich herum statt.“

Verantwortung für die Familie

Braucht er diesen Druck, um sich zu verbessern? „Der Druck ist eher persönlicher Natur, dass es darum geht, seinen Job zu behalten, Geld zu verdienen und seine Familie versorgen zu können“, zeigt Haas für Fußballprofis nicht unbedingt alltägliche Züge: „Gerade in Phasen, wo es nicht so läuft, wird einem vor Augen geführt, welche Verantwortung man da hat.“ Verantwortung, die er gerne übernimmt, schließlich ist es die Familie, „die einen auffängt“, wenn es mal nicht wie gewünscht läuft.

Die für ihn gute Nachricht lautet: Derzeit hat er seinen Platz im Düwel-Team sicher, auch wenn sich Konkurrent Amsif kämpferisch gibt und das Rennen um den Platz zwischen den Pfosten „tagtäglich offen“ betrachtet. Womit sich auch die gute Laune von Daniel Haas in den Tagen an der spanischen Mittelmeerküste erklären lässt.