Zweite Liga

Neue Zeit nach Mattuschka - Bei Union steht alles auf Anfang

Ohne den einstigen Kapitän und mit neuer Offensive treten die Berliner nach der Pause in Heidenheim an. Sie wollen Fortschritte zeigen, vor allem aber den ersten Sieg unter Trainer Düwel einfahren.

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Die neue Frisur fiel auf. Nach dem sonnigen Sommer fehlt es noch ein bisschen an Bräune auf dem nun recht kurz geschorenen Haupt von Toni Leistner. Aber sonst fühlt sich der Abwehrspieler des 1. FC Union sehr wohl damit, was seine Freundin in Heimarbeit mit der Maschine da so fabriziert hat. Ein bisschen passt die neue Pracht auch zur Situation des Berliner Zweitliga-Fußballklubs. „Das kann man schon als Kampffrisur bezeichnen“, sagt der 24-jährige Neuling im Team der Köpenicker. Nach fünf sieglosen Pflichtspielen in der neuen Saison stehen die Berliner unter Zugzwang, wenn sie am Sonntag beim Aufsteiger in Heidenheim antreten (13.30 Uhr, Sky). Und der Gegner passt mindestens genauso gut, setzte es doch in der ersten Runde des DFB-Pokals vor gut vier Wochen dort eine Niederlage (1:2).

Den Wert dieser Partie können die Gastgeber allerdings kaum mehr bemessen, der Nutzen für das Spiel am Sonntag dürfte begrenzt sein. Seither tat sich einfach zu viel in Köpenick. Zum Ende der Transferperiode kamen drei Offensivkräfte hinzu, eine verließ den Klub. Trainer Norbert Düwel spricht deshalb von einem Neustart. Genauer von einem „Neustart reloaded“, denn mit dem neuen Mann an der Seitenlinie hat im Sommer ja schon einmal alles von vorn angefangen in der Alten Försterei.

Nun also noch einmal. Und dieses Mal mit anderen Vorzeichen. „Ich spüre absolut mehr Konzentration auf das Wesentliche“, sagt der 46-Jährige. Im Training kann er mit mehr Ruhe arbeiten und auch außerhalb sind die Ablenkungen nicht mehr gegeben, die zuletzt alle bewegten. Da drehte sich letztlich alles um den früheren Kapitän Torsten Mattuschka, für den Düwel in Abstimmung mit der Vereinsführung eine andere Rolle vorgesehen hatte. Doch die Klubikone wollte da nicht mitmachen. Das übertrug sich auf viele Ebenen, irgendwie musste jeder sich nur mit diesem Thema beschäftigen, ob er wollte oder nicht. „Dieses ganze Drumherum ist jetzt weg, ich glaube, das tut allen Beteiligten gut“, sagt Düwel. Der Mittelfeldspieler wechselte in seine Heimat nach Cottbus. Viele, unter ihnen Düwel, fühlten Erleichterung nach dem Abgang. „Auf jeden Fall“, sagt er. Es wirkte, als würde das Mattuschka-Theater die Mannschaft vom Weg abbringen. „Damit hat man niemandem einen Gefallen getan, auch Mattuschka nicht“, so Norbert Düwel.

Variabler und qualitativ breiter aufgestellt

Mit dem Spiel in Heidenheim beginnt jetzt die Zeit nach der Mattuschka-Ära, die immerhin neun Jahre währte. Sie soll deutliche Unterschiede aufweisen, vor allem nicht mehr die Abhängigkeiten von dem Mann in der Offensivzentrale. Um das zu gewährleisten, holte Union kurz vor Transferschluss die drei Offensiv-Leihgaben Martin Kobylanski (Werder Bremen), Maximilian Thiel (1. FC Köln) und Sebastian Polter (Mainz 05). „Der eine oder andere wird auf jeden Fall auflaufen“, kündigte der Trainer an. Besonders von Polter verspricht er sich viel. Die zwei Wochen Länderspielpause kamen den Berlinern gelegen, um die Integration der Neuen zu beginnen. Bis das vollständig gelingt, wird es noch ein Weile dauern.

Als vielversprechend wertet der Trainer immerhin schon die Ansätze: „Wir hatten mit den Neuverpflichtungen das Ziel, in der Quantität und Qualität breiter aufgestellt, sowie in der Taktik variabler zu sein.“ Vor allem Polter hinterließ bereits einen starken Eindruck. „Er hat durch seine Art gezeigt, was er in Zukunft für uns bedeuten kann“, erzählt Düwel. Robust ist der Stürmer, schafft Räume für die Mitspieler, schont sich und die Kollegen nicht. „Er bringt eine Mentalität rein, die hier mit Sicherheit nicht schaden kann“, so Düwel, der beispielsweise im Pokal in Heidenheim Leistungsbereitschaft vermisste bei vielen Spielern.

So einer wie Polter sei auch prädestiniert, in der Hierarchie der Mannschaft schnell aufzusteigen. Nach Mattuschka muss dort ein Vakuum gefüllt werden. So etwas ergibt sich oft von allein durch Auftreten und Leistung der Profis. Doch Düwel versucht mit seinem Stab auch, diese Prozesse der Hierarchiebildung etwas anzuschieben: „Möglichst so, dass die Spieler es nicht merken.“ Vorher mit Mattuschka hatte ganz klar einer das sagen. Jetzt könnte da mehr Vielfalt entstehen. Genau das will Düwel, mehr Verantwortung auf vielen Schultern. „Aber wir sind weit davon entfernt, eine flache Hierarchie zu haben. Sie ist schon ausgeprägt“, betont der Übungsleiter.

Neues System möglich

Neu könnte in Heidenheim auch das System der Berliner sein. In der Pause ließ Düwel, der zuvor eine Dreierkette in der Abwehr bevorzugte, auch die Viererkette üben. Für noch mehr Flexibilität. Wie auch immer Union aufläuft, für den Trainer wird es nun Zeit, dass seine Ideen greifen. Dass die Mannschaft schnell nach vorn spielt, dass sie mutig agiert, dass sie bissig auftritt. Die Spieler müssen die Vorstellungen umsetzen, die Mannschaft muss eine Entwicklung zeigen.

Dass die Berliner nun in Heidenheim noch auf den Überraschungseffekt bauen können mit ihrer neu formierten Truppe, könnte ihnen in jedem Fall einen kleinen Vorteil verschaffen.