Lange Jahre wurde ihr der Status einer Festung nachgesagt. Die Mannschaften, die in die Alte Försterei reisten, taten dies mit einer gehörigen Portion Respekt. Man wusste, wer beim 1. FC Union antreten muss, hat kein leichtes Spiel. Wegen der Fans, die ihr Team bedingungslos unterstützen in Berlins größtem, reinen Fußball-Stadion mit seiner besonderen Atmosphäre.
Und der Berliner Fußball-Zweitligist wusste um sein Pfund, mit dem er seit der Rückkehr ins Bundesliga-Unterhaus im Jahr 2009 wuchern konnte. Stets war es das schmucke Stadion in Köpenick, in dem der Grundstein für die Punkteausbeute einer gesamten Spielzeit gelegt wurde. So sagte denn auch Norbert Düwel, Unions Trainer, vor der Partie am Sonntag gegen den FSV Frankfurt (13.30 Uhr, Alte Försterei): „Die Basis im Abstiegskampf ist, die Heimspiele zu gewinnen.“
Damit ließe sich eigentlich mit größtem Selbstvertrauen in den vorletzten Auftritt des Jahres vor heimischer Kulisse gehen. Wenn es da nicht einen Fakt geben würde, der einer ultimativ breiten Brust entgegenspricht: der Blick auf die Tabelle. Ein Fakt, der belegt, dass es in der Saison 2014/15 keineswegs mehr so weit her ist mit der Heimstärke, die Union landesweit berühmt gemacht hat. Acht Punkte haben die Köpenicker bislang zuhause geholt, deren neun hingegen auswärts – erstmals seit dem Wiederaufstieg hat Union nach 15 Spieltagen in der Fremde mehr Punkte geholt. Allein dies dokumentiert die Misere.
Vor allem die Gäste feiern in der Alten Försterei
Die Festung Alte Försterei ist zum Festzelt mutiert, in dem vor allem die Gäste feiern. „Damit haben wir uns natürlich beschäftigt“, sagte Düwel. Er wolle das eine oder andere überdenken. Das gilt für personelle Überlegungen als auch für taktische Maßnahmen. Denn unabhängig von der Punkteausbeute waren auch die Auftritte der Berliner – wenn man die komplette Spielzeit betrachtet – auf Reisen zuletzt auch ansehnlicher als in der Hauptstadt.
„Gegen Fürth haben wir fünf Minuten versagt, gegen 1860 München 50 Minuten“, verdeutlichte Düwel, ohne jedoch den Stab komplett über seine Spieler zu brechen: „Es ist ja aber nicht so, dass wir komplett versagt hätten.“ Man hätte schon im Anschluss ein „ordentliches Heimgesicht“ (Düwel) gezeigt.
Das mag sicherlich stimmen, doch die Ausgeglichenheit der Zweiten Liga vor allem im unteren Drittel verlangt 90 Minuten höchste Konzentration. Diese hatte der Union-Jahrgang 2014/15 jedoch nur gegen RB Leipzig (2:1) an den Tag gelegt. Selbst im zweiten Heimsieg gegen Sandhausen (3:1) hatte es nur zu 45 Minuten gereicht.
Großer Druck durch die Kulisse
„Der Druck vor den Fans, vor der Kulisse ist entsprechend groß“, erklärte Düwel. Wo andere Trainer stets den Vorteil der Unterstützung durch die eigenen Fans heraus stellen, sieht der derzeitige Union-Coach eher einen Nachteil, ohne Zweifel bedingt durch eine Hinrunde, in der man weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist.
Gerade in der derzeitigen Situation – Union geht als Tabellen-13. mit nur zwei Zählern Abstand zur Abstiegsregion in sein 16. Saisonspiel – „will jeder immer toll abliefern. Und wie es dann bei Menschen immer so ist, wenn man etwas besonders toll machen will und übermotiviert ist, geht der Schuss nach hinten los.“
Genau das sollte gegen die Frankfurter nicht passieren. Denn mit Blick auf die letzte, zumal englische Woche des Jahres gilt es, ein so großes Punktepolster wie nur möglich anzusammeln. Denn trotz der diesjährigen Auswärtsstärke Unions können Punkte oder gar Siege in Braunschweig (13. Dezember) und Düsseldorf (19. Dezember) keineswegs einfach so eingeplant werden.
Der FSV Frankfurt ist auswärts sehr stark
Dass die Aufgabe gegen die Hessen nicht einfach wird, haben die vergangenen Wochen gezeigt. Denn auch wenn der FSV – bei allem Respekt natürlich – nicht den größten Klang in Liga zwei besitzt, gehört ihm das beste Auswärtsteam der Liga. 15 ihrer 18 Punkte holten die Frankfurter auswärts, die letzten vier Partien auf fremdem Terrain wurden allesamt gewonnen. „Diese Auswärtsserie ist nicht wegzudiskutieren. Der FSV steht vor uns, es ist also nicht angebracht, sie auf die leichte Schulter zu nehmen oder gar überheblich zu werden“, mahnte Düwel.
Zugleich muss der Trainer dafür sorgen, dass seine Mannschaft nach dem Sieg in Aue (2:1) nicht erneut den Ernst der Lage aus den Augen verliert. Motto: Jetzt läuft es endlich. „Unsere Aufgabe ist es, dem entgegenzuwirken“, sagte Düwel, „aber meine Mannschaft ist derart auf das Spiel gegen Frankfurt fokussiert, dass wir nicht in alte Fehlermuster verfallen.“
Nur so kann Union die Vorlagen nutzen, die die Konkurrenz am Freitag und Sonnabend gegeben hat. Der FC St. Pauli bleibt nach dem vergebenen Sieg in Bochum (3:3) ebenso im Tabellenkeller wie Erzgebirge Aue nach dem 0:3 beim 1. FC Kaiserslautern. Zumindest auf die beiden direkten Abstiegsplätze kann der Abstand auf sieben und acht Punkte vergrößert werden. Zugleich ließe man den SV Sandhausen trotz dessen überraschenden 3:1 in Düsseldorf wieder hinter sich. „Es könnte ein toller Spieltag für uns werden“, hatte Düwel frohlockt. Dies setzt allerdings einen Sieg gegen Frankfurt voraus. Und das Wiederfinden der Heimstärke.





