Vorwürfe

Mattuschka-Wechsel - Ende mit Schrecken überrascht Union

Während beim Drittligisten Energie Cottbus Rückkehrer Torsten Mattuschka vorgestellt wird, knabbern sie in Köpenick an den Vorwürfen, mit denen der frühere Kapitän sich verabschiedet hat.

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Kurz nach 13 Uhr war es soweit. Torsten Mattuschka betrat in Cottbus die Bühne. Oder viel mehr den Raum, in dem ihn der FC Engerie präsentierte. Vor neun Jahren hatte der Fußballprofi zuletzt das Trikot der Lausitzer getragen. Viel passiert in dieser Zeit, oder? „Ich habe einen Bart, eine Frau und ein Kind. Ansonsten bin ich geblieben, wie ich bin“, sagte er. Ein typischer Mattuschka. Der Mann hat einfach Humor, damit gewinnt er die Menschen für sich.

Gut zwei Stunden vorher in Berlin. Dirk Zingler äußerte sich am Trainingsplatz in der Alten Försterei zu Mattuschka, den alle nur Tusche nennen. Der Präsident des 1. FC Union redete zur Mannschaft. „Ich fühlte mich schon berufen, etwas klarzustellen“, erklärte er. Eigentlich hatte alles erst einmal mit einem leisen Adieu über die Bühne gehen sollen. Ohne viel Aufsehen, soweit das überhaupt geht bei diesem Spieler. Aber Mattuschka sorgte zum Schluss doch für einen lauten Knall. In einem Interview mit der „Bild“ prangerte er das Verhalten von Union-Trainer Norbert Düwel ihm gegenüber an. Der sei letztlich Schuld an seinem Wechsel vom Zweitligisten aus Köpenick in die Heimat zum Drittligisten Energie.

Zingler erkannte den Spieler, der neun Jahre bei Union war, nicht wieder in diesen Worten. Am Abend zuvor hatten sie sich getroffen, herzlich verabschiedet. „Umso überraschter und enttäuschter war ich“, so Zingler. Unterschiedliche Stimmungslagen in gut 130 Kilometer Entfernung. Tusche fuhr gerade noch bei seiner Mutter vorbei, er ist ja gebürtiger Cottbuser, und ließ Union hinter sich. In Köpenick wurde aufgearbeitet.

Klage über den Trainer

Über mangelnde Rückendeckung beschwerte sich der frühere Kapitän, der ja nicht irgendwer war. Er mimte den Alleinunterhalter in jeder Hinsicht. Tusche war Union und Union war Tusche. So zumindest kam es rüber, und so sah es wohl auch Mattuschka. Nach neun Jahren vom Hof gejagt, so fühlte er sich. Von einem neuen Trainer, der keine Lust habe, mit ihm zu arbeiten. Der auch nicht mit ihm reden wollte. „Der Trainer hat mit niemandem so viel gesprochen außerhalb des Platzes wie mit Torsten Mattuschka“, widersprach Zingler. Nur seien die Gespräche nicht im Sinne des zentralen Mittelfeldspielers verlaufen.

So etwas kann schon zu unterschiedlichen Wahrnehmungen führen. Gegen unterschiedliche Sichtweise habe er auch nichts, so Zingler, er könne den Frust des Profis verstehen. Was er nicht teilen kann, sind die Gedanken, die Mattuschka äußerte. „Wer einen Anspruch auf einen Stammplatz ableitet daraus, wie lange er im Klub ist, der ist falsch beim 1. FC Union“, sagte der Präsident. Er sei traurig, dass alles so gekommen ist. Dem Trainer aber, dem macht er keinen Vorwurf.

Eher sich selbst, als Verein habe man zu spät gegen die Zentralisierung der Mannschaft auf die Person Mattuschka gegengesteuert. „Wir haben ihn zur Ikone entwickelt.“ Düwel sollte daran etwas ändern. „Er hat den klaren Auftrag, genau das zu tun, was er tut“, so Zingler: „Die Mannschaft sportlich neu aufzustellen.“ Die Rückendeckung ist dem Trainer dabei garantiert. Verdienste aus der Vergangenheit, das betonte der Präsident, spielten keine Rolle. Trotzdem hoffte Zingler, Mattuschka würde den Weg mitgehen.

Jeder wird gleich behandelt

Der wollte lieber spielen, als darauf zu warten, ob er wirklich gebraucht wird. Dazu gab es in Cottbus einen Dreijahresvertrag, für einen fast 34-Jährigen, der in Berlin einen Kontrakt bis 2015 besaß, kein schlechter Zug. „Jeder braucht ein bisschen Sicherheit“, sagte Mattuschka in Cottbus. Dort darf er wieder der Held sein, seine gewohnte Rolle einnehmen, die ihm in Berlin keiner mehr zugestehen wollte. „Für mich steht der 1. FC Union an erster Stelle. Ich behandle jeden Spieler gleich“, so Dirk Zingler. Gerade mit Blick auf die Zukunft ist diese Einstellung sicherlich nicht verkehrt. Ein Mann mit Perspektive war Mattuschka nicht mehr, doch Union braucht eine Perspektive.

An der wäre schwer zu werkeln, wenn die Art und Weise einzelne unzufrieden macht und diejenigen nicht damit umgehen können. Womöglich bekommt Düwel jetzt mehr Fahrt in seinen Neuaufbau. Zingler sieht dafür einen Ansatz. „Ich glaube, dass Erleichterung in der Mannschaft da ist. Alle sind froh, dass es nicht mehr um den 1. FC Mattuschka geht, sondern um den 1. FC Union Berlin“, sagte Zingler. Er habe das gespürt, als er auf dem Rasen vor den Profis stand. Jetzt geht es wieder um Fußball in Köpenick.

Um den steht es nicht sonderlich gut. Drei Punkte nach vier Spielen in der Zweiten Liga, im Pokal schied Union aus – trotz 90 Minuten Mattuschka auf dem Platz. „Wir haben damit gerechnet. Wir rechnen sogar mit weiteren Schwierigkeiten“, erzählte Zingler. Inzwischen gibt es viele neue Spieler, sieben sind es. Die Mannschaft wurde verjüngt, der neue Trainer will ein neues Spielsystem etablieren. Das konnte so schnell nicht funktionieren.

Abstiegskampf möglich

Doch der Klub ist von seinen Maßnahmen überzeugt. „Wir lassen Norbert Düwel arbeiten“, so Zingler. Seine Nerven scheint nichts zu strapazieren: „Es ist nicht ausgeschlossen, dass wir in so einer Umbruchssaison gegen den Abstieg spielen. Das halten wir als Verein aus.“ Wahrscheinlich habe Toni Leistner, 24, der vom Zweitligaabsteiger Dresden kam, sogar mehr Erfahrung darin, sich im Tabellenkeller zu behaupten als Mattuschka, warf der Präsident noch ein.

Obwohl sie geräuschvoll waren und er die nachträglichen Äußerungen „unprofessionell“ fand, will Zingler die vergangenen drei Wochen nicht in den Vordergrund stellen. Im Verhältnis zu Torsten Mattuschka zählten für ihn die ganzen neun Jahre, vor allem die persönliche Ebene. Deshalb soll er ein Abschiedsspiel bekommen. Wann, das steht noch nicht fest. Aber bis dahin bleibt sicher genug Zeit, den unschönen Schluss eines langen gemeinsamen Weges zu verarbeiten.