Es war Sonnabendmorgen, 9.45 Uhr, als sich ein Trio auf den Weg in die Mannschaftskabine des 1. FC Union in der neuen Haupttribüne machte. Wie vor jedem Spieltag sollte Präsident Dirk Zingler eine kurze Ansprache an die Spieler halten. Ihn begleiteten Trainer Uwe Neuhaus und Manager Nico Schäfer. Doch statt die Profis auf die Partie gegen den 1. FC Kaiserslautern einzuschwören, gab es eine überraschende Neuigkeit vom Präsidenten: Zum Saisonende trennt sich der Klub nach sieben Jahren von seinem Trainer, mit dem er wohl die konstanteste und erfolgreichste Zeit in der Vereinsgeschichte erlebt hat.
Die Spieler schauten während der Worte von Dirk Zingler zu Boden, versuchten keine Regung zu zeigen, während der Präsident die Nachricht verkündete, die für Union-Verhältnisse einem Erdbeben gleichkommt. „Nach gründlicher Analyse der sportlichen Situation sind wir zu der Überzeugung gekommen, dass für eine erfolgreiche Arbeit in der kommenden Saison ein mentaler und emotionaler Neustart im sportlichen Bereich notwendig ist. Ein personeller Wechsel auf der Cheftrainerposition bietet die Chance für einen solchen Neustart“, begründete Dirk Zingler die Entscheidung später.
Am Donnerstag hatte sich eine Runde, der neben dem Präsidium noch weitere Vereinsentscheider angehörten, getroffen und sich für einen Neubeginn in der sportlichen Leitung ausgesprochen. Abgestimmt hatten neben Dirk Zingler noch die beiden Präsidiumsmitglieder Jörg Hinze und Dirk Thieme. Neuhaus, der am gleichen Tag auf einer Pressekonferenz noch keine konkreten Antworten zu seiner persönlichen Zukunft geben wollte, wurde erst am Freitag über seine Entlassung informiert. Da der Vertrag des Trainers erst im November des letzten Jahres bis 2016 verlängert wurde, wird er mit einem mittleren sechsstelligen Betrag abgefunden werden.
Keine Euphorie mehr entfacht
Der Grund für die überraschende Entlassung des dienstältesten Trainers im deutschen Profifußball liegt weniger in der sportlichen Misere mit nur vier Siegen in der Rückrunde. Zu wenig für den Anspruch, bis zuletzt um den Aufstieg mitzuspielen. Diese Enttäuschung über die verpasste Chance hat letztlich vor allem den Ausschlag für das Gedankenspiel einer Trainerentlassung gegeben. Denn bis dahin stand Neuhaus in seiner Amtszeit nie ernsthaft in Frage. Gescheitert ist der 54-Jährige vor allem an einem Grundgefühl. Im Verein herrschte nicht mehr die Überzeugung, dass der Trainer eine Grundstimmung für einen sportlichen Lauf erzeugen kann. Das Auslösen einer Euphorie, die die Mannschaft auch über ihr eigentliches Leistungsvermögen antreibt, wurde ihm nicht mehr zugetraut. Neuhaus sah das am Donnerstag noch anders: „Da können Sie sich sicher sein, dass ich noch Euphorie entfachen kann.“ Die Entscheidung für die Trennung kann der Trainer nicht nachvollziehen. „Die nach dem hervorragenden Start in die Saison, aber einer auch für mich enttäuschenden Rückrunde getroffene Entscheidung des Vereins bedauere, aber respektiere ich“, ließ er per Pressemitteilung wissen.
Nachfolger-Suche ohne Zeitdruck
Die Suche nach einem neuen Trainer hat nun höchste Priorität bei Union. Das Anforderungsprofil an den Neuen ist klar. Er muss vom Typ zum Verein passen und soll eine neue Aufbruchstimmung entfachen. Doch auch wenn die Zeit hinsichtlich der Kaderplanung für die neue Saison drängt, hat sich das Präsidium als Motto für die Suche gesetzt: „Überzeugung geht vor Zeitdruck.“ Auch an der im deutschen Profifußball etwas unüblichen Struktur in der Profiabteilung will der Verein festhalten. Bei Union war Uwe Neuhaus seit der Entlassung von Manager Christian Beeck vor drei Jahren alleinverantwortlich für die sportliche Leitung. In Deutschland ist normalerweise der Manager der Vorgesetzte des Trainers. Dieser Konstruktion verdankt Nico Schäfer seinen sperrigen Titel. Auf der Visitenkarte des Managers, der, obwohl eng mit Neuhaus befreundet, bei Union bleibt, steht: „kaufmännisch-organisatorischer Leiter der Lizenzspielerabteilung“. Zingler vergleicht das gern mit einem Betontechnologen, von dem es auch nur einen in seiner eigenen Firma gebe: „Nur einer ist für das Produkt verantwortlich.“
An der Situation der am Dienstag aussortierten Profis Adam Nemec und Baris Özbek ändert sich trotz der Trainer-Entlassung nichts. Beide haben bei Union Vertrag bis 2016 und sollen sich einen neuen Verein suchen. Die Aussortierung der Spieler hat nicht Neuhaus allein entschieden, sondern wurde vom Präsidium beschlossen. Offen halten sich die Köpenicker aber die Option, dass ein neuer Trainer eventuell mit einem der beiden weiterarbeiten möchte, wenn die geschassten Spieler bis dahin noch keinen neuen Verein gefunden haben. Im Idealfall hofft die Vereinsführung, beide ohne Abfindung ziehen lassen zu können.
Vor dem neuen Gefühl, dass sich Union zur nächsten Saison wünscht, gibt es in den verbleibenden drei Spielen dieser Spielzeit noch einmal Emotionen mit Uwe Neuhaus. Es wird spannend sein, wie der eiserne Anhang am Montagabend im ausverkauften Stadion an der Alten Försterei die überraschende Trainerentlassung aufnehmen wird. Möglich, dass man sich in Zukunft noch einmal nach dem alten Gefühl sehnen wird.





