Am Anfang war ein lautes Zischen. Es folgte ein süßer Geschmack, prickelnd und belebend. Es geht eben nichts über einen Schluck eiskalte Cola. Irgendwann jedoch gab es den Neuen. Den Energydrink, auch süß, auch prickelnd und belebend. Und plötzlich angesagt, mehr bei Jung, weniger bei Alt. Man hält seinem koffeinhaltigen Getränk eben die Treue, schon aus Tradition.
Tradition ist das Stichwort, wenn es darum geht, die derzeitigen Befindlichkeiten im Profifußball, vornehmlich in der Zweiten Liga, zu beschreiben. Wer am Sonntag (13.30 Uhr) in der Alten Försterei die Partie zwischen dem 1. FC Union und RB Leipzig verfolgt, wird die „besondere Emotionslage“, wie es Union-Trainer Norbert Düwel umschreibt, hautnah miterleben können. In Form von schwarzen Regenponchos aus Plastik, die zu Tausenden auf den Tribünen bereitliegen.
Die Union-Fans wollen damit ihre ultimative Abneigung gegen den Kontrahenten zum Ausdruck bringen. Es ist der Kampf eines über die Jahrzehnte organisch gewachsenen Klubs gegen ein als Marketinggebilde verschrienes Projekt, das vom milliardenschweren Getränkehersteller Red Bull seit 2009 finanziert wird. Es geht um nicht weniger als um die Seele des liebsten Sports der Deutschen.
Ausgrenzung wird als erstrebenswert angesehen
Der Fußball lebe auch von Abgrenzung, hatte Union-Präsident Dirk Zingler gesagt. Abgrenzung, nicht Ausgrenzung. Doch genau darum geht es all jenen, die sich als Bewahrer und Verwalter der so oft zitierten Fußball-Romantik berufen fühlen. Die bundesweite Fan-Kampagne „Nein-zu-RB!“ hält es für ein erstrebenswertes Ziel, „Red Bull zu einem Rückzug aus dem deutschen Profifußball zu bewegen“. Ansichten genährt von der Sorge, etwas wie in Markranstädt nahe Leipzig könne auch mit ihrem Verein irgendwann geschehen.
Im Jahr 2009 übernahm der neu gegründete Klub RasenBallsport Leipzig die Oberliga-Spielerlaubnis vom SSV Markranstädt. Dank der Millionen von Red-Bull-Erfinder Dietrich Mateschitz. Keine Frage, der Vorgang spiegelt die Spitze des Kapitalismus wider in einer Gesellschaft, in der man für Geld alles kaufen kann. Mitglied kann man werden, ist jedoch bei allen Entscheidungen nicht stimmberechtigt. Eine Bankrotterklärung für alle Traditionalisten, die in ihrem Verein mitgestalten, das Sagen haben wollen. Dem rasanten Aufstieg von RB Leipzig schwingt demnach kein süßer, sondern ein fader Beigeschmack mit, zumindest aus der Sicht der Fußball-Romantiker.
Union mit seiner Fan- und Mitgliederabteilung, einem aus der Fanszene stammenden Präsidium und dem strikten Nein zu werbefinanzierten Ansagen von Eckbällen, Zuschauerzahlen und letzten Spielminuten bildet in der immer größer werdenden Anzahl der von Investoren unterstützen Profiklubs sicher eine Ausnahme. Dass es ohne Kommerz aber nicht geht, weiß man zweifellos auch an der Alten Försterei.
Profifußball will vor allem unterhalten
Der Gedanke, das Brauseunternehmen aus Österreich mit seiner „Marketingeinheit für eine Produktmarke“ (Zingler) würde den deutschen Fußball, ja dessen Seele zerstören, greift jedoch zu kurz. Profifußball will bei allem Erfolgsdenken vor allem eines: unterhalten. Ist die Unterhaltung gut, ist das Stadion voll, stimmen auch die Einnahmen, kann der Klub Gewinne erzielen. Das ist bei RB Leipzig nicht anders als auch bei Union.
Und in Leipzig und Umgebung scheint der Wunsch nach guter Fußball-Unterhaltung offenbar groß gewesen zu sein. Zu den bisherigen drei Zweitliga-Partien kamen im Schnitt knapp 27.000 Zuschauer. Und sollte tatsächlich der Aufstieg in die Bundesliga gelingen, dürfte die Leipziger WM-Arena mit ihren rund 45.000 Plätzen öfter ausverkauft sein.
Kein Wunder nach Jahrzehnten, in denen Traditionsklubs wie Dynamo Dresden oder auch Lok Leipzig in der Ödnis der Amateurligen dümpelten, statt großen Fußball zu präsentieren. Weil durch Ultragruppierungen, jenen selbsternannten Bewahrern der Fußballtradition also, jede Entwicklung verhindert wurde, zu einem nicht unerheblichen Teil auch mit Gewalt. Um eben eine solche Entwicklung auszuschließen, habe man sich bei RB Leipzig nach Angaben des Geschäftsführers Ulrich Wolter bewusst gegen das Stimmrecht für Mitglieder entschieden. Diese Denkweise mag nicht jeder befürworten, aber sie ist nachvollziehbar.
Auch der Fußball-Nachwuchs profitiert
Ebenso plausibel ist es, wenn Rainer Milkoreit wissen lässt, wie froh er darüber ist, dass Leipzig, zudem Geburtsstadt des DFB, als Standort von Red Bull ausgewählt wurde: „Sie hätten ja auch woanders hingehen können, dann wäre der Osten leer ausgegangen“, so der Präsident des Nordostdeutschen Fußball-Verbandes. Union sei hier wegen seiner exponierten Hauptstadt-Lage einmal ausgeklammert.
Immer wieder gern vergessen wird, dass vom Engagement des Brause-Imperiums auch der Fußball-Nachwuchs profitiert. Allein 30 Millionen Euro sollen bereits in ein Nachwuchsleistungszentrum investiert worden sein. In Talente, die zu jenen Spielern reifen, denen man zujubelt ob ihrer feinen Spielweise, egal ob Ultra oder Klatschpappenfan.
Allein schon deshalb darf die Wirkung von Red Bull als belebend bezeichnet werden. Trotz der fehlenden Tradition. Und auch wenn viele das nicht prickelnd finden.





